In realistischen Szenarien sollen Reaktions- und Teamfähigkeit verbessert werden.

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An der Puppe „Stan“ trainiert das Team ohne Gefahr.

An der Puppe „Stan“ trainiert das Team ohne Gefahr.

Uwe Schinkel

An der Puppe „Stan“ trainiert das Team ohne Gefahr.

Wuppertal. Eine ganz normale Situation in einem Operationssaal: Auf dem OP-Tisch liegt ein Patient, der über starke Schmerzen im Bauch klagt - um ihn herum steht ein Team aus Ärzten und Schwestern. Im Hintergrund piepen die Überwachungsgeräte. Der Anästhesist beugt sich über den Patienten und beruhigt ihn: "Sie bekommen gleich etwas gegen die Schmerzen." Die OP-Schwester bereitet derweil die Narkosespritze vor, der Arzt schiebt dem Patienten die Beatmungsmaske über den Mund.

"Der Anästhesist ist für das Leben des Patienten verantwortlich"

Doch obwohl der Patient "Stan" spricht, atmet, Puls hat, sogar echte Tränen weinen und bluten kann und vor allem auf Medikationen reagiert wie ein ganz normaler Mensch, ist doch etwas Entscheidendes anders: "Stan" ist eine mit Technik voll gepackte Puppe und wird am Helios-Klinikum für die Anästhesisten und Pflegekräfte als Simulator eingesetzt. Vergleichbar mit den Schulungseinheiten bei der Pilotenausbildung sollen die OP-Teams so den Ernstfall proben.

"Wir machen es aus den gleichen Gründen wie die Piloten", sagt Prof. Dr. Ludwig Brandt, Direktor des Zentrums für Anästhesie. Ärzte und Pfleger sollen so auch auf Not-Situationen vorbereitet werden, mit denen sie vielleicht nur einmal im Laufe ihres Berufslebens konfrontiert werden. Außerdem sollen Wissensstand, Reaktions- und Teamfähigkeit sowie das Verhalten bei selten vorkommenden Krankheiten und Zwischenfällen überprüft werden. "Der Anästhesist ist für das Leben des Patienten verantwortlich. Er muss alle Komplikationen im Griff haben", erklärt Brandt. Ob ein plötzlicher Anstieg der Körpertemperatur, ein Lungenkollaps oder ein Herzinfarkt in der OP - "wenn das nicht rechtzeitig erkannt wird, können die Patienten im Ernstfall sterben." Seine Erfahrung: "Nach kurzer Zeit vergisst jeder, dass es nur eine Puppe ist und man ist genauso gestresst", sagt er.

Das Szenario in der Simulation ist real, es werden echte Medikamente verabreicht. Im Computer ist das mathematische Modell eines Menschen hinterlegt. Über einen Barcode erkennt die komplizierte Software des Systems, ob die Medikamente und die Therapie richtig war oder nicht. Für jede Simulation gibt es ein eigenes "Drehbuch" - teilweise mit eingebauten Komplikationen, das die Teilnehmer natürlich vorher nicht kennen. Ebenfalls dabei: störende Anrufe im OP, die für eine möglichst echte Atmosphäre sorgen sollen. Das Szenario wird gefilmt, anschließend gibt es eine Manöverkritik mit allen Teilnehmern. Dabei bleibt mögliche Kritik aber innerhalb des Trainingsteams. Bisher beschränkt sich die Simulation auf Komplikationen bei Erwachsenen - für die Zukunft sind auch Übungen mit Kindern angedacht.

Zum Hintergrund: Über 60 Prozent der Zwischenfälle im Aufwachraum passieren durch menschliche Fehler - das Training soll das verhindern.

Bei der 2-wöchigen Schulung, wurden 70 Mitarbeiter (Schwestern, Pfleger, Ärzte) vom Klinikum Wuppertal sowie 30 Externe geschult. Ziel ist es, dass jeder Anästhesist ein mal jährlich zur Simulation kommt.

Das Training wird vom Simulationszentrum "Aqai" in Mainz durchgeführt. "Aqai" schult unter anderem auch Medizin- Teams der Bundeswehr für Einsätze im Kosovo oder Afghanistan. Allein die Simulations-Puppe (Bild oben) kostet ohne Video und EDV 250 000 Euro.

Christine Scharrenberg vom Ärztlichen Dienst: "Die Simulation trainiert Situationen im täglichen Leben und zwar in gefahrenloser Umgebung. Davon pofitieren wir alle."

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