Ausgrenzung: Schüler sprechen mit Betroffenen.

Wuppertal. Wo ist die Schnittmenge zwischen einem Analphabeten, einem Palästinenser, einer Hartz-IV-Empfängerin und einem Ex-Nazi? 130 Schüler vom Berufskolleg Barmen-Europaschule hatten gestern Gelegenheit, im Rahmen der "Living Library" dieser Frage auf den Grund zu gehen. Die Antwort: Alle diese Personen erfahren Diskriminierung auf der Basis hartnäckiger Vorurteile.

Gängige Klischees stehen auf großen Zetteln

Wie beim Speed Dating begegnen die Schüler an zwölf Tischen je einem Betroffenen. Die gängigen Klischees sind auf große Zettel geschrieben. "Können Sie gut singen und tanzen?" So steht es vor Roman Franz, dem 1. Vorsitzenden des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma NRW. Bei alten Menschen seien die Vorurteile eingebrannt, da könne man nichts mehr ausrichten, sagt er, der zugleich auf die nachrückende Generation baut. Denn immerhin: "Vor 20 Jahren war eine Veranstaltung wie diese undenkbar."

Der junge Mann aus Ghana kennt die Verbalattacken

Der 18 Jahre alte Schüler Presley hört gebannt zu. In Ghana geboren, kennt er die Verbalattacken aus eigener Erfahrung. Bedrückend sei es vor allem gewesen, als er die deutsche Sprache noch nicht beherrschte. Inzwischen fühle er sich wohl in Wuppertal und finde auch in dieser Veranstaltung bestätigt, dass solide Information die Grundlage für ein gesundes Miteinander ist.

Einige Schüler sperren sich indessen gegen Aufklärung. So führt Hartz-IV-Empfängerin Karina Ossendorf eine zähe Diskussion, in der ihr Kontrahent beharrlich behauptet, Bezieher "der Stütze" seien schlichtweg Schmarotzer. Ossendorf hält dagegen, dass die Gesetzgebung unsozial sei und viele Menschen an den Rand des Selbstmords führe. An diesen Punkt komme man "schneller, als man gucken kann".

Einen Tisch weiter stellt Charlene dem Ex-Nazi Matthias Adrian ganz unverblümt eine Frage: "Haben Sie schon mal jemanden umgebracht?" Völlig gelassen erläutert Adrian, dass die Gefahr von Rechts kaum noch mit Glatze und in Springerstiefeln unterwegs sei, sondern sich zu einem Apparat durchtriebener Meinungsmacher gemausert habe. Denen sei wegen scheinbar sanfter Methoden viel schwieriger zu begegnen. Falsch sei die Tabuisierung, denn nur im fundierten Gespräch könne dem Rassismus der Wind aus den Segeln genommen werden.

Genau diesem Zweck hat das Wuppertaler Institut für Bildung und Integration die Veranstaltung gewidmet und bittet am letzten August-Wochenende nochmals zur Living Library ins Ramadan-Zelt vor dem Rathaus.

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