Mit Frank Chastenier, Dieter Ilg und Wolfgang Haffner begeisterte der berühmte Bassbariton im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr.

Das Wuppertaler Publikum belohnte Thomas Quasthoff mit stehenden Ovationen.
Das Wuppertaler Publikum belohnte Thomas Quasthoff mit stehenden Ovationen.

Das Wuppertaler Publikum belohnte Thomas Quasthoff mit stehenden Ovationen.

Mark Wohlrab

Das Wuppertaler Publikum belohnte Thomas Quasthoff mit stehenden Ovationen.

Wuppertal. Thomas Quasthoff ist ganz ehrlich: „Als mein Bruder starb, war meine Stimme weg. Ein Jahr lang konnte ich nicht singen.“ Seitdem gibt es keine Schubert- oder Brahms-Lieder mehr von ihm. „Gnothi seauton“ (Erkenne dich selbst) lautet eine antike Inschrift am Apollotempel in Delphi, die er wohl beherzigt hat. Gehobenes Mittelmaß ist für ihn kein Thema. Also beendete der weltberühmte Bassbariton vor ein paar Jahren seine klassische Laufbahn.

Doch das Singen kann er nach wie vor nicht sein lassen. Auf seine alte Passion, die er auch früher trotz Arien und Kunstlieder nie vernachlässigte, legt er nun sein Schwergewicht. Sie ist der Jazz mit all seinen Facetten. Neue musikalische Wegbegleiter hat er gefunden, die für ihn zu Freunden geworden sind. Mit ihnen kam er nun im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr in den gut besuchten Großen Saal der Stadthalle und sorgte für einen hochkarätigen, kurzweiligen Abend.

Mit der Stimme improvisieren können die wenigsten

Es gibt etliche klassisch ausgebildete Sänger, die sich auf das Jazz-Terrain wagen. Doch oft fängt man beim Zuhören an zu gähnen, weil die Vorträge einfach nur langweilig sind. Zu akademisch kommen die Songs rüber. Und mit ihrer Stimme improvisieren können die wenigsten. Bei Quasthoff wurden hingegen die Ohren gespitzt: Ist das Al Jarreau aus den 70ern des letzten Jahrhunderts - bevor er sich der Popmusik zuwandte - oder Bobby McFerrin, der da auf dem Klavierhocker sitzt und ganz alleine Schlagzeug, Bass, Bläser mit seinen Stimmbändern imitiert und dazu vor sich hin brabbelt? Diese mehrminütige Soloeinlage war Spitzenklasse.

Auch Frank Sinatra hätte be-stimmt nichts dagegen gehabt, wenn er von ihm „Fly me to the moon“ gehört hätte“. Auf die Idee, den Titel mit ins Programm aufzunehmen, kam er, weil „Air Berlin“ vor der Pleite steht und sich überlegt eine eigene Fluggesellschaft zu gründen. Auch ansonsten waren seine Anmoderationen gespickt mit teils zum Schmunzeln anregenden Episoden aus seinem Leben und Alltäglichkeiten.

Er machte aus den Stücken etwas eigenes

Ernst war er jedoch, als er zu politischen Verhältnissen Stellung nahm: „Die Intoleranz in der Türkei will ich hier nicht haben.“ Für die Chaoten letztens in Hamburg hatte er auch gar nichts übrig.

Das Benefizkonzert mit elf Weltstars des Klavier-Festivals Ruhr nächstes Jahr am 9. März, war laut Pressesprecher Werner Häußner nach Bekanntwerden der auftretenden Künstler innerhalb von wenigen Tagen ausverkauft. Man kann sich aber im Internet unter www.klavierfestival.de/warteliste eintragen und darauf hoffen, dass Karten zurückgegeben werden. Wer kein Ticket ergattern konnte: Keine Sorge nächstes Jahr gibt es eine neue Auflage mit Konzerten hier. Wir informieren darüber, wenn das Programm in trockenen Tüchern ist.

Von der Falsettstimme bis hinunter zum tiefen, verrauchten Bass à la Satchmo war alles da, was das Herz begehrt. So waren alte Oldies wie „You are so beautiful“ als Hommage an die Stadthallenakustik, George Gershwins „Summertime“ aus seiner Oper „Porgy and Bess“ und „Makin’ whoopee“ ein wahrer Hörgenuss.

Die Stücke kamen aber nicht einfach so nach alten Mustern daher. Man machte etwas eigenes daraus, wenn etwa Duke Ellingtons „In My Solitude“ als ganz feine, ruhige, wie dahingehauchte Ballade von der Bühne kam. Bei „For once in my life“ von Steve Wonder wurde das Tempo forciert und die Melodie ein wenig manipuliert. John Lennons „Imagine“ sang er nur mit Klavierbegleitung unglaublich ergreifend und beseelt.

Mit seinen drei Kollegen bildete er ein äußerst homogenes Quartett. Frank Chastenier (Klavier), Dieter Ilg (Kontrabass) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug) gehören mit zu den angesehensten Musikern in der deutschen Jazzszene. Kongenial warfen sich die Vier die musikalischen Spielbälle zu und zauberten damit höchst kreativ.

Respekt zollte Quasthoff dem Trio mit den Worten „Jetzt kommt der, der alles versaut.“ Damit stellte er sein Licht zwar zu sehr unter den Scheffel. Trotzdem: Wie es zu Beginn des zweiten Sets „On the sunny side of the street“ ganz leise und langsam begann, Pausen wie Musik wirken ließ, die Melodie nur andeutete und schließlich zu fetzigen Klängen führte, war atemberaubend.

Auch Al Jarreaus Song „Mornin’ Mr. Radio“ rein instrumental zu Beginn des Konzerts hatte die gleichen Qualitäten erster Güte. „We’ll be together again“ (wir werden wieder zusammen sein) lautete der Zugabensong, nachdem mit „Hallelujah I love her so“ der großartige Jazzabend sein fulminantes Ende gefunden hatte, einhergehend mit zurecht Standing Ovations. War es ein Versprechen, dass die vier Vollblutmusiker wiederkommen?

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