Wim Wenders spricht über seinen neuen Film: Warum ein Hund mitspielt, warum er gern in Wuppertal ist und wie Paris zur Oase wird.

wenders.jpg
Wim Wenders stellte seinen neuen Film unter anderem im Wuppertaler Rex-Kino vor.

Wim Wenders stellte seinen neuen Film unter anderem im Wuppertaler Rex-Kino vor.

Wim Wenders stellte seinen neuen Film unter anderem im Wuppertaler Rex-Kino vor.

Wuppertal. Der Film ist ein Schock, den Wim Wenders (71) am Donnerstag im vollbesetzten Rex als Vorabpremiere vorstellte. Denn für „Die schönen Tage von Aranjuez“ setzen die Zuschauer zwar eine 3D-Brille auf, doch dann kommt nicht die gewöhnliche Action. Vielmehr zwingt der Film sie auf eine Entschleunigungsspur.

In diesem luftigen Kammerspiel sitzen eine Frau und ein Mann in einem wundervollen Garten mit Fernblick auf Paris, jede Einstellung zeigt eine neue Blütenpracht. Vogelgezwitscher und Blätterrauschen liefern den Soundtrack, schließlich waren zwölf Mikrofone allein dafür im Garten verteilt. Die beiden sitzen und reden, sie vor allem über die Liebe, er weicht aus. Minimalistischer geht es kaum. Doch wer sich darauf einlassen mag, erlebt einen entrückten Sommernachmittag.

Herr Wenders, in der Auftaktsequenz zeigen Sie Paris als paradiesische Oase voller Grün und Vogelgezwitscher – aber menschen- und autoleer. Zu welcher Zeit konnten Sie das filmen oder mussten Sie digital eingreifen?

Wim Wenders: Wir hatten die blendende Idee, dass Paris im Sommer sonntags morgens um 5 Uhr leer sein müsste. Dann war um 4.30 Uhr Halligalli, um 5 Uhr war Halligalli, um 6 Uhr war Halligalli. Alle Leute kamen aus den Discos und fuhren gefährlich besoffen herum, schwenkten Champagnerflaschen aus den Wagen. Da haben wir gemerkt: Es wird hier nicht leer. Gedreht haben wir trotzdem. Ein Mensch war danach vier Wochen beschäftigt, alle Autos rauszuretuschieren. Jetzt ist es tatsächlich paradiesisch nur mit den Vögeln, die durch die Stadt flitzen.

Im Film reden die Frau und der Mann – so nennt sie Peter Handke in seinem Stück – fortwährend miteinander, aber eine wirkliches Gespräch entsteht nicht.

Wim Wenders neuer Film „Die schönen Tage von Aranjuez“ läuft bundesweit am 26. Januar an. Er beruht auf einem Stück von Peter Handke, das er 2012 für seine Frau Sophie Semin geschrieben hat. Sie spielt auch die weibliche Hauptrolle im Film.
 

Als wäre er der grün leuchtenden Jukebox entsprungen, sitzt der Musiker Nick Cave unvermittelt am Flügel im Flur und spielt „Into my Arms“. Er hat schon in früheren Wenders-Filmen mitgewirkt.

Wenders: Das ist ja auch was mit Mann und Frau, die ticken anders. Der Film zeigt schon ein Gespräch. Sie bemühen sich auch beide, dem anderen gut zuzuhören – aber so richtig lässt sich der Mann nicht darauf ein. Er ist zwar neugierig und hat auch ein paar Fragen, die hin und wieder ein bisschen unverschämt und impertinent sind. Aber wenn er mal dran ist, will er eigentlich nicht mit der Sprache heraus und von sich erzählen.

Das bekannte Problem mit den Gefühlen?

Wenders: Ja, Männer reden nun mal nicht so gern von ihren Gefühlen, Frauen haben damit weniger ein Problem. So sieht man an dem Film, wie unterschiedlich Männer und Frauen tatsächlich sind. Zwei Frauen würden ganz bestimmt völlig anders miteinander reden an diesem Tisch als zwei Männer. Aber dass sich eine Frau und ein Mann so lange zuhören, ist auch schon was Schönes.

Sehen Sie die beiden als Liebende? Dafür sitzen sie ja ziemlich weit auseinander.

Wenders: Man weiß nicht so genau, was es mit den beiden auf sich hat. Es gibt Neugierde und Respekt, aber wenn da mal was war, ist es vorbei.

Sie sind mit Peter Handke seit langem befreundet. Hemmt Sie das, wenn Sie etwas an seinem Stoff ändern?

Wenders: Ich habe ja einiges geändert. Ich habe noch eine Figur dazu erfunden, den Schriftsteller, der den beiden zuhört und das schreibt, was sie sagen. Den Hund, die Jukebox und den Gärtner habe ich auch hinzugefügt. Im Theaterstück gibt es nur die zwei Personen, das war mir für einen Film doch zu dünne.

Haben Sie ihn gefragt?

Wenders: Ja, ich habe ihm gesagt, was ich machen wollte. Und er hat mich machen lassen. Wir sind ja lange genug Freunde, dass wir uns gegenseitig nicht reinreden. An dem Dialog an sich habe ich nichts verändert, nur eine halbe Stunde gekürzt. Ansonsten war ich froh, dass ich diesen Dialog hatte. Ich finde es schön, wie die beiden reden. Im französischen Original hat es eine gewisse Luftigkeit und Leichtigkeit, die wir versucht haben, in die deutsche Fassung hineinzubringen – was einige Mühe gekostet hat.

Handke wollte den Autor aber nicht selbst spielen?

Wenders: Ich habe ihn gefragt, aber Peter wollte nicht. Er hat gesagt: „Wenn du unbedingt einen Autor drin haben willst, dann mach das, aber nimm lieber einen Schauspieler.“ Das war ein guter Rat, denn mit Jens Harzer habe ich schön gearbeitet. Er wusste auch viel über das Stück, weil er in der deutschen Uraufführung unter Luc Bondy den Mann gespielt hat. Es gibt auch Leute, die meinen, dass er Peter ähnlich sieht – dem jungen.

Als Gärtner machte Handke gern mit?

Wenders: Ja, da ist er auch sehr kompetent. In seinem eigenen Garten zupft er das Unkraut, schneidet die Bäume und lässt sich nicht reinreden. Er hat sich auch von mir nicht sagen lassen, wie er diesen Baum im Film zu beschneiden hat.

Sie haben den Hund schon angesprochen: Er agiert ungewöhnlich entspannt.

Wenders: Der war gar nicht meine Idee. Das ist der Hund von Reda Kateb, den er bei den Proben immer dabei hatte. Sophie Semin hatte ihre Katze dabei. Die beiden waren friedlich miteinander und haben sich sehr gut benommen. Als es ans Drehen ging, hat Reda gesagt: „Wenn wir den Hund ins Haus tun, bellt er. Wenn er dabei sein kann, ist er friedlich.“ Mir war wichtiger, dass er nicht stört, also ist er mit im Bild. Polo war so lieb, ist immer an den richtigen Stellen aufgestanden, hat richtig mitgespielt. Die Katze ist einen Tag vor Drehbeginn abgehauen – und am letzten Drehtag wiedergekommen. Sie hatte darauf wohl keine Lust.

Reden wir über Wuppertal: Wie hat sich Ihr Verhältnis zu der Stadt nach dem „Pina“-Film entwickelt?

Wenders: Oh, ich war öfter da, habe viele Premieren des Ensembles gesehen, auch andere Projekte von Tänzern und Schauspielern, habe Freunde besucht. Ich fühle mich Wuppertal sehr verbunden. Es ist eine Art Heimatort für mich geworden, weil ich lange hier war und auf der Suche nach Drehorten so viel herumgelaufen bin, dass ich die Stadt vielleicht besser kenne als viele, die hier wohnen. Als der Verleih fragte, ob ich nicht eine kleine Kinotour mit dem Film machen wollte, habe ich gesagt: „Okay, schickt mich nach München, Hamburg, Düsseldorf– aber bitte auch nach Wuppertal.“

Sie haben einige Jahre in den USA gelebt. Wie sehen Sie der Amtseinführung von Donald Trump entgegen?

Wenders: Das tue ich mir nicht an. Ich habe Besseres zu tun, als mir die drittklassigen Künstler anzusehen, die da auftreten, und diesen Schmierenkomödianten, der sich selbst beweihräuchert.

Hätten Sie sich je vorstellen können, dass jemand wie Trump gewählt wird?

Wenders: Nein, aber nun ist es einmal so. Das wird auch nicht lange dauern, denn der Mann hat ja keine Lust zu arbeiten. Ich weiß auch nicht, was die Leute draufhaben, die ihn beraten sollen. Das sind alles Geschäftsleute – die können Business, aber Amerika ist kein Business, sondern ein wichtiges und mächtiges Land. Insofern ist es eine Katastrophe, denn Trump wird das vor die Wand fahren. Ich glaube aber fest daran, dass die Amerikaner stark genug sind, um auch so einen Trottel zu überleben.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer