Wolfgang Nielsen, Chef der Wuppertaler Tafel, gibt im WZ-Gespräch einen Einblick in die tägliche Arbeit.

Interview
Wolfgang Nielsen, 1. Vorsitzender der Wuppertaler Tafel, schaut optimistisch in die Zukunft.

Wolfgang Nielsen, 1. Vorsitzender der Wuppertaler Tafel, schaut optimistisch in die Zukunft.

Andreas Fischer

Wolfgang Nielsen, 1. Vorsitzender der Wuppertaler Tafel, schaut optimistisch in die Zukunft.

Herr Nielsen, wie viele Menschen haben im vergangenen Jahr die Wuppertaler Tafel aufgesucht?

Nielsen: Wir haben rund 960 Portionen pro Tag verteilt. Das macht rund 350.000 kostenlose Mahlzeiten im Jahr. Die Zahlen sind zum Jahr 2011 ungefähr konstant geblieben. Zudem haben 2700 Personen und Familien Ausweise, die sie berechtigen, Lebensmittel bei uns abzuholen.

Wer kommt zu Ihnen?

Nielsen: Überwiegend sind es Rentner, Langzeitarbeitslose, Hartz-IV-Empfänger und Alleinerziehende. Denn bei den Meisten reicht das Geld für den Monat einfach nicht aus. Wenn sie zu uns kommen, dann können sie auch mal ein paar Euro sparen. Menschen, die früher zur Mittelschicht gehört haben, kommen eher selten. Die tun sich natürlich schwer, denn es ist nun einmal nicht schick, zur Tafel zu gehen.

Viele Studien zeigen die größer gewordene Kluft zwischen arm und reich. Spüren sie das?

Wolfgang Nielsen, geboren im März 1950. Nach der Schule dann eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann. Von 1980 bis 1984 zusätzlich ein BWL-Studium an der Deutschen Angestellten Akademie in Düsseldorf. 1988 Gründung des allgemeinen Hilfskreises (AHK), der im März 1995 dann zur Wuppertaler Tafel wurde. Seit 2000 ist Wolfgang Nielsen 1. Vorsitzender der Tafel.
 

Die Wuppertaler Tafel befindet sich in der Innenstadt von Barmen, Kleiner Werth 50, 42275 Wuppertal. Telefon: 434441. E-Mail: info@wuppertaler-tafel.de. Weitere Informationen unter:
wuppertaler-tafel.de

Nielsen: Ja, definitiv. Ich bin seit über 17 Jahren bei der Tafel und die Situation ist spürbar schlimmer geworden.

Warum ist das so?

Nielsen: Wenn man heute „alter Adel“ ist – so nenne ich die Familien, in denen bereits die Eltern und Großeltern Sozialhilfe bekommen haben – dann kommen die jungen Leute da nur ganz schwer wieder raus.

Spüren sie die konstant hohe Arbeitslosigkeit in Wuppertal von fast zwölf Prozent?

Nielsen: Unsere Tafel ist schon stärker ausgelastet, als andere Städte wie zum Beispiel Düsseldorf. Ich gehe auch davon aus, dass wir bis zum Jahr 2016 rund 20 bis 30 Prozent mehr Kunden bekommen. Das bedeutet auch, dass wir unsere Küche für rund 120.000 Euro vergrößern wollen.

Sie wollten mehr Ehrenamtler gewinnen. Ist Ihnen das gelungen?

Nielsen: Wir hätten gerne mehr. Rund 20 Ehrenamtler in allen Bereichen fehlen uns. Wir brauchen aber ausschließlich welche, die Verantwortung übernehmen wollen und auch verantwortungsbewusst handeln können.

Ist die Fluktuation bei den Ehrenamtlern hoch?

Nielsen: Ja, leider. Bei uns gibt es natürlich auch Ängste um die eigenen Arbeitsplätze. Daher wird untereinander auch geblockt. Das ist wie im normalen Leben.

Ab und zu hört man von Vorfällen, wo es bei Ihnen etwas ruppig zugeht. Wie ist die Stimmung?

Nielsen: Die ist eigentlich freundlich. Natürlich arbeiten wir mit „Problemleuten“ für „Problemleute“. Da gibt es immer Situationen, die nicht normal sind. Die Kunden sind manchmal betrunken, so dass schon mal klare Ansagen nötig sind.

Das heißt, Toleranz ist unabdingbar.

Nielsen: Wenn bis zu 200 Menschen gemeinsam am Tisch sitzen, ist ein toleranter Umgang die Voraussetzung. Manchmal müssen wir aber die Polizei rufen und sogar Platzverweise erteilen. Dann sind es jedoch meist jüngere Leute, die bei uns Sozialstunden ableisten müssen und leider häufig unter Drogen stehen.

Wie sehen sie die Tafel in der Zukunft?

Nielsen: Da keine Partei halbwegs Vollbeschäftigung im Tal herstellen kann, wird es immer Menschen geben, die den Anschluss verpasst haben. Diesen wollen wir immer helfen, damit es ihnen besser geht. Wir klagen in Wuppertal aber oft auf hohem Niveau.

Was meinen Sie damit?

Nielsen: Zum Beispiel haben wir hier fast keine Obdachlosigkeit wie in anderen Großstädten. Das ist positiv. So etwas wird jedoch nur selten wahrgenommen.

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