Der Verein „Spurensuche“ möchte einen Gedenkstein an der Friedhofstraße aufstellen.

Wichlinghausen
Ursula Albel, Detlef Westphal, Lieselotte Bhatia und Björn Reitz (v.l.) am Friedhof Friedhofstraße.

Ursula Albel, Detlef Westphal, Lieselotte Bhatia und Björn Reitz (v.l.) am Friedhof Friedhofstraße.

Tatjana Bilyk – mittlerweile 90 Jahre alt – war als junge Frau Zwangsarbeiterin in Wuppertal.

Ihr verstorbener Sohn Viktor.

Uwe Schinkel, Bild 1 von 3

Ursula Albel, Detlef Westphal, Lieselotte Bhatia und Björn Reitz (v.l.) am Friedhof Friedhofstraße.

Wichlinghausen. Beinahe hätte Lieselotte Bhatia die Mail ungelesen in den virtuellen Papierkorb verschoben. Denn der Name des Absenders war gleichlautend mit dem eines Renaissancefürsten und ließ deshalb auf Spam schließen: Cesare Borgia. Die Betreffzeile „Friedhof Friedhofstraße“ gab jedoch Anlass, die Nachricht zu öffnen. Mit einem Mal kam Licht in ein Rätsel, das Bhatia seit Jahren beschäftigt hat, nämlich die Frage, wo gegen Ende des Krieges die Kinder von Zwangsarbeitern beigesetzt worden waren.

Borgia war in einem Buch über Wuppertaler Friedhöfe auf eine wichtige Passage gestoßen, die sich auf den Evangelischen Friedhof an der Friedhofstraße bezog: „Bei der Wichlinghauser Metallwarenfabrik Kolb GmbH in der Rathenaustraße . . . waren während des Zweiten Weltkriegs so genannte Fremdarbeiterinnen und Fremdarbeiter . . . beschäftigt. Von den von diesen Arbeiterinnen geborenen Säuglingen und Kleinkindern, die unter den gegebenen Umständen nur geringe Überlebenschancen hatten, wurden zwischen dem 1. Januar 1944 und März 1945 21 auf dem Friedhof beerdigt.“

Detlef Westphal vom Evangelischen Friedhofsverband Wuppertal entdeckte in einem Beerdigungsbuch Einträge zu 26 Kindern, die in der genannten Zeit auf dem Friedhof bestattet wurden. „Soweit Namen vorhanden sind, lassen diese darauf schließen, dass es sich um Kinder der besagten Zwangsarbeiter aus Osteuropa handelt.“ Alle Kinder seien „im 19. Feld links des Friedhofs Friedhofstraße“ bestattet worden.

Ehemalige Zwangsarbeiter waren 2004 zu Gast in Wuppertal

Kürzlich trafen sich Mitglieder des Vereins „Spurensuche NS-Geschichte in Wuppertal“ an der bezeichneten Stelle, die aber seit den 60er Jahren mit anderen Gräbern belegt ist. Jetzt plant man, auf dem Friedhof einen Gedenkstein an die Kinder zu errichten. Doch nicht nur dafür muss Geld aufgebracht werden. Vielmehr rechnet der Verein auch mit Reisekosten für Besucher aus der Ukraine. Bereits 2004 waren ehemalige Zwangsarbeiter nach Wuppertal gekommen, um nochmals die Stätte ihres Leids aufzusuchen und von ihren schrecklichen Erlebnissen zu berichten.

Unter den Besucherinnen war auch Tatjana Bilyk, die bruchstückhaft vom Tod ihres Sohnes Viktor Titowa erzählte. Er sei damals „in der Nähe eines Gewächshauses beerdigt worden“, hatte sie gesagt. Mit der aktuellen Entdeckung steht fest, dass er am 13. März 1945 auf dem Wichlinghauser Friedhof im 19. Feld links beigesetzt wurde. Ob die mittlerweile 90-jährige Mutter selbst nach Wuppertal reisen wird, um die Grabstätte zu sehen, oder ihre Tochter auf den Weg schickt, ist noch unklar.

Der Verein „Spurensuche“ wurde 2001 gegründet. Ein Ziel ist, ehemaligen Zwangsarbeitern und ihren Angehörigen zu Entschädigungen zu verhelfen, denn erst bei urkundlichem Nachweis der Schicksale werden Zahlungen geleistet.

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