In Spitzenzeiten lebten 120 Kinder in dem evangelischen Heim. Heute sind es noch 37.

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Das Heim an der Meckelstraße wurde ausgebombt. Nach dem Krieg wurde 1959 an der Nesselstraße gebaut.

Das Heim an der Meckelstraße wurde ausgebombt. Nach dem Krieg wurde 1959 an der Nesselstraße gebaut.

privat

Das Heim an der Meckelstraße wurde ausgebombt. Nach dem Krieg wurde 1959 an der Nesselstraße gebaut.

Barmen. An der Nesselstraße gibt es viel zu feiern: Vor 170 Jahren gründete die Gemeinde Unterbarmen einen Verein zur Rettung der Kinder, den Vorläufer des späteren Kinderheims. Und seit 50 Jahren gibt es die Einrichtung an der Nesselstraße. Beides wird am 19. September gefeiert.

Die Vereinsgründung 1839 hing eng mit der voranschreitenden Industriealisierung zusammen: Kinderarbeit in den Fabriken war - schon für achtjährige Kinder - an der Tagesordnung. Tausende von verwahrlosten Kindern lebten auf der Straße. 1840 zogen die ersten Kinder mit ihren Hauseltern in gemietete Räume. 1850 stiftete der Industrielle Peter de Weerth das Grundstück in der Meckelstraße und 1851 wurde dort ein Kinderheim gegründet.

Das Heim an der Meckelstraße wurde ausgebombt, die Kinder evakuiert

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Meckelstraße ausgebombt und die Kinder mit den Hauseltern evakuiert. Nach 1945 wurden die Kinder in einer Baracke in der Nesselstraße betreut. Am 19. September 1959 wurde der Neubau an der Nesselstraße eröffnet. "In Spitzenzeiten lebten hier bis zu 120 Mädchen und Jungen", sagt die heutige Leiterin Bärbel Hoffmann. Die Struktur mit dem großen Wirtschaftsgebäude und sechs kleinen Gruppenhäusern besteht noch heute. Früher versorgte sich das Heim selbst - auf dem großen Gelände wurde Landwirtschaft betrieben.

Und heute? 37 Kinder zwischen zwei und 19 Jahren leben an der Nesselstraße in unterschiedlichen Gruppen. Insgesamt gehören zu dem Heim , das weitere Wohngruppen außerhalb Unterbarmens betreibt, 69 Kinder. Auf dem Gelände gibt es seit 2008 auch eine eigene Schule.

97 Prozent der Kinder kommen aus Wuppertal. "Nur so haben wir eine Chance auf Zusammenarbeit mit den Eltern", sagt Hoffmann. Ziel sei es immer, dass die Kinder - wenn möglich - wieder zurück zu ihrer Familie können. Das gelinge allerdings nicht immer. Dauert der Aufenthalt länger als zwei Jahre, sei eine Heimkehr sehr schwierig. Rund ein Drittel der Kinder kann wieder nach Hause zurück, der Aufenthalt dauert in der Regel ein bis zwei Jahre.

"Sie zeigen Verhaltensweisen, mit denen Pflegefamilien überfordert wären."

Leiterin Bärbel Hoffmann

Das Kinderheim gehört zur Evangelischen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Wuppertal. Der Geburtstag wird am 19. September ab 11 Uhr an der Nesselstraße gefeiert. Die Feier ist öffentlich.

Kritik übte die Leitung des Kinderheims an den Sparplänen der Stadt. Wie berichtet, kann die Stadt laut eines Gutachtens im Jugend-Ressort jährlich etwa 7,5 Millionen Euro sparen. In Zukunft sollen mehr Kinder in Pflegefamilien untergebracht werden. Jährliches Sparpotential: 5,5 Millionen Euro. Thomas Bartsch befürchtet: "Das läuft auf Kosten der Kinder." Es sei wichtig, dass sich die Entscheidung ob Pflegefamilie oder stationäre Einrichtung am Bedarf des Kindes orientiere, so Hoffmann. Es sei schlimm, wenn die Unterbringung in der Pflegefamilie scheitert. Die Familien müssten gut auf Verhaltensauffälligkeiten vorbereitet werden, es reiche nicht, lieb zu sein und sich gut um die Kinder zu kümmern.

Längst ist das Kinderheim kein "Waisenhaus" in klassischem Sinne mehr. Die Kinder werden stationär untergebracht, weil die Lebenssituationen in ihren Familien aufgrund von Arbeitslosigkeit, psychischen oder Suchterkrankungen und Gewalt sehr schwierig sind - nicht weil sie keine Eltern mehr haben.

Pflegefamilien kommen für die betroffenen Kinder nicht infrage, sie brauchen dringend fachlich geschultes Personal. "Sie zeigen Verhaltensweisen, mit denen Pflegefamilien überfodert wären. Einige nässen oder koten sich stark ein, horten Lebensmittel oder sind sehr aggressiv", sagt Hoffmann.

Den Kindern gehe es in der Einrichtung viel besser. "Sie leben endlich wieder in einer festen Struktur, werden musisch und sportlich gefördert", sagt Thomas Bartsch, der zusammen mit Hoffmann Geschäftsführer des Heims ist. "Wir wollen ihnen etwas mit auf den Weg geben, von dem sie profitieren können, ihnen Werte vermitteln", so Hoffmann.

Die sechs Wohnhäuser auf dem Gelände werden derzeit für insgesamt 500.000 Euro renoviert. Sie bekommen neue Dächer und Fenster und werden energetisch auf den neusten Stand gebracht. Die Baumaßnahmen sind voraussichtlich im Sommer 2010 beendet. Auf dem 14.000 Quadratmeter großen Außengelände ist mit Hilfe von Spenden ein neuer Kunstrasenplatz entstanden.

Das große Hauptgebäude wird für die Betreuung nicht mehr benötigt. Dort soll ein Zentrum für die Familienbildung entstehen.

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