Mit dem Tanztheatervortrag „Am Anfang war das Chaos“ will die Professorin Barbara Rüdiger die Boltzmanngleichung darstellen.

Mit dem Tanztheatervortrag „Am Anfang war das Chaos“ will die Professorin Barbara Rüdiger die Boltzmanngleichung darstellen.
Jean Laurent Sasportes, Prof. Barbara Rüdiger und Ralf Silberkuhl.

Jean Laurent Sasportes, Prof. Barbara Rüdiger und Ralf Silberkuhl.

Die Tänzerinnen Charlotte Virgile, Chrystel Guillebeaud und Guity Doroudi stellen die Boltzmanngleichung tänzerisch dar. Fotos (2): Stefan Fries

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Jean Laurent Sasportes, Prof. Barbara Rüdiger und Ralf Silberkuhl.

Kann man einen Vortrag über eine mathematische Gleichung tänzerisch darstellen? Man kann, sagt Prof. Dr. Barbara Rüdiger, die die Abteilung Stochastik im Fachbereich Mathematik der Bergischen Universität Wuppertal leitet. Thema des Vortrags ist ein aktuelles Forschungsthema von Prof. Rüdiger: die Festlegung stochastischer Zufallsprozesse, welche Ort- und Geschwindigkeitsänderungen der Moleküle beschreiben, wenn sich Gas nach den Gesetzen von Boltzmann und gemäß der Boltzmanngleichung ausbreitet.

Übersetzt in ein Beispiel aus dem Alltag wäre das die Frage, warum ein Gas, das zum Beispiel als Parfüm aus der Flasche entweicht, nicht wieder in die Flasche zurückgeht. „Die Unumkehrbarkeit hat mit der Unordnung zu tun“, sagt Prof. Dr. Barbara Rüdiger. Bevor Ludwig Eduard Boltzmann seine Gleichung aufstellte, war bereits bekannt, dass sich Gas ausbreitet. Diese Erkenntnis führte unter anderem zur Erfindung der Dampfmaschine. Boltzmann fand aber die Erklärung dafür, warum sich das Gas ausbreitet. „Gas besteht aus Molekülen, die sich wie elastische Bälle verhalten, die gegeneinanderstoßen“, sagt Rüdiger.

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Um die Theorie von Boltzmann und dessen Forschungsthemen jedem Bürger nahe zu bringen entwickelte Rüdiger zusammen mit dem Choreographen und Tänzer Jean Laurent Sasportes das Konzept eines „Tanztheatervortrags“. Im Unterschied zu einem Vortrag soll das Tanztheater dynamisch und visuell zeigen, was zum Beispiel passiert, wenn Gas expandiert.

Die Idee stammt aus Rüdigers Zeit an der Universität Koblenz-Landau. Damals sollten unterschiedliche Juniorprofessoren Vorträge über das gleiche Thema halten, die Boltzmanngleichung. „Die Theorie sollte so runtergebrochen werden, dass sie jeder verstehen kann“, sagt Rüdiger. Als sie in Wuppertal zum ersten Mal eine Dokumentation über Pina Bausch sah, war die Idee geboren, die Boltzmanngleichung tänzerisch darzustellen.

Die mathematische Sprache musste in Bilder übersetzt werden

In dem Tanztheatervortrag mit dem Titel „Am Anfang war das Chaos“ werden physikalische und mathematische Aussagen von Boltzmann durch choreographische Szenen unter der Regie von Sasportes dargestellt. Bis es soweit war, war es ein weiter Weg. „Ihre normale Sprache sind Gleichungen“, sagt Jean Laurent Sasportes über Barbara Rüdiger. Diese Sprache musste erst einmal übersetzt werden, denn für eine Aufführung brauche er Bilder.

Zusammen mit Studenten erarbeitete Rüdiger im Rahmen eines Seminars den Stoff. „Am Anfang waren da nur viele Tafeln mit vielen Zahlen, von denen man Kopfschmerzen bekommt“, sagt Ralf Silberkuhl, der dem Vortrag mit Projektionen eine visuelle Ebene hinzufügt. „Ich musste mir einfach vorstellen können, wie Flüssigkeiten sich bewegen“, sagt Silberkuhl, der zum Beispiel die Verflüssigung von Gas illustriert, in dem er die Tänzerinnen mit Lichtern in der Hand von oben filmt, so dass nur einzelne Lichtpunkte zu sehen sind. Diese werden weichgezeichnet und verschwimmen quasi zu einer Flüssigkeit.

Herausgekommen ist seiner Meinung nach ein emotionaler Vortrag, der nicht sehr wissenschaftlich ist. „Ich glaube, es ist ein Vorteil, dass Sasportes mehrere Jahre Physik und Mathematik studiert hat“, sagt Rüdiger. Sasportes und Silberkuhl hätten zudem eine Forscherdenkweise und wollten den Dingen auf den Grund gehen.

Der Vortrag besteht eigentlich aus zwei Teilen. Im ersten Teil geht es um die klassische Mechanik, in dem die vier Tänzerinnen Guity Doroudi, Chrystel Guillebeaud, Sophia Otto, Charlotte Virgile und weitere 20 Darsteller zeigen, das ein Pendel hin- und herschwingt, bis es einen neuen Impuls bekommt. Mit jedem neuen Impuls werden die Bewegungen der Tänzerinnen komplexer. Der zweite Teil des Tanzabends zeigt die Boltzmanngleichung zur Unumkehrbarkeit des Chaos.

„Die Zuschauer bemerken aber nicht, dass es zwei Teile sind“, sagt Rüdiger, die mit ihrem Vortrag alle Wuppertaler ansprechen will - unabhängig vom Schulabschluss. Selbst wenn jemand die Theorien nicht versteht, werde er einen interessanten Abend im Tanztheater erleben, sagt Rüdiger.

Das Projekt „Am Anfang war das Chaos - Tanztheatervortrag zu Ludwig Eduard Boltzmann und seinem Werk“ wird am 12. und 13. Januar im Kulturzentrum Immanuelskirche, Sternstraße 73, aufgeführt. Beginn ist um 19.30 Uhr.

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