Zahlreiche Wirtschaften bewegten nicht nur Fußballspieler zum Feiern – bis schließlich das große Kneipensterben begann.

Die Gathe um 1915: Die Straße ist belebt, zahlreiche Schankwirtschaften locken zur Einkehr. Fotos (2): Sammlung Nicke
Die Gathe um 1915: Die Straße ist belebt, zahlreiche Schankwirtschaften locken zur Einkehr. Fotos (2): Sammlung Nicke

Die Gathe um 1915: Die Straße ist belebt, zahlreiche Schankwirtschaften locken zur Einkehr. Fotos (2): Sammlung Nicke

Nur eine von vielen Lokalitäten, ehe das Kneipensterben einsetzte: Die Gasstätte „Zum bürgerlichen Bräuhaus“-

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Die Gathe um 1915: Die Straße ist belebt, zahlreiche Schankwirtschaften locken zur Einkehr. Fotos (2): Sammlung Nicke

Gathe. Wer eine Wette platzieren will, sein Glück an Spielautomaten testen möchte, ein Faible für morbiden Charme hat oder die Gesellschaft von Menschen sucht, die nicht jeder zum Freund haben möchte, der ist auf der Gathe an der richtigen Adresse. „Wuppertals Zonenrandgebiet“ wurde der „Angstraum“ auch schon genannt, der vom Uellendahl und aus der Nordstadt in die Elberfeler City führt. Eine Gegend, in der man sich nicht wohl fühlt, und die für auswärtige Gäste, die von der A 46 nach Elberfeld wollen, alles andere als einen positiven Eindruck von Wuppertal vermittelt.

Die größte deutsche Bank und ein renommiertes Elektrofachgeschäft gaben unter anderem ihre Niederlassungen an der Gathe auf und trugen damit zu einer weiteren Verwahrlosung der verkehrsreichen Straße bei, die vor 20, 30 oder 40 Jahren Jahren noch eine Art Partymeile war. Vor allem in der Nacht zum Samstag für Teens und Twens oder reifere Jahrgänge stellte sie eine gefragte Adresse dar.

Da gab es nämlich das „Spiegelchen“, das „Monocle“, „Oma Plüsch“, „Muckefuck“, „Harveys Kneipe“, oder in der näheren Umgebung die Disco „Tropicana“, den „Schrank“, die WZ-Leser Thomas Schoppmann wehmütig auflistet und vermerkt: „Da war vor allem zu Karneval immer etwas los, und Gewalt gab es so gut wie keine.“

„,Paul‘ s Pub‘“ war sogar eine Kneipe mit Kaminfeuer, in der ich 1972 als Student gekellnert habe“, ist Rainer Widmann noch in lebhafter Erinnerung.

Trainer drückten mal ein Auge zu, wenn die Leistung stimmte

Natürlich auch das Kellerlokal „Pferdestall“, eine „Location“, in der sich die Fußballer der legendären TuS Viktoria 96 besonders wohl fühlten. „Wenn wir mal wieder den GA-Pokal gewonnen hatten, sind wir von der Feier im Pressehaus in den Pferdestall gefahren. Der hatte so eine Art Bar-Charakter mit Musik und Tanz“, erinnert sich Ernst Orthmann (79), und der damalige Mannschaftskapitän Gerd Bönschen fügt hinzu. „Natürlich kam man da nur in gesellschaftsfähiger Kleidung, also mit Anzug und Krawatte rein.“

„Ja, und wenn man von Tanz und Getränken nochmal Hunger gekriegt hatte, dann ging man gegenüber in den Wienerwald. Da kriegte man auch spät noch ein halbes Hähnchen“, weiß Ex-Stürmer Günter Straka.

„Die Stadt hätte versuchen sollen, Einzelhandel und Künstler-Ateliers zu etablieren.“

Thomas Schoppmann

Ja, die Gathe und die Fußballer. Aus den Spielern, die in der Nacht zum Samstag die Lokale bevölkerten und intensiven Kontakt zur reichlich vorhandenen holden Weiblichkeit suchten, hätten sich problemlos mehrere spielstarke Mannschaften formen lassen.

„Natürlich habe ich das nicht gern gesehen, wenn die Jungs Freitagabend auf die Piste gingen“, hegt Wolfgang Bergemann, einst Trainer bei den WSV-Amateuren, dem Cronenberger SC, dem TSV Ronsdorf oder dem ASV, zwiespältige Gefühle für das einstige Vergnügungsviertel.

„Aber das waren doch Jungs, die auch mal vom süßen Nektar naschen wollten“, äußert er augenzwinkernd Verständnis. „Und wenn sie sonntags auf dem Platz wieder Leistung gebracht haben, dann habe ich das toleriert.“

Nationalspieler Holger Fach war nie in den einschlägigen Lokalen

Einen prominenten Wuppertaler Kicker suchte man im „Spiegelchen“ oder den anderen einschlägigen Lokalen allerdings vergeblich: Holger Fach. „War ich nie, kenn ich nicht“, so das Mittelfeld-Ass. Im Gegensatz zu den Gathe-Fans hat er es allerdings auch auf mehr als 400 Bundesligaspiele und einige Nationalmannschaftseinsätze gebracht.

„Ende der 80er Jahre setzte dann ein Strukturwandel ein“, berichtet WZ-Leser Thomas Schoppmann. „Unsere Generation wurde älter und gründete Familien.“

„Event-Locations“ wie der „Barmer Bahnhof“ waren plötzlich gefragter. „Außengastronomie“ – an der Gathe aufgrund der Verkehrsverhältnisse nicht möglich – erfreute sich zunehmend großer Beliebtheit, und auf der Gathe setze ein Kneipen-Sterben ein. Und nicht zuletzt auch ein Wandel der Bewohnerstruktur. Mit der Gathe ging es bergab. Zwar sind die Zustände noch nicht so wie im frühen 19. Jahrhundert, als es vom damaligen Elendsviertel hieß: „Auf der Gathe ist es schön, wo die Männer Branntwein saufen, Weib und Kinder barfuß laufen und die Wanzen Schildwach stehn.“ Doch viel Staat ist auch heute mit der breiten Straße nicht mehr zu machen. Thomas Schoppmann gibt der Politik die Schuld: „Die Stadt hätte versuchen sollen, Einzelhandel und Künstler-Ateliers zu etablieren.“

Aber mit der Schließung des „Odysseus“ (allerdings aus Altersgründen) gehört auch das letzte Verkehrslokal von Künstlern der Vergangenheit an. Dort waren zum Beispiel Pina Bausch, ihre Tänzerinnen und Tänzer, Schauspieler und Vertreter der schreibenden Zunft treue Stammgäste.

Nostalgie und Melancholie erzeugt sie noch bestenfalls, die vor sich hin gammelnde Gathe.

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