Die Mitarbeiter der WSW-Werkstatt sehen regelmäßig auf dem Schwebebahngerüst nach dem Rechten. Die WZ war dabei.

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Nichts für Schwindelfreie: Bei laufendem Betrieb arbeiten die WSW-Monteure auf dem Schwebebahn-Gerüst über der Wupper.

Nichts für Schwindelfreie: Bei laufendem Betrieb arbeiten die WSW-Monteure auf dem Schwebebahn-Gerüst über der Wupper.

Sicherheit geht vor: Ralf Seeberger (vorn) Andreas Heinecke sind bei ihrer Arbeit auf Wuppertals Wahrzeichen angeseilt.

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Nichts für Schwindelfreie: Bei laufendem Betrieb arbeiten die WSW-Monteure auf dem Schwebebahn-Gerüst über der Wupper.

Wuppertal. Alles vibriert. Das ratternde Geräusch wird lauter und lauter. In einem halben Meter Entfernung sausen mit 60 Stundenkilometern vier riesige Doppel-Stahlräder vorbei. Für Andreas Heinecke, Ralf Seeberger und Jürgen Priebe ist das Alltag. Denn die drei Männer gehören zum Werkstatt-Team der Stadtwerke und arbeiten regelmäßig auf dem Schwebebahngerüst. In zwölf Metern Höhe über der Wupper.

Arbeiten im Drei-Minuten-Takt

Derzeit werden zwischen den Stationen Pestalozzistraße und Westende Wartungsarbeiten durchgeführt. "Diese Arbeiten gehören zu den wenigen, die wir noch tagsüber ausführen können", sagt Werkstattleiter Klaus Dieter Fahl, der an diesem Tag auf der Baustelle vorbeischaut. Alle drei bis vier Minuten müssen die Männer auf dem Gerüst ihre Arbeit unterbrechen - in diesem Rhythmus fahren bekanntlich die Bahnen.

Die Schwebebahnfahrer können die Arbeiter über ihren Köpfen nicht sehen. Für sie gibt es Signale. In entsprechendem Abstand hängt vor dem Arbeitsbereich ein gelbes Schild mit einem schwarzen "A". Für den Fahrer ein Zeichen, dass eine Baustelle kommt. Er muss sich nun durch hupen ankündigen und darf nur noch mit zehn Stundenkilometern fahren. Noch ein Stück weiter weht eine rote Fahne am Gerüst - streng bewacht von Sicherheitsposten Jürgen Priebe. "Die Fahne ist wie eine rote Ampel. Da muss der Fahrer anhalten", erklärt Fahl. Priebe warnt dann seine Kollegen und holt erst nach deren "ok" die Fahne ein.

Am Ende des Sicherheitsbereichs hängt ein grünes Schild mit einem weißen "E". Ab da darf der Fahrer wieder Gas geben. "Sicherheit wird bei uns groß geschrieben", sagt der Werkstattleiter. Zweimal jährlich werden alle Mitarbeiter geschult. Führen Fremdfirmen Arbeiten am Gerüst aus, bekommen die Mitarbeiter eine detaillierte Einführung in die Sicherheitsbestimmungen.

"Ausländische Firmen müssen dafür auch Dolmetscher mitbringen", sagt Fahl. Am Gerüst selbst sind die Sicherheitsbereiche farbig gekennzeichnet. In den grün gestrichenen Bereichen können sich die Männer frei bewegen. Die braun gestrichenen Gerüstteile gelten als Gefahrenzone. Dort dürfen sich Arbeiter nur nach vorheriger Absicherung aufhalten. Wer der Schwebebahn "aufs Dach" steigen darf, muss zuvor einen Gesundheitstest absolvieren. "Bei der G41-Untersuchung werden Hören, Sehen und Schwindelfreiheit getestet", erklärt Klaus Dieter Fahl. "Wer dabei Probleme bekommt, darf nicht mehr nach oben."

Die Baustelle hinter der Station Pestalozzistraße war für Wartungsarbeiten an einer Dilatationsbrücke, auch Temperaturausgleichsbrücke genannt, eingerichtet worden. 60 der 465 Gerüstbrücken sind solche Spezialbrücken.

Da sich der Gerüst-Stahl bei Wärme ausdehnt, sind die Dilatationsbrücken wie Schubladen gearbeitet. Bei Wärme schiebt sich die Brücke zusammen, bei Kälte auseinander. Mit bloßem Auge ist das nicht zu erkennen. Ohne diese Spezialbrücken könnte die Schwebebahn nicht fahren.

Die Mitarbeiter der Gerüstbauwerkstatt identifizieren sich mit der Schwebebahn, für sie ist es ein Privileg, das ihnen einen einzigartigen Arbeitsplatz sichert. Denn aufs Schwebebahngerüst darf nur eine Handvoll ausgewählter Personen.

"Den Kaiserwagen erkennt man am Fahrgeräusch."

Klaus Dieter Fahl, Werkstattleiter

Was nicht heißt, dass die Arbeiter dort oben keinen Besuch bekommen: Regelmäßig sitzen Fischreiher auf den Stahlträgern. "Mit einem Auge sehen sie uns zu, das andere ist immer auf mögliche Beute in der Wupper gerichtet", erzählt der Werkstattleiter lachend. Im Sommer tummeln sich außerdem reichlich Spinnen auf dem Gerüst. "Die Netze wegzumachen wäre Sisyphos-Arbeit." Das Werkstatt-Team hat seine eigene Art, mit den Plagegeistern umzugehen. "Wir schicken immer den größten Kollegen vorneweg", sagt Fahl mit Blick auf Andreas Heinecke. "Dann hat der die Spinnweben am Helm kleben."

Soeben verlässt der Kaiserwagen die Station an der Pestalozzistraße. "Das hört man, der klingt einfach anders", sagt Fahl. Und tatsächlich: Das Rattern ist dunkler und etwas lauter. Und die Räder sehen anders aus, als bei den aktuellen Wagen. Doch trotz aller Unterschiede - auch der Kaiserwagen muss an der roten Fahne halten. Denn die Sicherheit geht immer vor.

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