Rolf Platte sammelt alles, was in früheren Jahrzehnten in Wuppertals Klassenzimmern genutzt wurde.

Rolf Platte sammelt alles, was in früheren Jahrzehnten in Wuppertals Klassenzimmern genutzt wurde.
Im Schulmuseum findet man auch Modelle von Tornistern aus einzelnen Jahrzehnten. Vorne ein Scout aus den 80er Jahren.

Im Schulmuseum findet man auch Modelle von Tornistern aus einzelnen Jahrzehnten. Vorne ein Scout aus den 80er Jahren.

Der Leiter des Schulmuseums Rolf Platte sitzt im Gehrock am Pult eines historischen Klassenzimmers. In der Hand hat er eine Kornmünze aus der Sammlung des Museums. Archiv

Anna Schwartz, Bild 1 von 2

Im Schulmuseum findet man auch Modelle von Tornistern aus einzelnen Jahrzehnten. Vorne ein Scout aus den 80er Jahren.

Wenn Rolf Platte zum Diktat ruft, erwartet die Besucher der Schulhistorischen Sammlung in Vohwinkel eine Zeitreise. Vor originalgetreuer Kulisse erleben sie, wie eine Schulstunde Ende des vorletzten Jahrhunderts ablief. Der Leiter der Sammlung geht dabei voll in seiner Rolle als Pauker der alten Generation auf. Kein Wunder, schließlich war Rolf Platte in seiner aktiven Dienstzeit selbst Lehrer und Schulrat.

Stilecht mit Gehrock und dem als „Vatermörder“ bezeichneten Stehkragen beherrscht er seine Rolle perfekt – und macht schnell deutlich, wer in der Klasse das Sagen hat. Die korrekte Anrede lautet natürlich „Herr Lehrer“ und bei Fragen wird aufgestanden. „In der Kaiserzeit wurde absoluter Gehorsam erwartet“, erläutert der Museumsleiter. Er will seinen Gästen einen anschaulichen Eindruck davon vermitteln, wie es damals war und sie aktiv in das Geschehen einbinden. Da wird auch mal zum Tafelputzen eingeteilt.

Wuppertaler

Schulzeit

Im Gegensatz zu früher ist das harmlos. Das pädagogische Konzept in Urgroßvaters Tagen war ebenso einfach wie brutal: Wer nicht parierte, bekam den Rohrstock zu spüren und das nicht zu knapp. Körperliche Züchtigung muss beim Besuch der Schulhistorischen Sammlung natürlich niemand befürchten. Angesichts der überzeugenden Darstellung von Platte dauert es aber nicht lange, bis die Gäste ganz in das Geschehen eintauchen und die strikten Regeln verinnerlichen. Selbst die gern von Platte mitgebrachten Matrosenkragen oder Schürzen werden meist ohne Murren angelegt. Zur Belohnung gibt es dann etliche Anekdoten aus dem früheren Schulalltag.

Genau 30 Jahre gibt es die Schulhistorische Sammlung in Vohwinkel bereits, und etliche tausend Besucher haben hier schon die Schulbank gedrückt. „Wir haben ganz unterschiedliche Gruppen aller Altersstufen und das Interesse ist in der Regel sehr groß“, berichtet Rolf Platte. Gegründet hat er die Sammlung eigentlich als reines Archiv. Auslöser war ein altes Schuldokument, das der historisch interessierte Pädagoge nachlässig gelocht vorfand. Daraufhin entschloss er sich, selbst tätig zu werden und die schulische Vergangenheit Wuppertals zu bewahren.

Gerade ältere Besucher erinnern sich an die eigene Schulzeit

Schnell wuchs die Sammlung, die seit knapp zwei Jahrzehnten im charakteristischen Backsteingebäude an der Rottscheidter Straße untergebracht ist. „Schließlich entstand die Idee, dass man in dieser authentischen Umgebung sehr anschaulich Unterrichtsstunden wie in der alten Zeit durchführen könnte“, erzählt Platte. Dieses Konzept kommt bis heute gut an. Gerade ältere Besucher erinnern sich dabei an ihre eigene Schulzeit.

Holzbänke wie im Vohwinkeler Museum gab es in Wuppertal durchaus noch bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Auch die Disziplin hatte da noch einen anderen Stellenwert. Angesichts der realistischen Darstellung nimmt mancher Gast auch heute noch vorsichtshalber in den hinteren Bänken Platz.

Bei Platte sorgt das für ein wissendes Lächeln. „Den Fehler haben die Schüler damals auch gemacht, wenn sie nicht drankommen wollten“, erklärt er. Dabei hatten die alten Pauker gerade ihre Pappenheimer am Ende des Klassenzimmers im Blick. Wer seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, wählte dagegen besser einen Platz in der ersten Reihe. „Bei 80 Schülern stand der Lehrer meist in der Mitte des Raums. Ganz vorn war man relativ sicher“, berichtet Platte. Doch ihm geht es nicht in erster Linie darum, nostalgische Gefühle zu wecken.

Platte wünscht sich eine Nachfolgeregelung für sein Projekt

„Die Sammlung ist der Alltagskultur des Normalbürgers gewidmet und die gilt es zu bewahren“, betont der Museumsleiter. Er befürchtet, dass dieses Kapitel der Vergangenheit sonst in Vergessenheit gerät. Schließlich habe Wuppertal eine lange Bildungshistorie. 1519 wurde die erste Schule in Barmen eröffnet, 1579 folgte Elberfeld. Die Idee von Unterricht gehe überhaupt sehr weit zurück. „Das kannten schon die alten Ägypter“, sagt Platte.

Der 74-jährige Ehrenamtler würde sich über eine Nachfolgeregelung oder zumindest personelle Unterstützung freuen. Außerdem wünscht er sich eine langfristige Perspektive für das Schulmuseum. Vorerst will Platte weitermachen – natürlich mit Gehrock und Vatermörder.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer