Der 1891 eröffnete Samba-Strecke gab der Volksmund erst spät den Namen. Der lebt auch nach der Stilllegung weiter.

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Der Samba: Hier aus dem Bildband Eisenbahnen im Bergischen Land.

Der Samba: Hier aus dem Bildband Eisenbahnen im Bergischen Land.

Ingo Schüttke

Der Samba: Hier aus dem Bildband Eisenbahnen im Bergischen Land.

Cronenberg. Am Ende ging alles ganz schnell. Die Geschichte der am 1. April 1891 feierlich eröffneten Eisenbahnlinie Elberfeld-Cronenberg, später im Volksmund "Samba" genannt, endete am 23. Februar 1988. Ein durch Nässe entstandenes, mehrere Meter tiefes Loch zwischen Bahndamm und Stützmauer auf dem Streckenabschnitt zwischen Bahnhof Steinbeck und dem Haltepunkt Hindenburgstrasse kam der Bundesbahndirektion Köln recht, um die Signale für die beliebte Traditionsstrecke 402 aus Sicherheitsgründen auf "Rot" zu stellen.

Die ab 1955 auf der idyllischen Bahnstrecke durch das Burgholz verkehrenden leichten Schienenbusse vom Typ VT 95, später VT 98, die in den vielen Kurven kräftig ruckelten und schaukelten, hatten der Bahn ihren Namen gegeben. Weitere Versionen für die Namensgebung: Die farbliche Ähnlichkeit mit den von der Bundesbahn seinerzeit eingesetzten Tanzwagen und der prägnante Rhythmus der Räder auf den noch nicht geschweißten Schienenstößen.

Der Kampf um den Erhalt der Strecke begann 1984, als die Bundesbahndirektion Köln in einem Schreiben an den NRW-Verkehrsminister vorschlug, "wegen des unbefriedigenden wirtschaftliches Ergebnisses den Schienenpersonenverkehr auf der Strecke Elberfeld-Cronenberg für dauernd einzustellen". Prompte Antwort der Samba-Benutzer und -Freunde: Die Gründung der Bürgerinitiative "Rettet den Samba" am 25. Juni 1984. Nach Angaben der Bundesbahndirektion betrug der Kostendeckungsgrad der Strecke, die unter anderem Generationen von Cronenberger Schülern zu Fahrten an die Schulen auf der Elberfelder Talsohle benutzten, nur 51 Prozent.

Nicht weniger als 16.000 Wuppertaler votierten mit ihrer Unterschrift gegen die Stilllegung, die daraufhin zunächst verschoben wurde. Im August 1985 fand unter dem Motto "Alle fahren Samba!" auf dem Bahnhofsvorplatz in Cronenberg das erste von zwei Samba-Festen statt, wo Paul Deckers "Striekspöhn" den Song "Das ist der Cronenberger Samba" im flotten Country-Sound aus der Taufe hoben. Wuppertaler Künstler malten in einer Aktionswoche vor Ort Motive an der Strecke, die im Kulturzentrum Borner Straße ausgestellt wurden. Alles ohne Erfolg: Die Zahl der Samba-Freunde war größer als die der Samba-Benutzer.

Zwei Jahrzehnte dauerte es, bis der vertraute Namen wieder mit Leben gefüllt wurde. Seit Oktober 2007 dient die ehemalige Sambatrasse als Rad- und Wanderweg. Auf Initiative von Ralf Putsch, Geschäftsführer der Firma Knipex, fand ein ebenso liebevoll wie stilecht renoviertes Exemplar der legendären Baureihe VT 95 den Weg zurück nach Cronenberg. Seit November 2008 können sich auch jüngere Generationen, die den "Samba" nicht mehr live erlebten, ein Bild machen. Unmittelbar neben der Strecke, auf der er seine Fahrgäste jahrelang zuverlässig beförderte, steht der dunkelrote Schienenbus als prächtiges Erinnerungsstück an eine längst vergangene Nahverkehrsepoche. Nur das echte, das rhythmische "Samba-Feeling" auf der Fahrt durch das Burgholz ist Vergangenheit.

Für die Entwicklung der Cronenberger Industrie leistete die Eisenbahn einen wichtigen Beitrag. Vorbei die Zeiten, als Rohstoffe und Fertigprodukte mühsam mit Pferd und Wagen auf die Höhen geschafft oder ins Tal transportiert werden mussten, um dann mit der Bahn in alle Welt befördert zu werden. Die Stadt Cronenberg allein, heißt es, brachte für den Erwerb von Grundstücken 333 000 Mark auf. Mit Böllerschüssen wurde die Ankunft des ersten Zugs in Cronenberg gefeiert. Abends traf man sich zum Fackelzug, Feuerwerk und Tanzkränzchen.

Der Abschied von der legendären Samba-Strecke nach insgesamt 97 Betriebsjahren fiel dagegen ernüchternd aus. Aus Sicherheitsgründen gab es nicht einmal eine offizielle letzte Fahrt. Rund 1,8 Millionen DM für die Erneuerung der Schienen standen damals im Raum - das allerdings bei zurückgehenden Fahrgastzahlen und einer zunehmenden Verlagerung des Güterverkehrs von der Bahn auf die Straße. Vor diesem Hintergrund musste der vierjährige Kampf um den Erhalt der Kultstrecke erfolglos bleiben.

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