Interview: Eine Wuppertalerin erzählt wie die Unruhen ihren Alltag in Mahdia verändert haben.

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Auch in Mahdia kommt es – wie auf dem Bild in Tunis – immer wieder zu Demonstrationen.

Auch in Mahdia kommt es – wie auf dem Bild in Tunis – immer wieder zu Demonstrationen.

dpa

Auch in Mahdia kommt es – wie auf dem Bild in Tunis – immer wieder zu Demonstrationen.

Frau Benanih, wie sieht ihr Alltag in Tunesien zur Zeit aus?

Angela Benanih: Unser Leben hat sich seit Beginn der Demonstrationen verändert. In unserer Stadt, Mahdia, gibt es zwischen 18 Uhr abends und sechs Uhr morgens eine Ausgangssperre. Ich selber gehe im Moment auch tagsüber nicht aus dem Haus. Wenn es klingelt, dann öffne ich auch nicht mehr einfach die Tür, sondern frage nach wer da ist.

Fühlen sie sich denn noch sicher?

Benanih: Im Haus selber fühle ich mich eigentlich ganz sicher. Wir haben eine drei Meter hohe Mauer rund ums Haus und zwei Hunde. Vor der Revolution und den Demonstranten habe ich keine Angst, sondern mache mir Gedanken um die Plünderer oder die 1000 Gefangenen. Die wurden in den letzten Tagen aus dem Gefängnis unserer Stadt befreit.

Was spüren Sie von den Unruhen in Ihrer Stadt?

Angela Benanih (Name wurde zum Schutz der Betroffenen geändert) lebt mit ihrem tunesischen Ehemann und ihrer Mutter seit einigen Jahren in Mahdia. Der beschauliche Ferienort an der Küste, liegt rund 20 Kilometer von Monastir entfernt.

Benanih: Auch bei uns in Mahdia gab und gibt es immer wieder Zwischenfälle. Geschäfte wurden geplündert und Polizeiwachen angesteckt. Die letzten zwei Nächte war es ruhig, davor haben wir nachts Schüsse gehört. Als mein Mann vor einigen Tagen gegen 21 Uhr nochmal das Haus verlassen wollte, um einer alten Nachbarin zu helfen, hörten wir direkt Schüsse.

Das heißt, die Wachen haben auf ihren Mann geschossen?

Benanih: Ja, im Dunkeln haben sie kaum eine andere Wahl. Sie wissen ja nicht, ob es ein Plünderer ist, oder man doch nur in der Straße lebt.

Haben Sie vor den Unruhen Einschränkungen durch das Ben Ali-Regime gespürt?

Benanih: Als Ausländerin ging es mir in Tunesien immer sehr gut. Wir Ausländer wurden –nach Weisung von ganz oben – immer besonders freundlich und zuvorkommend behandelt. Für die Tunesier selber war es ein schweres Leben.

Warum?

Benanih: Die Einheimischen hatten alle viel Angst vor der Polizei. Das Zauberwort war Schmiergeld. Damit ging alles viel schneller und einfacher. Trotzdem wurde der Alltag überwacht. In Cafés saß die Geheimpolizei in Zivil, Internetseiten wie Youtube und Facebook wurden kontrolliert oder funktionierten nicht. Wenn jemand dann was gegen das Regime sagte, wurde er sofort verhaftet.

Können Sie die Revolution der Tunesier verstehen?

Benanih: Klar, voll und ganz. Wir haben auch viele Nichten und Neffen, die nach dem Studium arbeitslos waren. Diese Perspektivlosigkeit, die Armut und die Überwachung durch das Regime hat die Menschen auf die Straßen getrieben.

Stehen Sie in Kontakt zu Ihren Freunden und der Familie in Wuppertal?

Benanih: Ja, wir haben täglich mit allen Freunden über Facebook und Telefon Kontakt. Sie machen sich natürlich Sorgen um uns und wüssten uns am liebsten in Deutschland in Sicherheit.

Denken Sie denn manchmal über eine Rückkehr nach Wuppertal nach?

Benanih: Nein, überhaupt nicht. Ich bleibe auf jeden Fall in Tunesien und glaube, dass es bald besser wird. Es kann ja nur besser werden. Ich bin überzeugt davon, dass es in Tunesien bald eine Demokratie geben wird.

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