Die Pina-Bausch-Tänzer Julie Anne Stanzak und Eddie Martinez improvisierten bei einem Gastspiel in Japan.

bewegende momente

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Wuppertal. Man könnte ihr stundenlang zuhören. Wenn Julie Anne Stanzak erzählt, funkeln ihre Augen, reden die Arme förmlich mit, spricht der ganze Körper. Die Aura, die die Pina-Bausch-Tänzerin auf der Bühne umgibt, ist auch jenseits des Tanzparketts zu spüren. Wer Persönlichkeit hat, fasziniert eben überall.

Ob sie im Rampenlicht steht oder im Büro des Tanztheaters sitzt: Die Amerikanerin zieht ihre Zuhörer sofort in ihren Bann. Bei Yoshito Ohno dürfte das nicht anders gewesen sein. Der Sohn von Butoh-Legende Kazuo Ohno hat die Tänzerin, die seit 1986 in Wuppertal lebt, jüngst in Japan kennengelernt.

Reisen rund um den Globus ist Stanzak ja gewohnt. Aber ein Auftritt, bei dem man sich mit einem 72-jährigen Butoh-Meister die Bühne teilt, ohne vorher genau zu wissen, worauf man sich eigentlich einlässt, ist selbst für einen Profi, der in Körperbeherrschung geübt ist, ein Moment, in dem das Adrenalin unbremsbar durch den Körper schießt und das Herz schneller schlägt.

„Wir denken sehr viel an Pina.“

Julie Anne Stanzak, Tänzerin, über ihre Verbindung zu Pina Bausch . . .

Stanzak ist jetzt noch ergriffen. „Ich konnte sie zuerst gar nicht anfassen“ – die Tänzerin meint die Kostüme, die Yoshito Ohno in seinem Studio in Japan lagert. „Plötzlich wurde die Schrankwand aufgeschoben und ich sah die ganzen Butoh-Kostüme. Ich war in Ohnos Heiligtum – unglaublich.“ Dass sie überhaupt die Qual der Kostüm-Wahl hatte, lag daran, dass die Verabredung zum Tanz eine Art Blind Date war: Stanzak flog zum Kazuo Ohno Festival, ohne vorher zu ahnen, zu welcher Musik, mit welchem Outfit und in welcher Atmosphäre sie sich bewegen sollte. „Deshalb sind wir noch am Tag der Ankunft an den Veranstaltungsort gefahren, um zu sehen, was uns erwartet“, erzählt Stanzak. „Wir“ sagt sie mit Blick auf Eddie Martinez, den dasselbe Schicksal ereilte: Die beiden Ensemblemitglieder des Wuppertaler Tanztheaters packten ihre Koffer allein mit dem Wissen, dass sie in Yokohama im Trio mit Yoshito Ohno auftreten sollten.

„Ich bin überrascht, wie mir Wuppertal fehlt, wenn ich weg bin.“

. . . und zu ihrer Wahl-Heimat.

Nur eines sei von vorneherein klar gewesen: „Wir wollten weniger uns selbst zeigen, wir wollten viel eher Yoshito Ohno verehren“, erklären Stanzak und Martinez. Das klingt nach einer ganz neuen Erfahrung für zwei Tänzer, die sonst mit ihrem Ensemble selbst im Mittelpunkt stehen und weltweit verehrt werden. Und in der Tat: „Da hat sich etwas gekreuzt und geformt, wir haben getastet und geforscht“, berichtet Stanzak. „Wir konnten nur zwei Tage lang proben und improvisieren – es war also ganz anders als bei Pina.“ Am Ende habe das Blind Date aber die Herzen aller bewegt – die der Tänzer genauso wie der Zuschauer: „Einige hatten sogar Tränen in den Augen.“

Julie Anne Stanzak, in New Orleans geboren, gehört seit 25 Jahren zum Tanztheater Wuppertal. Eddie Martinez stammt aus Kansas und ist seit 15 Jahren Ensemblemitglied. Im Barmer Opernhaus sind sie als nächstes in einer „Kontakthof“-Neuinszenierung zu sehen (24. bis 27. März).

Butoh ist ein Ausdruckstanz, der den Körper ins Zentrum der Gefühle stellt.

Darum ging es ja auch: Die Begegnung zwischen japanischer Butoh-Szene und Wuppertaler Tanzkultur sollte Grenzen überwinden und eine Brücke schlagen – nicht zuletzt dank einer Übersetzerin, die bei den Proben buchstäblich zwischen zwei Welten stand. Doch bei allen Unterschieden zwischen Yokohama und Wuppertal gebe es auch viel Verbindendes: „Kazuo Ohno und Pina standen sich nahe“, sagt Stanzak. „Als sie gestorben sind, war das sehr schwer für uns.“

„Wuppertal ist ein großes Stück unseres Lebens, dafür bin ich dankbar.“

Julie Anne Stanzak

Dass sie nun in Gedenken an Pina Bausch (1940-2009) und Kazuo Ohno (1906-2010) getanzt habe, der auf Einladung der bergischen Tanz-Ikone mehrfach in Wuppertal zu Besuch gewesen war, sei auch ein Stück weit Trauerverarbeitung gewesen.

„Es war eine tolle Erfahrung“, resümiert Stanzak, die nach 25 Jahren in Wuppertal perfekt Deutsch spricht und auf der Bühne wie auch privat nach passenden Bildern sucht: „Nach dem Tod von Pina war es sehr traurig und schwer. Nun, nach dem Festival, bin ich etwas leichter geworden. Sagt man das so?“

Unvergesslich sei es gewesen. Das mag auch daran liegen, dass die Trauerarbeit durchaus heitere Momente hatte: „Wir sind in einem Kulturzentrum aufgetreten, das früher Kaffeelager gewesen war und später Bank wurde. Es gab eine schöne, intime Atmosphäre und eine kleine Bühne mit Verbindungstüren. Julie hat einmal die falsche Tür genommen – mitten in der Aufführung“, plaudert Martinez aus. Stanzak lacht. Vielleicht auch deshalb, weil die Einladung an das Tanztheater, zwei Ensemblemitglieder zu entsenden, ausgerechnet aus Japan kam. Dort kennt sich die US-Amerikanerin bestens aus: Sie ist mit einem japanischen Tanzkritiker verheiratet, den sie während einer Tournee kennenlernte, und führt im wahrsten Sinne des Wortes eine Fern-Beziehung.

„Wir haben Wuppertal mit uns getragen.“

Julie Anne Stanzak und Eddie Martinez über ihre Reise nach Japan.

Trotzdem bleibt sie ihrer Wahl-Heimat treu. Weshalb? Da muss Stanzak nicht lange überlegen: „Es überrascht mich, wie mir Wuppertal fehlt, wenn ich weg bin.“ Sie genießt vor allem die Kaiserhöhe, „das viele Grün und die Wupper. Sie ist eine lebendige Vene.“

Auch Eddie Martinez, der – wie seine Kollegin – aus den USA stammt, möchte das Bergische Land nicht mehr missen: „Ich liebe Wuppertal und mein Fahrrad. Ich komme aus einer kleinen Stadt in Kansas und mag es, wenn man mit dem Fahrrad überall hinkommt.“

Auch seine Mit-Tänzerin betont: „Wuppertal ist ein großes Stück unseres Lebens, dafür bin ich dankbar.“ Pina Bausch, vor allem aber auch die jüngste Japan-Reise habe Spuren hinterlassen. Denn: „Kultur verbindet uns alle.“ Deshalb sei der Auftritt in Yokohama auch mehr gewesen als „nur“ eine Reise auf den Spuren von Pina Bausch und Kazuo Ohno: „Wir haben Wuppertal mit uns getragen.“

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