Das Oberhaupt der deutschen Protestanten spricht über Wuppertal und die Kirchliche Hochschule.

Interview
Nikolaus Schneider predigt am Ersten Weihnachtstag in der Elberfelder Friedhofskirche.

Nikolaus Schneider predigt am Ersten Weihnachtstag in der Elberfelder Friedhofskirche.

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Nikolaus Schneider predigt am Ersten Weihnachtstag in der Elberfelder Friedhofskirche.

Herr Schneider, heute sind Sie das Oberhaupt von zirka 25 Millionen Protestanten in Deutschland. Vor gut 40 Jahren haben Sie an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal studiert. Wie wichtig war diese Zeit für Sie?

Nikolaus Schneider: Es war zweifellos eine der ganz entscheidenden Zeiten meines Lebens. Hier bin ich theologisch geprägt worden – meine Begeisterung für die alten Sprachen, also für Altgriechisch und Hebräisch, ist im Grunde erst in Wuppertal richtig geweckt worden. Erst mit diesen Grundlagen konnte ich mich so richtig zum Bibeltheologen entwickeln. Und nicht zuletzt habe ich auf dem Heiligen Berg meine Frau kennengelernt. Eine stärkere Prägung ist so gesehen kaum denkbar.

Was ist Ihnen aus dem Wuppertal der späten 1960er Jahre in Erinnerung geblieben?

Schneider: Eine gerade kulturell unheimlich lebendige Stadt, die für mich – ich war damals das erste Mal von zuhause weg – sehr faszinierend war. Das war ja auch die Zeit der Studenten-Proteste, die uns damals regelmäßig vom Berg hinunter in die Stadt geführt haben.

„Theologe zu sein ist nicht nur ein Beruf, sondern mehr als das.“

Wie wild hat der junge Student Nikolaus Schneider damals demonstriert?

Am 1. Weihnachtstag predigt Nikolaus Schneider beim Gottesdienst um 10 Uhr in der Elberfelder Friedhofskirche. Besucher sollten schon gegen 9.30 Uhr dort sein.

Geboren 1947, studierte Schneider in Wuppertal, Münster und Göttingen Theologie. Seit 1976 ist er Pfarrer, seit 2003 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Im November wurde er zum Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt.

Die Kirchliche Hochschule Wuppertal auf der Hardt, dem „Heiligen Berg“, wurde 1935 gegründet. Im Oktober feierte sie ihr 75-jähriges Bestehen.

Schneider: Keine Sorge, Molotow-Cocktails oder Steine habe ich nicht geworfen (lacht). Aber ich war gut beim Organisieren von Kundgebungen und Texten von Flugblättern.

Sie waren knapp drei Jahre hier, vom Sommersemester 1967 bis zum Wintersemester 1969/70. Was hat diese Zeitspanne aus theologischer Sicht so entscheidend für Sie gemacht?

Schneider: Diese enge Gemeinschaft, wie sie in Wuppertal auf dem Heiligen Berg gelebt wird, gibt es meines Erachtens an keiner anderen Hochschule. Lehrende und Studenten arbeiten, lernen und leben zusammen – diese Nähe ist eine riesige Chance für einen jungen Menschen, der an der Kirchlichen Hochschule studiert.

Inwiefern?

Schneider: Nun, Theologe zu sein, ist nicht nur ein Beruf, sondern mehr als das. Sie setzen sich mit den existenziellen Fragen von Leben und Tod auseinander, mit den tiefsten Fragen des Glaubens. An der Kirchlichen Hochschule werden Sie als Persönlichkeit darauf vorbereitet – dort spricht man täglich über diese Fragen, sucht gemeinsam nach Antworten. Diese Erfahrung gibt einem Halt für das ganze spätere Berufsleben – eine Erfahrung, die übrigens ganze Generationen von Pfarrerinnen und Pfarrern verbindet. Wer zusammen auf dem Heiligen Berg war, vergisst das nie. Etwa der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland, Martin Schindehütte, oder der Bischof von Braunschweig, Friedrich Weber, sind heute Führungspersonen der Kirche, die ich noch aus Wuppertal kenne.

Ist das auch die Rolle der Kirchlichen Hochschule für die Landeskirche – der Heilige Berg als Zentrum eines kirchlichen Netzwerks?

Schneider: Natürlich ist die Hochschule für die Ausbildung des Pfarrer-Nachwuchses sehr wichtig. Doch ich würde insbesondere die Bedeutung für die kirchliche Lehr-Entwicklung hervorheben. Als die Evangelische Kirche etwa ihr Verhältnis zum Judentum theologisch neu begründen wollte, wurde das in Wuppertal entwickelt. Die Hochschule ist ja schon allein durch ihre Gründung aus der Bekennenden Kirche heraus etwas Besonderes: Der damalige Anspruch, der Kirche zu dienen, ist auch heute noch Verpflichtung.

„Das ist die Lehre von Barmen: Die Wurzel der Kirche ist das Wort Gottes.“

Wie wichtig ist diese Tradition aus der Bekennenden Kirche heraus – spürt man das als Student auf dem Heiligen Berg?

Schneider: Unterschwellig auf jeden Fall. Wenn Sie im Audimax bei einer Vorlesung sitzen, sehen Sie immer an der Stirnwand des Saales die ersten Worte des Johannes-Evangeliums: „Am Anfang war das Wort.“ Das ist die Lehre von Barmen (gemeint ist die Barmer Theologische Erklärung von 1934; Anm. d. Red.): Die Wurzel der Kirche ist das Wort Gottes, nichts sonst – darauf kommt es an und nicht auf ein reibungsloses Verständnis mit den jeweils politisch Mächtigen. Das sehen Sie auf dem Heiligen Berg jeden Tag, und das nehmen Sie mit in Ihr Leben.

Blicken wir noch einmal nach vorn: Sehen Sie als Präses der Landeskirche die Kirchliche Hochschule auch im Jubiläumsjahr gut für die nächsten 75 Jahre gerüstet?

Schneider: Mit Sicherheit. Der Heilige Berg hat sich ja verändert und ist heute als Theologisches Zentrum ebenfalls ein Mittelpunkt der theologischen Aus- und Fortbildung. Das hat den Standort deutlich gestärkt. Ich bin aber auch davon überzeugt: Das Wuppertaler Modell des gemeinsamen Lebens und Lernens ist ein Garant für die Zukunft der Hochschule. Denn Theologie lebt von Gespräch und Auseinandersetzung – in der Hinsicht ist die Hochschule unverzichtbar.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Seit Sie Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche geworden sind, ist Ihr Terminkalender minutiös durchgeplant. Dazu gehört auch, dass Sie am ersten Weihnachtstag in der Friedhofskirche predigen. Bleibt Ihnen trotzdem Zeit für ein schönes Fest mit der Familie?

Schneider: Das wird nicht einfach dieses Jahr (lacht). Aber natürlich freue ich mich auch darauf, für den Gottesdienst am 25. Dezember ausgerechnet wieder mal nach Wuppertal zu kommen.

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