Die WZ spricht mit zwei Telefonseelsorgern, die Hilferufe entgegennehmen.

INTERVIEW
Die Telefonseelsorge in Wuppertal ist rund um die Uhr erreichbar. Symbolbild: dpa

Die Telefonseelsorge in Wuppertal ist rund um die Uhr erreichbar. Symbolbild: dpa

Die Telefonseelsorge in Wuppertal ist rund um die Uhr erreichbar. Symbolbild: dpa

Sie hören zu und reden – mit Menschen, die am Abgrund stehen, alleine oder schwer krank sind. Zwei ehrenamtliche Mitarbeiter der Telefonseelsorge erzählen im Interview von ihrer Tätigkeit. Die Namen wurden von der Redaktion geändert (siehe auch Kasten).

Gibt es Themen, die besonders in der Vorweihnachtszeit angesprochen werden?

Richard Peters: Ja, Einsamkeit. Die Tochter kommt nicht mehr, sie haben Knies, der Mann ist gestorben, die Frau ist alleine und mit den Nachbarn versteht sie sich nicht mehr – es gibt zig Gründe, warum die Leute alleine sind.

Anne Scholz: Nach Weihnachten sind es dann familiäre Themen und Reibereien.

Die Leute treffen sich und dann kommen die Probleme hoch?

Peters: Ja, dann fahren sie wieder nach Hause und dann ist da niemand mehr und sie wurden nur in die Ecke gesetzt, durften dies nicht sagen, durften das dem Enkel nicht schenken und so weiter. Man hört dann oft: „Ich bin ja über. Die jungen Leute haben kein Interesse, ich habe niemanden mehr, alles um mich herum ist gestorben aus meinem Freundeskreis.“ Das ist schon bedrückend.

Es sind dann häufig ältere Leute?

Scholz: Ja, ältere Leute, massiv.

Können Sie sich noch an ihr erstes Gespräch als Telefonseelsorger erinnern?

Scholz: Das war vor 13 Jahren, eine Frau, die ein Alkoholproblem hatte. Die Familie drohte auseinanderzubrechen. Und die kleine Tochter kam – nachts war das – rein und sagte: „Mama komm doch ins Bett.“ Das hat mich extrem berührt, dass das Kind nachts aufwachte und merkte, die Mama hat wieder getrunken und sitzt am Telefon.

Wie haben Sie versucht, ihr zu helfen?

Scholz: Zunächst habe ich versucht, zuzuhören. Das ist sowieso das A und O. Gerade Süchtige kriegen ja sehr viele Rückmeldungen von außen: Mach doch dies oder lass das doch jetzt endlich mal. Da geht es darum, zuzuhören. Sie bräuchten keine Tipps von mir, die kennen sie alle. Es ist unglaublich schwer, mit dieser Sucht zu leben. Es ist sozusagen eine Familiensituation mit einem zusätzlichen Mitglied, welches sehr diabolisch ist.

Peters: Ich erinnere mich an diese Anruferin. Also ich habe manchen Alkoholiker am Telefon gehabt, aber keinen, der mich so berührt hat.

Wegen dieser Familiensituation...

Peters: Dass ein Mensch so kaputt gehen kann. Und du stehst daneben und kannst nichts machen.

Scholz: Und es ist auch zerbrochen dann letztendlich.

Welche Themen sind besonders schwierig?

Peters: Eine besondere Schwierigkeit ist es, wenn Menschen anrufen und sagen, dass sie bereit sind, sich umzubringen. Da war auch schon mal eine Sache, da wollte eine Frau sich mit Medikamenten umbringen. Sie sagte dann: Ich habe die Medikamente geschluckt, können Sie bei mir bleiben, bis ich tot bin? Das war aber gespielt, nur erfunden.

Scholz: Ich persönlich finde immer Gespräche ganz schwierig, wenn es sich irgendwie um Kinder dreht. Da gibt es ein Gespräch, da musste ein Vater nach Berlin fahren, weil die Tochter da missbraucht und getötet wurde. Er musste zur Polizei, kam dann zurück und lebte allein. Er hatte seine Frau auch schon durch einen Unfall verloren, fünf Jahre zuvor. Wie er weinte und wie verzweifelt er war – das war für mich eines der schwierigsten Gespräche.

Wenn Leute sich umbringen möchten - was machen Sie dann?

Peters: Das ist sehr schwierig. Ich kann natürlich fragen, was ist die Ursache, warum wollen Sie sich gerade jetzt umbringen? Ich kann ihm erzählen, dass es immer ein Licht am Ende des Tunnels gibt. Und je nach Lebenssituation, die er schildert, kann ich dieses Bild gebrauchen.

Scholz: Ja, oder man guckt auf die Ressourcen. Was hat ihn bisher abgehalten? Ist jetzt zum ersten Mal dieser Gedanke gekommen oder erzählt er, dass er immer wieder mit dem Gedanken gespielt hat. Wir erheben nicht den moralischen Zeigefinger, auf keinen Fall. Sondern gucken eher, zu wem hat er eine besondere Beziehung. Hat er Familie, ein Enkelkind? Was würde das wohl denken und sagen, wenn der Opa jetzt das macht? Wir schauen wie es ihm da so geht, bei der Vorstellung und was ihm helfen könnte, diesen Schritt heute zurückzustellen – vielleicht möchte er es dann morgen nicht mehr tun.

Rufen Sie dann auch die Polizei an?

Scholz: Bei Suizid nicht. Wenn jemand uns eine Straftat ankündigt, wenn ein höheres Gut als die Vertraulichkeit des Anrufers zu Schaden kommt, dann würden wir das machen.

Hatten Sie so einen Fall schon einmal?

Scholz: Ja, da wurde ein Kindesmissbrauch angedroht. Es gibt eine Leidenschaft für eine Art Dirty Talk in diesem Milieu. Das heißt, sie tun es nicht, aber sie reden darüber, als wenn sie es täten. „Heute Abend wird dieses Kind zugeritten“, das wurde mir so gesagt. Da hatten wir dann ein Problem. Anderthalb bis zwei Jahre war diese Datenvorratsspeicherung nicht erlaubt. Und dann konnte die Polizei nichts mehr machen.

Was bereitet ihnen Freude bei ihrer Arbeit?

Peters: Dass wir in der Gruppe sind und dass wir uns kennen und auch ein Stückchen lieben.

Scholz: Ja, und das sinnvolle Tun. Dass wir den Eindruck haben, es ist was Wertiges, wofür wir unsere Zeit geben.

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