Der Wuppertaler Lehrer Arne Ulbricht hat keinen Facebook-Account. Und er empfiehlt, es ihm gleichzutun.

gastbeitrag
„Likes“ unter einem geposteten Beitrag sind vielen Facebooknutzern wichtig.

„Likes“ unter einem geposteten Beitrag sind vielen Facebooknutzern wichtig.

dpa/ Daniel Schmitt

„Likes“ unter einem geposteten Beitrag sind vielen Facebooknutzern wichtig.

Wuppertal. 1,8 Milliarden Menschen, darunter 28 Millionen Deutsche, tummeln sich auf Facebook, dem größten Zeitfresser und der gnadenlosesten Mobbingmaschine der Welt. Marc Zuckerberg hat angesichts dieser Zahlen vor Kurzem geschrieben: „Our community has a lot to be proud of.“ Für die (älteren) Schüler gehört Facebook zum Leben dazu, als wäre es so lebensnotwendig wie die tägliche Nahrungsaufnahme. Aber erstaunlicherweise schmeckt ihnen oft nicht, was sie auf Facebook zum Fraß vorgeworfen bekommen.

„Merkt eigentlich niemand, wie zwanghaft die Community geworden ist?“

Neulich diskutierte ich mit einem Kurs über das Berliner Attentat und war verblüfft, wie kritisch manche Schüler vor allem die islamophoben Hetztiraden auf Facebook sahen. Eine Schülerin empörte sich über einen hochgeladenen offensichtlich blutverseuchten Film: „Da stand jemand und hat alles mit dem Handy gefilmt und es auf Facebook gestellt!“ Aber warum hatte sie sich den Film überhaupt angesehen, wenn er so grässlich war? Merkt eigentlich niemand, wie zwanghaft die „Community“ geworden ist?

In einem anderen Kurs erzählte ich den Schülern von einem Video, das zeigte, wie ein fünfzehnjähriges Mädchen in Österreich krankenhausreif geprügelt wurde. Es war millionenfach angeklickt worden. Facebook wies zunächst darauf hin, dass das Video „nicht gegen Gemeinschaftsstandards“ verstoße. Erst nach massiven Protesten wurde es gelöscht. Ein Schüler schüttelte daraufhin verächtlich den Kopf und sagte, dass „jede Brustwarze“ sofort gelöscht werde, aber Gewaltvideos machten auf Facebook ständig die Runde.

Ob meine älteren Schüler (und jüngeren Kollegen und die vielen Facebook-Eltern) auch mitbekommen haben, dass am 9. November 2016 – am 9. November fand 1938 die so genannte Reichskristallnacht statt! - eine Neonazigruppe auf ihrer Facebookseite eine Karte mit Adressen jüdischer Einrichtungen gepostet hat? Und haben sie sich irgendwann mal gefragt, warum Facebook keinerlei Einwände dagegen zu haben scheint, das offen rechtsradikale Gruppen ebenfalls zur „Community“ gehören, auf die Marc Zuckerberg so stolz ist? (Pegida hat selbstverständlich auch eine Facebookseite.)

„Ich begreife das als eine ganz besondere Art der Freiheit in unserer hysterischen Hochgeschwindigkeitsgesellschaft.“

 

Arne Ulbricht, 44, Wuppertaler, unterrichtet an einem Berufskolleg in Mettman und ist Autor. In seinem Roman „Nicht von dieser Welt“ geht es um einen Lehrer, der bewusst analog lebt und an der gesamten Gesellschaft scheitert.

Am Samstag, 18. Februar, liest Arne Ulbricht um 17 Uhr aus „Lesen ist cool“ und „Nicht von dieser Welt“ in Wuppertal-Cronenberg bei Foto Hensel. www.arneulbricht.de

Als ich neulich einem Bekannten erzählte, dass ich selbst nicht auf Facebook sei, wunderte er sich. Ob ich denn Freunde habe, wollte er wissen. Das war kein Witz. Und ja! Ich habe Freunde. Ich kommuniziere mit ihnen. Ich verabrede mich mit ihnen. Und ich nehme am kulturellen Leben teil. Und für all das habe ich mehr Zeit als viele anderen. Denn ich verplempere nicht mehrere Stunden in der Woche, um mich über den Mist aufzuregen, der auf Facebook die Runde macht und auf den ich dann irgendwie auch reagieren muss. Ich begreife das längst als eine ganz besondere Art der Freiheit in unserer hysterischen Hochgeschwindigkeitsgesellschaft.

Deshalb empfehle ich: Wer mit Facebookinhalten Probleme hat oder ständig über den alltäglichen Stress jammert, der sollte besser heute als morgen Facebook ein für allemal den Rücken kehren. Es lohnt sich.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer