Wuppertal feiert Friedrich Engels’ 190.Geburtstag. Eberhard Illner, Chef des Historischen Zentrums, spricht über die Figur Engels und die Zukunft seines Museums.

Eberhard Illner im Engels-Haus mit einem Original-Manuskript von Friedrich Engels.
Eberhard Illner im Engels-Haus mit einem Original-Manuskript von Friedrich Engels.

Eberhard Illner im Engels-Haus mit einem Original-Manuskript von Friedrich Engels.

Andreas Fischer

Eberhard Illner im Engels-Haus mit einem Original-Manuskript von Friedrich Engels.

Herr Illner, morgen feiert Wuppertal den 190.Geburtstag von Friedrich Engels. An welchen Engels sollten wir uns erinnern - an einen großen Vorkämpfer der Sozialen Frage oder an einen Wegbereiter des Totalitarismus?
Eberhard Illner:
Ach, das ist ja die Tragik von Marx wie von Engels, dass sie als Denker des 19.Jahrhunderts vereinnahmt worden sind von verschiedenen politischen Systemen des 20. Jahrhunderts bis hin zu totalitären Regimen. Da sind Heerscharen von Marx- und Engels-Esoterikern über deren Texte gegangen und haben sie in ihrem politischen Sinn zurechtgebogen. Das hat aber ebenso wenig mit Marx selbst zu tun wie mit Engels.

"Wenn Engels noch lebte, wäre er einer der führenden Köpfe bei den Grünen."

Was bleibt in diesem Sinne denn von Engels heute?
Illner:
Mir geht es darum: Was hat Engels als historische Persönlichkeit aus seiner Zeit heraus für Antworten auf die Probleme seiner Zeit gefunden? Marx und Engels haben ja im 19.Jahrhundert erstmals Ökonomie und Politik zusammengedacht, als erste das Funktionieren des kapitalistischen Wirtschaftssystems erklärt. Das müssen wir als Museum unseren Besuchern klarmachen - und sie am besten dann noch ans Überlegen bringen: Gibt es in der heutigen Zeit ähnliche Probleme, die Lösungen erfordern, die Engels bereits durchgespielt hat? Das bedeutet natürlich nicht, dass man Engels’ Lösungen eins zu eins kopiert, aber dass man sich reflektiert mit ihnen auseinandersetzt. Beschäftigt man sich auf diese Weise mit Engels, kann man sogar Überraschungen erleben.

Zum Beispiel?
Illner:
Engels hat sich zum Beispiel intensiv mit der Natur und ihrer Bewahrung auseinandergesetzt - das wollte in der DDR niemand wahrhaben, weil man dort Raubbau mit der Natur getrieben hat. Ich würde behaupten: Wenn Engels heute noch lebte, wäre er einer der führenden Köpfe bei den Grünen.

Also bleibt da nichts mehr von seiner politischen Sprengkraft als Vordenker des Kommunismus?
Illner:
Jetzt tappen Sie auch wieder in die Ideologie-Falle! Engels war kein Klassenkämpfer, als der er in der Sowjetunion oder in der DDR propagiert wurde. Er hat nur Voraussagen über politische Machtkämpfe gemacht, die er immer wieder den realen politischen Verhältnissen angepasst hat. Er war durchaus kein Phantast, sondern Realist und Pragmatiker, der 20 Sprachen gesprochen und über die großen Fragen seiner Zeit nachgedacht hat. Ihn so ideologisch zu verkürzen, wie es jahrzehntelang gemacht wurde, ist völlig unhistorisch gedacht.

In welche Richtung muss dann die Ausstellung des Engels-Hauses überarbeitet werden?
Illner:
Sie ist Ende der siebziger Jahre konzipiert worden - mit damals in den Archiven verfügbaren Quellen. Michael Knieriem hat damals sehr minutiös Engels’ heimatliche Wurzeln, seine Biographie rekonstruiert. Die Präsentation, die daraus entstanden ist, ist aber sehr kleinteilig, leselastig - damit sprechen Sie heute keinen Schüler mehr an. Sie müssen stattdessen viel stärker die historischen Zusammenhänge in ihren Grundzügen darlegen.

Wie kann das funktionieren?
Illner: Im Grunde ist das für uns ein Glücksfall, dass die Ausstellung seit dem Wasserschaden des Engels-Hauses (im Sommer 2009, Anm. d. Red.) in das Museum für Frühindustrialisierung umziehen musste. Wir merken: Sobald die Besucher, gerade Jugendliche, die Engels-Ausstellung im Zusammenhang mit der Ausstellung des Museums wahrnehmen, erkennen sie erst: So funktionierte also Kinderarbeit, so sah das frühindustrielle Produktionssystem aus. Dann verstehen sie viel besser, wie Engels seine Ideen entwickeln konnte. In den kleinen Räumen des Engels-Hauses hingegen kann ich dagegen im Grunde nur erklären: Wie hat Engels’ Großvater gelebt?

Also sollte die Ausstellung am besten gar nicht ins Engels-Haus zurückkehren?
Illner: Das können wir auch nicht machen. Für die Wuppertaler ist klar: Engels-Haus gleich Engels. Es ist ja sogar so: Fast jeder Wuppertaler kennt das Engels-Haus, aber kaum einer das Museum. Mir schwebt daher eine Lösung vor, die beide Teile verbindet - den biographischen Zugang im Engels-Haus und die industriegeschichtliche Ausstellung des Museums. Engels könnte dann der rote Faden sein, der beide Teile verknüpft, etwa als Audio-Guide.

Was kostet eine solche inhaltliche Aktualisierung?
Illner: Das Marx-Haus in Trier hat 2003 so einen Schritt gemacht. Die Friedrich-Ebert-Stiftung als Träger hat 600 000 Euro in die Hand genommen, das Gebäude saniert, die Ausstellung neu konzipiert und medientechnisch überarbeitet. Dazu haben sie einen hervorragenden Museumsshop eröffnet und ein Touristik-Programm für chinesische Gäste aufgelegt - die werden vom Flughafen nach Trier geholt, wo sie auch übernachten, drei bis vier Busse am Tag. Der Effekt: Allein der Museums-Shop macht jährlich 75 000 Euro Reingewinn, das Museum hat 40 000 Besucher pro Jahr - doppelt so viele wie das Engels-Haus. Dabei haben die nicht mal unsere hervorragende industriegeschichtliche Ausstellung.

Also stimmt die Vermarktung des Hauses nicht?
Illner: Ich sage dazu nur: Neulich kam hier gegen 18 Uhr ein Bus mit einer chinesischen Besucher-Gruppe an - der rangierte erstmal in der Wittensteinstraße rum, weil wir keine vernünftige Beschilderung haben und nach außen nicht sichtbar sind. Dann machten die Leute zehn Minuten ihre Fotos und waren wieder weg. Das Engels-Haus zieht trotz allem Besucher aus der ganzen Welt an. Aber wir binden diese Besucher nicht, wir verkaufen ihnen nichts. Wenn ich es mal schaffe, die Leute auch rüber ins Museum zu holen - gerade aus China zum Teil hochrangige Gäste, Unternehmer, Ärzte, Politiker - sind die oft begeistert, bleiben stundenlang. Wenn wir das besser nutzen würden, könnten die Erlöse das Haus mitfinanzieren.

Wenn ich zusammenzähle - konzeptionelle Neu-Ausrichtung der Engels-Ausstellung, bessere Beschilderung, Infrastruktur, Museumsshop, touristische Vermarktung: Wer soll das ermöglichen?
Illner: Die Stadt kann das nicht, klar - freiwillige Aufgabe, die streicht der Regierungspräsident. Aber Marx und Engels haben nationale Bedeutung, also müsste doch bei nationalen oder Landes-Stiftungen Geld aufzutreiben sein. In anderen Ländern werden die Museen zudem mit Millionen von der EU gefördert. Warum nicht in NRW, in Wuppertal? Gerade ist es der Bergischen Entwicklungsagentur gelungen, 1,2 Millionen Euro für Schloß Burg einzuwerben. Offenbar gibt es also Möglichkeiten. Man muss sie nur nutzen.
 

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