Wie sich ein junger Mann nach einem tragischen Motorradunfall und fünf Monaten im Krankenhaus zurück ins Leben kämpft.

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„Ich fühlte mich von Gott verlassen“, sagt Sven Stipps, hier mit seiner Hündin Lucy.

„Ich fühlte mich von Gott verlassen“, sagt Sven Stipps, hier mit seiner Hündin Lucy.

Uwe Schinkel

„Ich fühlte mich von Gott verlassen“, sagt Sven Stipps, hier mit seiner Hündin Lucy.

Wuppertal. Als ganz Deutschland im Juni 2006 im Freudentaumel des WM-Sommermärchens war, musste Sven Stipps die schwärzesten Tage seines Leben ertragen. In einem sterilen Krankenhauszimmer lag er, und die Welt des Fußball-Festes draußen war für ihn so weit entfernt wie das Leben, das er bis zu diesem sonnigen Samstag Anfang Juni geführt hatte.

Immer wieder spult er in seinem Kopf den gleichen Film ab: Friedlich liegt die Landstraße 224 zwischen Velbert und Wülfrath vor ihm. Er ist auf dem Heimweg, fährt im abendlichen Sonnenuntergang mit dem Motorrad und gibt sich dem hin, was seine Leidenschaft ist: der Geschwindigkeit.
 
Das Registrieren eines Blitzers und abrupte Bremsen sind das Letzte, an das er sich erinnert. Er stürzt. Dann findet er sich auf dem Boden wieder. "Ich wusste sofort, ich würde nie wieder gehen können", sagt er. Keine Schmerzen, keine Panik, nur diese Gewissheit, nie wieder laufen zu können.
 
Wie von weit weg sieht er, wie die Rettungssanitäter seine neue Motorradjacke aufschneiden. "Ich wollte sie noch daran hindern", erinnert er sich. Dann wurde es schwarz.
 
Sven Stipps erzählt davon ganz nüchtern. Er liegt nach einem Arbeitstag auf seinem Bett, versucht seinen Rücken zu entlasten. Er wirkt müde. Gut 20 Monate sind seit dem Unfall vergangen. Viele anstrengende Wochen voller Verbitterung, Verzweiflung und der Frage "Warum?".
 
Fünf Monate verbrachte er im Krankenhaus. Langsam wurde Gewissheit, was seine erste Ahnung ihm sagte. Der vierte und fünfte Brustwirbel waren gebrochen und hatten sich ins Rückenmark gebohrt und die Nerven durchtrennt. Er war querschnittsgelähmt.

"Ich wollte nicht genau über meine Situation nachdenken." Sven Stipps über die Zeit nach seinem Unfall

"Es gab Tage, an denen hatte ich jeden Mut verloren", gesteht er. Mit festem Blick, der weder Mitleid noch Bewunderung fordert, sieht er sein Gegenüber an. Doch Kraft fand der gelernte Automobilmechaniker bei seiner Familie und vor allem seiner Freundin Ilona. "Sie war jeden Tag bei mir", sagt er, und zum ersten Mal lächeln seine blauen Augen.
 
Und das ist sie noch heute. Er habe ihr gesagt, sie könne gehen, es würde schwer werden. Doch sie blieb. "Wir schaffen das", hat die damals 19-Jährige ihm immer wieder versichert. Das gab ihm enorme Kraft. Er erzählt von seiner Freundin sichtlich gerührt, fast ein wenig überrascht. Vielleicht ist sie das größte Wunder, das ihm widerfahren ist.
 
Dazu habe sich in der ersten Phase eine gewisse Form des Galgenhumors gesellt. "Ich wollte nicht genau über meine Situation nachdenken, habe versucht, es von der komischen Seiten zu sehen", erklärt er. Wenn man ihn heute sieht, in sich gekehrt und zurückhaltend, mag man das kaum glauben.

"Ich habe mich gefreut, überhaupt wieder arbeiten zu können." Sven Stipps über seinen neuen Job

Das winzige bisschen Hoffnung, das er noch hatte, wich endgültig der Resignation, als er registrierte, was er alles nicht mehr konnte. Er liebte es, mit seinen Hunden zu gehen, Rad zu fahren oder zu schwimmen, war ein körperlich aktiver Mensch. Nichts davon war ihm geblieben. "Ich komme aus einer christlichen Familie", sagt er, "aber ich fühlte mich von Gott verlassen."

Ein halbes Jahr musste Sven Stipps zu Hause bleiben, sah kaum eine Perspektive. Doch gab es Menschen, die sich für ihn einsetzten. Sowohl seine frühere Chefin wie auch ein Mitarbeiter des Arbeitsamtes stellten die Weichen, dass der ehemalige Lehrling von Mercedes wieder arbeiten konnte.
 
Sie verhalfen ihm zu einer Umschulung zum Automobilkaufmann. "Ich musste mich da erst reinfinden - ich bin eher ein praktischer Mensch", sagt er. Doch er gibt sich kämpferisch, will der Enttäuschung keinen Raum geben. "Vor allem habe ich mich gefreut, überhaupt wieder arbeiten zu können."

"Ich trage selbst die Schuld daran." Sven Stipps über seinen Sturz

Sein Auto hat er sich umbauen lassen, sodass er seinem liebsten Hobby auch wieder nachgehen kann. "Ich fahre viel herum", erzählt er. Ob er vorsichtig fährt? Ein herausforderndes Lächeln huscht über das sonst so ernste Gesicht. "Naja... - ich bin eben ein schneller Fahrer." Manchmal zieht er auch mit den Hunden los. Ausgehen und Freunde treffen mag er jedoch selten.

Mühsam hat sich Sven Stipps in den zwei Jahren zurück gekämpft in ein neues Leben. Wie schwer ihm das gefallen ist und noch immer fallen muss, verraten die Blicke, die manchmal ins Leere gleiten. Doch nur selten lässt er hinter seine Fassade schauen.
 
Den Film des Unfalltages spult er nur noch selten ab. "Ich trage selbst die Schuld daran - und es ändert jetzt nichts mehr", sagt er leise. Pläne für die Zukunft schmiedet er kaum, Wünsche hat er dagegen viele. "Realistisch sind sie jedoch nicht."

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