In der Station Natur und Umwelt erleben Wuppertaler Kinder Abenteuer und die Welt um sich herum aus neuen Perspektiven.

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Wuppertal. Vogelfrei wie ihr Vorbild Ronja Räubertochter will Marla (9) durch den Wald streifen, Abenteuer erleben und eben einfach das machen, wonach ihr der Sinn steht - das ist ein Leben, das sich das Mädchen in der Phantasie schafft, wenn sie während einer Schulstunde für wenige Minuten in einen Tagtraum flieht.

Wenigstens während der Osterferien konnte sie ihre Schulbücher im Regal des Kinderzimmers verstauen und eine Woche lang nach der Manier von Ronja in der Station Umwelt und Natur leben.

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Als einziges Mädchen der Räuberbande hat sie die rund 20harten Burschen locker im Griff - wie Ronja weiß sie, wie sie "ihren Räuber" steht. Aus dem Stand schwingt sie sich an einem Ast empor, drückt sich mit den Armen ab, bis sie Halt findet.

Ein leises Knarzen ist zu hören, als sie locker auf dem Ast wippt. Späht sie in die Ferne, sieht sie nur Schafe auf der Weide grasen. Eindringlinge ins Räuberdorf macht sie nicht aus. Gefahr gebannt.

Es ist ein wahres Dorfleben, das sich in der Räuber-Enklave aus vier Hütten entwickelt hat: "König" Philipp (12) weist die "Wachleute" an, dem "Räuber" der Nachbarhütte nur den Weg freizumachen, wenn er Zoll gezahlt hat.

Die Währung sind Stöcke - aber nur von guter Holz-Qualität, aus der man gute Sperrspitzen schnitzen kann. Alle hören auf Philips Befehl, denn er kennt sich als Pfadfinder bei den Berglöwen Vohwinkel aus.

Nach eigenen Regeln im Räuberdorf leben

"Die Regeln für ihr Leben im Räuberdorf legen sich die Kinder selbst auf", sagt Cornelia Weinert, freie Mitarbeiterin der Station Natur und Umwelt. Vielleicht kann der Mensch ohne Regeln gar nicht mehr sein?

Plötzlich springt Justus (9) hinter einem Busch hervor, baut sich vor Baris (8) auf und fordert ihn zum Kampf heraus. Es scheppert, wenn Holz auf Holz trifft. Andere Räuber kommen zu Hilfe. Aber selbst im Kampf ist der Ehrenkodex gültig.

"Rückzug", ruft Justus. "Die anderen sind geschwächt, weil sie noch an ihrer Hütte bauen. Die dürfen wir nicht angreifen." Der Neunjährige rennt in die eigene Hütte. Auf einem Bett aus Ästen setzt er sich in den Schneidersitz. Er schabt mit der Messerklinge die Rinde des weichen Weidenholzes ab.

Locker lehnen Äste an einem Baumstamm. Manche sind mit einem Bindfaden verbunden. Die grüne Plane soll vor Regen schützen. Vor dem Jungen ist die Feuerstelle - begrenzt von wenigen Steinen. "Zündeln dürfen wir aber nicht", klärt Sven (9). Neben ihm beißt Marc (8) in eine Mettwurst - das Räuberleben ist eben rustikal und bodenständig.

Nach Weinerts Meinung wird die Zeit, in der Kinder in der Natur spielen können, immer kürzer. "Im Räuberwald können die Kinder ihrem Bewegungsdrang freien Lauf lassen", sagt sie.

Dagegen sei Rennen, Toben und Lautsein in der Stadt oft unmöglich. Früher war das anders: In der Kindheit habe sie noch "Räuber und Gendarm" im Wald gespielt.

Baris kramt das Taschenmesser aus der Hosentasche hervor, springt auf einen Baumstumpf und schaut in die erste Etage der Hütte. Den Bindfaden hält er mit den Zähnen fest. Was er da macht? "Ich muss das Dach reparieren", verrät der Achtjährige. Die Zwillinge Kai und Jan (beide 7) staunen nur. "Jungs, wir bauen eine Falle", schlägt Baris vor. "Die schützt uns vor Eindringlingen."

Die Kinder lassen sich auf neue Ideen ein

Auffällig ist, dass die Kinder sich immer wieder auf neue Spielideen einlassen und Rücksicht nehmen. Auch ohne Ermahnungen. "Die Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen", sagt Weinert.

Und dazu gehört auch die Säge anzusetzen oder mit einem Taschenmesser zu schnitzen. "Aus Angst trauen Eltern das ihren Kindern oft nicht zu." Ein Nachmittag im Wald oder vor dem Fernseher - wofür würdest du dich entscheiden?

Für Marla ist klar: "Ich will Ronja nicht nur bei ihren Abenteuern im Fernsehen zuschauen, sondern sie selbst im Wald erleben."

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