Nadine Mühlhoff leistete zunächst nur Nachbarschaftshilfe. Doch daraus hat sich eine Wahlverwandtschaft entwickelt.

Wuppertal. Dramatisch verlief ihre erste Begegnung. Zwischen Möbelrücken und Umzugskisten sah Nadine Mühlhoff den Notarzt ins Obergeschoss eilen. Sie folgte ihm in die Nachbarwohnung, um sich zu erkundigen, ob sie helfen könne. „Sie hat spontan angeboten, mir die verordneten Medikamente zu besorgen. Von dem Moment an war ich adoptiert“, berichtet Friedrich Tuschy. In seinen Augen ist die Nachbarin ein Engel. „Ohne sie wäre ich hilflos. Denn ich habe keine Verwandtschaft hier.“

Mit dem 84-Jährigen einkaufen zu gehen, ihn zum Arzt zu begleiten oder im Krankenhaus zu besuchen, ist für Nadine Mühlhoff selbstverständlich. „Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Er hat damals Hilfe gebraucht und ich bin jung und kann mal eben die Treppe herauflaufen, um zu fragen, ob er etwas benötigt“, sagt die 39-Jährige.

Inzwischen ist Friedrich Tuschy der ganzen Familie ans Herz gewachsen. „Wir haben uns gesucht und gefunden“, betont Nadine Mühlhoff. Die Einsamkeit ihres Nachbarn hat sie tief bewegt. „Das hat mir sehr leid getan. Doch mit der Zeit sind wir immer näher zusammengerückt und nun gehört er einfach dazu.“ Wenn die Familie sich um den Grill auf der Terrasse versammelt hat, war Friedrich Tuschy ganz selbstverständlich mit dabei und hat die Runde mit seinen Geschichten bereichert.

„In meinem Leben bin ich viel herumgekommen“, berichtet er und seine Augen leuchten hinter den großen Brillengläsern. Als leidenschaftlicher Rallyefahrer ist er bei WM-Läufen in ganz Europa gestartet. Zu seinen größten Erfolgen zählt der Klassensieg in Monte Carlo 1973. „Den Coup de Monte Carlo hat außer mir nur noch Mercedes gewonnen. Den gibt es nur zweimal in Deutschland“, berichtet der Wuppertaler mit hörbarem Stolz. Nach seinem Triumph war er zum Galadiner bei Fürst Rainier geladen. „Leider war Grace Kelly unpässlich, denn ich hätte mit ihr tanzen dürfen. Mein ganzes Leben denke ich daran“, sagt er lächelnd.

Von diesen Geschichten lässt sich Nadine Mühlhoff gerne verzaubern. „Wenn er erzählt, hängen wir an seinen Lippen. Es ist so faszinierend, mit ihm in eine andere Welt einzutauchen.“ Im Sommer hat sich die Familie von Friedrich Tuschy in die Südsee entführen lassen. „Wir haben uns Cocktails gemixt und gemeinsam seinen Film über die Karibik aus den 70er Jahren angeschaut. Am Ende waren wir alle angeschickert und hatten viel Spaß.“

Als Berater hat er den Orient bereist

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Mit seinen Erzählungen aus 1001 Nacht zieht Friedrich Tuschy seine Wahlverwandtschaft jedoch noch mehr in seinen Bann. Als Berater hat er den Orient bereist und war auch in Gebieten, wo sich kaum noch jemand hintraut. „Im Talibangebiet habe ich eine Fabrik eingerichtet und musste ständig in Deckung gehen.“ Bei Staatspräsidenten war er ebenso zu Gast wie bei Stammesführern in der Kurdenregion. „Aktuell habe ich eine Anfrage aus Afghanistan und eine Einladung nach Afrika. Doch ich weiß nicht, ob ich das annehme“, berichtet der ehemalige Inhaber einer chemisch-kosmetischen Fabrik.

Seine Erfahrung ist immer noch international gefragt. Über das Internet gibt er sie weiter. „Die Planung erledige ich von hier aus und schicke sie dann dorthin. Ich bin froh, dass ich helfen kann und eine Aufgabe habe“, betont Friedrich Tuschy. Für ihn ist es gleichzeitig Gehirnjogging. „Denn ich mache das alles auf englisch.“

Mit seinen Sprachkenntnissen hat er Nadine Mühlhoff mehr als einmal beeindruckt. „Wenn ich höre, wie er auf englisch verhandelt, bin ich ganz neidisch.“ Die 39-Jährige schätzt Friedrich Tuschy auch als Ratgeber. „Die Gespräche mit ihm sind eine Bereicherung. Er hat aufgrund seiner Lebenserfahrung den entsprechenden Weitblick.“

Beide teilen auch die Leidenschaft für Fußball, besonders für den BVB. „Da kann ich meiner Ruhrpottschnauze freien Lauf lassen“, sagt Nadine Mühlhoff. Obwohl sie nicht mehr in einem Haus wohnen, telefonieren sie täglich und sehen sich regelmäßig. „Weihnachten feiern wir zusammen“, sagt Nadine Mühlhoff. „Das ist wie in meiner Kindheit, wo alle um einen großen Tisch saßen“, ergänzt Tuschy.

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