Jürgen Kuczynski stammte aus einer angesehenen und wohlhabenden jüdischen Familie, wurde gleichwohl Kommunist und überwarf sich beizeiten mit den DDR-Oberen.

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Jürgen Kuczynski verbrachte seine ersten beiden Lebensjahre im Zooviertel. Er hinterließ in der DDR eine der größten und wertvollsten Privatbibliotheken Deutschlands.

Jürgen Kuczynski verbrachte seine ersten beiden Lebensjahre im Zooviertel. Er hinterließ in der DDR eine der größten und wertvollsten Privatbibliotheken Deutschlands.

Zentral- und Landesbibliothek Berlin

Jürgen Kuczynski verbrachte seine ersten beiden Lebensjahre im Zooviertel. Er hinterließ in der DDR eine der größten und wertvollsten Privatbibliotheken Deutschlands.

Wuppertal. Der wohl bekannteste ostdeutsche Historiker wurde am 17. September 1904 in eine wohlhabende jüdische Elberfelder Familie hineingeboren. Der Vater arbeitete als Statistiker, die Mutter, Bertha Kuczynski geb. Gradenwitz, war Malerin.

Kuczynski studierte Wirtschaftswissenschaften und Statistik sowie Philosophie in Erlangen, Berlin und Heidelberg sowie in den USA. Ende der 1920er-Jahre kehrte er nach Berlin zurück, wo er sich der KPD anschloss. Er war Redakteur von deren Zentralorgan „Rote Fahne“, für die er wirtschaftspolitische Beiträge schrieb.

1936 ging Kuczynski ins englische Exil, wo er sich auch politisch betätigte und weiter wissenschaftlich arbeitete. Das Kriegsende sah ihn als US-amerikanischen Colonel. Für die Army kehrte er nach Deutschland zurück. In deren Auftrag nahm er persönlich in Heidelberg den Chef der stark diskreditierten „IG Farben“, Hermann Schmitz, fest.

Kuczynskis Weg führte ihn schnell in die Sowjetische Besatzungszone, aus der 1948 die DDR hervorging. Der extrem belesene und ungeheuer produktive Wissenschaftler besaß gute Kontakte zu den Generalsekretären der SED Walter Ulbricht und Erich Honecker. Seine in deren Augen oft eigenmächtigen Aktionen machten ihm das Leben jedoch nicht immer leicht. Vor allem verübelten sie ihm die 1983 erfolgte Herausgabe des „Dialogs mit meinem Urenkel“, in der er kritisch mit der Wissenschaftspolitik der DDR-Oberen ins Gericht ging. Gleichwohl konnten diese „19 Briefe und ein Tagebuch“ nur mit starken Streichungen erscheinen.

Er schrieb wie besessen, darunter eine 40-bändige „Geschichte der Lage der Arbeiter im Kapitalismus“. In der DDR begründete er die so genannte Alltagsgeschichte und übernahm eine Reihe politischer Ämter, darunter dasjenige des Chefs der „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“. 1950 wurde er im Rahmen einer zahlreiche Bereiche des politischen Lebens – in erster Linie Westemigranten und Juden – erfassenden „Säuberung“ dieser Funktion enthoben.

In den folgenden Jahren überstand er zahlreiche polemische Attacken des SED-Apparats wohl auch deshalb, weil er wissenschaftliche Kontakte rund um den Erdball und nicht zuletzt in den Westen pflegte. Schwer in Ungnade fiel er auch mit dem bereits Mitte der 1950er-Jahre herausgekommenen Buch über den „Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die deutsche Sozialdemokratie“, das ihm als zu SPD-freundlich angekreidet wurde.

Rund 65 000 Bände umfasste seine persönliche Bibliothek. Er starb am 6. August 1997 in Berlin.

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