Eine bemerkenswerte Rede zur Abiturfeier des CFG hat Schulsprecher Samuel Striewski in Anspielung auf das Abi-Motto „Pirates of the Car-abi-an“ gehalten. Wir dokumentieren eine gekürzte Fassung.

Gastbeitrag
Die bestandenen Prüfungen und den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt feierten die Abiturienten des Carl-Fuhlrott-Gymnasiums und ihre Familien mit einem Ball in der Historischen Stadthalle.

Die bestandenen Prüfungen und den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt feierten die Abiturienten des Carl-Fuhlrott-Gymnasiums und ihre Familien mit einem Ball in der Historischen Stadthalle.

cwh

Die bestandenen Prüfungen und den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt feierten die Abiturienten des Carl-Fuhlrott-Gymnasiums und ihre Familien mit einem Ball in der Historischen Stadthalle.

Was für ein Abend! Für Jürgen Drews hat das Budget leider nicht mehr gereicht, dafür habe ich aber einen anderen, ganz besonderen Gast mitgebracht. Darf ich vorstellen: Gretchen. Übrigens, keine Sorge, sie ist nicht mit Gregor Samsa verwandt und damit kein Faustus über sie herfällt, ziehen wir ihr am besten gleich etwas an. (Samuel Striewski holt eine Hose hervor.)

Als Gretchen noch kleiner war, hat diese Hose ihr nicht gepasst. Sie war zu groß und saß irgendwie nicht richtig. Als wir damals auf die weiterführende Schule kamen, ging es vielen von uns wahrscheinlich ähnlich. Die Schule war riesig, die Schüler älter, die Lehrer strenger, die Tage länger und die Hausaufgaben anstrengender. Jeden Tag haben wir uns durch die endlosen Minuten an Unterricht gequält. Erste Klassenfahrten wurden überstanden, etliche Spicker versteckt und ganze Klausuren abgeschrieben.

Mit der Zeit sind wir in unsere Hosen hineingewachsen

Unsere Hosen waren immer noch groß und schlabbrig, als der Expressionismus Einzug in unser Leben fand. Wir spürten die Apokalypse, die Ästhetik des Hässlichen und den Ich-Zerfall am eigenen Körper. Diese Epoche, als unsere Eltern in die Pubertät kamen, war nicht einfach. Aber wir haben sie überlebt.

Mit der Zeit sind wir alle in unsere Hosen hinein gewachsen… Wir haben geliebt und gelacht, gestritten und geweint. Und dabei vieles dazu gelernt. Uns wurden Werte vermittelt und Wissen beigebracht. Tausende von Vokabeln sind durch unser Gehirn geflossen, etliche Texte wurden zermalmt.

Wir beschweren uns gerne, denn einfach hinzunehmen, welch ein Privileg diese Bildung für uns war, ist weitaus schwieriger. Dass wir heute hier stehen und die Bildungshosen anhaben, die uns fürs Leben kleiden, verdanken wir maßgeblich unseren Lehrern. Wir danken der Schulführung, den Stufenkoordinatoren, den Klassen- und Fachlehrern. (Er zieht mit dem Schuldirektor der Puppe die Hose an.)

Unsere Lehrer haben uns ihr Wissen gegeben und diese Hose mit uns geschneidert, damit sie heute Abend sitzt. Es liegt nun an uns, was wir daraus machen: ob wir sie weiter tragen und flicken oder irgendwann eine neue benötigen. Bald schon wird sie vielleicht zu klein sein, wir wachsen über sie hinaus, aber wir sollten niemals vergessen, dass sie uns von nackten, unwissenden Kindern zu angekleideten, gebildeten Erwachsenen gemacht hat.

Noch ist Gretchen aber nicht vollständig bekleidet. (Er holt ein Hemd heraus.) Während die Schule in die Welt der Theorien entführt hat, war unser Zuhause, waren die Familie und die Freunde der Ort der Praxis. Hier haben wir lebenswichtige Fähigkeiten gelernt: essen, laufen, werfen, bitten und danken. Wir haben einen Heimathafen bekommen. Durch ihre Liebe sitzen wir heute in dieser Halle als selbstbewusste, unabhängige Individuen.

Mit dem Abitur kommt der Augenblick, in dem wir selbst die Segel setzen müssen, um uns auf den Weg in die weite Welt zu machen. (Er zieht mit dem Elternpflegschaftsvorsitzendem der Puppe das Hemd an.) Dankeschön! Liebe Eltern, Familien und Freunde, ihr gebt uns beides, einen heimatlichen Hafen und ein seetaugliches Schiff. Ihr müsst uns jetzt ziehen lassen, doch erst dadurch haben wir die Möglichkeit heimkehren.

Liebe Stufe, mit diesem Hemd werden wir jederzeit auf der ganzen Welt ein Stück Heimathafen dabei haben. Wir sollten unseren Eltern, Familien und Freunden dafür einmal kräftig danken!

Den letzten Schritt müssen wir selbst tun

Bei all der Hilfe - den letzten Schritt müssen wir selbst tun. Uns wurde ein Körper gegeben und unser Geist erzogen, doch bei aller Prägung, bestimmen wir selbst, welchen Piratenhut wir aufziehen. Die Richtung, in die wir segeln, kann uns niemand vorgeben. Die Kapitäne unseres Lebens sind allein wir.

Ihr müsst kein Arzt werden, um Leben zu retten und um reich zu sein, kein Geld verdienen. Ich wünsche uns, dass wir alle genug Vertrauen in uns selbst haben und für unseren Lebenssinn keine materielle Bestätigung benötigen.

Es macht mich glücklich, an unsere gemeinsame Zeit zurück zu denken. Wir haben gemeinsamen gelernt, gelacht und gelebt. Während unser Gehirn die gelernten Theorien und Formeln irgendwann wieder löscht, bleiben die Erinnerungen an Freundschaft und Zusammenhalt im Herzen zurück.

Liebe Piraten! Dankeschön, dass ihr mir in den letzten Jahren als Stufensprecher so vertraut habt. Mit euch gemeinsam zu segeln und heute den Hafen zu verlassen, war mir eine große Ehre. Wenn wir an die Schulzeit zurück denken, lasst uns drei Dinge in Erinnerung behalten: Unsere Lehrer haben uns die Bildungshosen angezogen, unsere Familien und Freunde haben uns das Hemd der Heimat mitgegeben und mit dem Piratenhut tragen wir nun selbst die Verantwortung für unser Leben.

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