Mit falschen Versprechungen wurde Lena S. nach Deutschland gelockt. Mit Glück schaffte sie den Absprung.

Wuppertal. Lena S. (Name von der Redaktion geändert) hat Angst. Die dunklen Augen schauen immer wieder vorsichtig herüber, taxieren ihre Gesprächspartner. Permanent scheint sie auszuloten, ob sie vertrauen kann oder vorsichtig sein muss. Sie versteckt ihren zierlichen Körper in einer übergroßen grauen Jacke, spielt nervös mit den Ärmeln. Dann beginnt sie zu erzählen.

Davon, wie sie in ihrer Heimat in Osteuropa (das Land möchte sie aus Gründen der Anonymität nicht nennen) von einem jungen Mann angesprochen wurde. "Er hat mir gesagt, ich könne in Deutschland in einem Restaurant arbeiten", sagt sie. Verliebt war sie damals in ihn, darum habe sie ihm geglaubt. "Eine Liebesbeziehung zu dem Mädchen aufzubauen ist einer der typischen Kniffe, die Zuhälter anwenden, um junge Mädchen unter falschen Versprechungen herzulocken", bestätigt Veronika Kesegová von der Wuppertaler Caritas. "Sind die Frauen verliebt, tun sie alles für den Mann. Wenn sie das Spiel endlich durchschauen, ist es meist zu spät. Manche Frauen, die in unsere Beratungsstelle kommen", so Veronika Kesegová, seien so von der Liebe überzeugt, dass sie den Caritas-Mitarbeiterinnen nicht glauben.

So war es auch bei Lena S. Kaum war sie Anfang 2007 in Deutschland, eröffnete ihr Freund ihr, dass sie mitnichten in einem Restaurant arbeiten würde, sondern in einem Nachtclub. "Er sagte mir, dass ich Sex mit anderen Männern haben muss. Viel Sex", erinnert sie sich. Gerade mal 18 Jahre war sie damals. Und schockiert. Doch die Ansage, die sie bekam, war klar und duldete keinen Widerspruch.

Kosten seien ihrem angeblichen Freund entstanden, der nun zu ihrem Zuhälter wurde. Um diese bei ihm abzuzahlen, müsse sie einen Vertrag unterschreiben und sich damit verpflichten, sechs Monate für ihn zu arbeiten. 2500 Euro hat sie am Ende des halben Jahres selbst verdient - den Rest steckte sich der Zuhälter in die eigene Tasche. Während des halben Jahres durfte sie den Club nicht verlassen. Sie lebte wie eine Gefangene.

Oft, so erzählt sie, habe sie fast 24 Stunden durchgearbeitet. Wenn es keine Freier gab, dann musste sie putzen, Wäsche waschen oder an der Theke arbeiten. Und bei all dem hatte sie permanent Angst. Angst, jemandem davon zu erzählen, Angst zu fliehen, Angst vor ihrem Zuhälter, der andere Frauen schlug, Angst vor den Freiern und dem, was die von ihr verlangten. "Ich war körperlich und psychisch völlig am Ende", sagt sie und blickt starr aus dem Fenster.

Zuhälterei ist laut Polizei auch in Wuppertal ein Thema. Etwa 200 Prostituierte haben hier ihr Gewerbe angemeldet, 50 Clubs und Privatwohnungen sind offiziell registriert. "Dabei gehen wir von einer weit höheren Dunkelziffer aus", so ein Polizeisprecher. Einen Straßenstrich gebe es in der Stadt nicht mehr. An seine Stelle seien die vielen kleinen Clubs getreten. Viele der Frauen würde heute allerdings ohne Zuhälter arbeiten, so die Polizei.

Doch sie hatte Glück. Es gab einen Freier, dem sie vertraute - und dem sie sich schließlich auch anvertraute. Er half ihr, aus der Gefangenschaft zu fliehen. Und das noch größere Wunder: Der ehemalige Zuhälter ließ sie in Ruhe, er bedrohte sie nicht, stellte ihr nicht nach. "Das ist sehr ungewöhnlich", weiß Veronika Kesegová. So einfach kämen die wenigsten Prostituierten aus der Situation heraus.

Heute lebt Lena S. mit ihrer Familie zusammen und geht zur Schule. Das alte Leben hat sie weit hinter sich gelassen. "Es war wie ein böser Traum, aber ich habe es zum Glück überlebt", sagt sie. Sie hat eine Anzeige bei der Polizei erstattet. Die Strafe, die sie ihrem ehemaligen Peiniger wünscht: "Er sollte das mitmachen, was ich mitgemacht habe."

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