Leonid Goldberg, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Wuppertals, spricht im WZ-Interview über die neue Feindseligkeit gegen Juden – und warum er trotzdem glücklich ist, hier zu leben.

Leonid Goldberg: „Zwischen den Religionen gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.“
Leonid Goldberg: „Zwischen den Religionen gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.“

Leonid Goldberg: „Zwischen den Religionen gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.“

Andreas Fischer

Leonid Goldberg: „Zwischen den Religionen gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.“

Herr Goldberg, werden Juden in Wuppertal heute wieder wegen ihres Glaubens diskriminiert?

Leonid Goldberg: Ja! Besonders in letzter Zeit gibt es judenfeindliche Tendenzen unter muslimischen Jugendlichen. Das Neue daran ist, dass diese nicht nur von jungen Leuten, die aus arabischen Ländern stammen, geäußert werden, sondern auch von türkischstämmigen Jugendlichen. Das hat nach unserer Beobachtung gerade in den vergangenen zwei Jahren zugenommen.

Wie äußert sich das?

Goldberg: Grundsätzlich ist „Jude“ auf den Schulhöfen unter Jugendlichen, nicht nur muslimischen, mittlerweile zum Schimpfwort geworden – das kann Ihnen jeder Lehrer bestätigen. Inzwischen ist Judenfeindlichkeit offenbar aber auch ein Bestandteil der Erziehung, und das kommt dann immer wieder stärker hoch, wenn es internationale Konflikte gibt. Ich kann Ihnen dazu ein Beispiel nennen.

Und zwar?

Goldberg: Wir haben etwa zwei-, dreimal pro Woche Schulklassen zu Besuch in der Synagoge. Darunter war vor gut einem Jahr ein muslimisches Mädchen, das fragte auf einmal ganz unvermittelt, warum Juden Muslime töten. Ich wusste gar nicht, was ich antworten sollte, sagte ihr, dass es zwar Konflikte gibt, aber dass es doch generell nicht so ist. Darauf sagte sie, sie habe das in den Nachrichten gesehen – im türkischen Sender von Al-Dschasira.

Glauben Sie, dass junge Moslems auch in Wuppertal durch solche Propaganda radikalisiert werden?

Goldberg: Auf jeden Fall!

Bleibt es denn bei verbalen Anfeindungen oder kommt es auch zu körperlicher Gewalt?

Goldberg: Im April oder Mai vergangenen Jahres ist ein Junge aus unserer Gemeinde von vier arabisch-stämmigen Jungen verprügelt worden – krankenhausreif. Die Polizei wollte das damals als normalen Streit unter Jugendlichen abwiegeln. Aber - und das haben auch Zeugen bestätigt - das war nur, weil er Jude ist. Er wurde vorher entsprechend beschimpft.

Was sagen die Mitglieder Ihrer Gemeinde dazu? Haben manche von ihnen Angst, sich öffentlich als Juden zu erkennen zu geben?

Goldberg: Angst in dem Sinne nicht. Aber fragen Sie mal unseren Rabbiner. Der sagt, wenn er mit Kippa (der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung; Anm. d. Red.) über den Werth geht, wird er von Muslimen, vor allem Jugendlichen, beschimpft.

Was fühlen Sie bei dem Gedanken, dass man sich als Jude auf einer deutschen Straße nicht mehr mit Kippa zeigen kann?

Goldberg: Natürlich ist das schlimm! Ich habe zum Beispiel nichts dagegen, wenn muslimische Frauen Kopftücher tragen. Wenn ihre Religion das erfordert, sollen sie das tun. Diese Toleranz erwarte ich aber auch umgekehrt von muslimischer Seite.

Wünschen Sie sich mehr Solidarität von den Vorsitzenden der Wuppertaler Moscheevereine?

Goldberg: Wir haben eigentlich ein gutes Verhältnis zu vielen Moscheevereinen – ob an der Wittensteinstraße, am Diek oder an der Gathe. Ich bin mir sicher, die Vorstände unterstützen uns auch. Aber was kann ein Vorstand in der Gemeinde schon bewirken? Er kann ermahnen, gewiss. Aber wenn seine Leute Propaganda-Sender anschauen oder Hasspredigern lauschen, kann er wenig dagegen tun.

Was wäre eine Lösung?

Goldberg: Ich bin, ehrlich gesagt, ratlos. Die Schule kann sicherlich etwas bewirken – wie gesagt, wir haben viele Klassen zu Besuch in der Synagoge, bei denen fast immer muslimische Kinder dabei sind. Im Gespräch kann ich zeigen, dass es zwischen den Religionen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt. Wenn ein muslimischer Junge in der Synagoge keine Kippa tragen will und ich sage ihm, ich zöge in seiner Moschee auch die Schuhe aus – dann versteht er das. Eine Annäherung aneinander kann nur so passieren: von unten, in kleinen Schritten, durch das Elternhaus, durch Mitschüler oder Freunde.

Alles in allem: Können Juden heute in Wuppertal ganz selbstverständlich ihren Glauben leben?

Goldberg: Ja!

Ihre Gemeinde ist innerhalb weniger Jahre von 65 auf heute gut 2300 Mitglieder gewachsen, vor allem durch Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion. Wie gut sind diese vielen Zuwanderer Ihrer Gemeinde heute integriert?

Goldberg: Gut, was das Leben in der deutschen Gesellschaft angeht. Da hat unser Wohlfahrtsverband mit Sprachkursen und anderen Anstrengungen viel erreicht. Was die aktive Beteiligung am Gemeindeleben angeht, so könnte es, ehrlich gesagt, noch etwas mehr sein. Aber es gab im deutschen Judentum schon immer sogenannte Drei-Tage-Juden, die nur an hohen Feiertagen in die Synagoge gehen.

Da geht es Ihnen also nicht viel anders als Ihren christlichen Nachbarn, was das Verhältnis von aktiven und passiven Gemeindemitgliedern angeht?

Goldberg: Da sind es die Zwei-Tage-Christen, glaube ich, die nur zu Weihnachten und Ostern in die Kirche gehen. Und Drei-Tage-Juden gegen Zwei-Tage-Christen – das sind schon 50 Prozent mehr (lacht). Ich kann das also entspannt sehen.

Die Gemeinde liegt im Herzen Barmens, betreibt zum Beispiel das Café Negev, das ist offen für alle Wuppertaler. Wie oft kommen Nichtjuden zu Ihnen, wie unbefangen sind die Kontakte?
Goldberg: Naja, mit der Offenheit ist das so eine Sache. Dieses Gebäude, in dem wir sitzen, ist gesichert, die Synagoge noch viel mehr, zum Beispiel durch schusssichere Fenster. Ich erzähle auch allen Besuchern: Das ist nicht wegen Neonazis oder Rechtsradikalen – das ist vor allem wegen der Gefahr des arabischen Terrors. Deswegen geht die Polizei hier verstärkt Streife, deswegen findet jeder unserer Gottesdienste unter Polizeischutz statt. Wir sind eines der wenigen Gotteshäuser, vor dem nicht 24 Stunden am Tag ein Streifenwagen steht. Aber das will ich bewusst nicht.


„24 Stunden am Tag Polizeischutz vor der Synagoge? Das will ich nicht.“


Wie sehen Sie die Zukunftsperspektiven Ihrer Gemeinde im Angesicht all dieser Probleme?

Goldberg: Ich muss jetzt auch einmal sagen: Ich bin glücklich, dass wir hier in Wuppertal unsere Gemeinde, unsere Synagoge haben, dass wir hier leben – auch, wenn ich persönlich in Solingen wohne. Im Vergleich zu vielen anderen Kommunen, auch in NRW, leben wir hier in Wuppertal hervorragend, als Gemeinde, als Juden, in unserem Verhältnis zur Stadt, zu Kirchen, auch zu Moscheen.

Definitiv?
Goldberg: Definitiv! Ein Beispiel: Ich bin seit 18 Jahren Vorsitzender der Gemeinde und habe in dieser Zeit weder einen bösen Anruf noch einen Drohbrief bekommen. Das ist unglaublich viel wert. Allerdings gefallen mir die Tendenzen, über die wir gesprochen haben, überhaupt nicht. Und ich hätte nicht gedacht, dass all das einmal soweit geht, dass auch Christen in Deutschland Polizeischutz für ihre Gottesdienste brauchen würden.

Sie meinen das koptische Weihnachtsfest Anfang Januar, das nach den Anschlägen in Ägypten unter Polizeischutz stattfand?
Goldberg: Ganz genau!