Die Kurzfassung von Shakespeares „König Lear“, in der alle Darsteller alle Rollen spielen, lässt Fragen offen.

In stetem Rollentausch springen die Schauspieler zwischen König Lear, seinen Töchtern und dem Bösewicht Edmund hin und her.
In stetem Rollentausch springen die Schauspieler zwischen König Lear, seinen Töchtern und dem Bösewicht Edmund hin und her.

In stetem Rollentausch springen die Schauspieler zwischen König Lear, seinen Töchtern und dem Bösewicht Edmund hin und her.

Sonja Rothweiler

In stetem Rollentausch springen die Schauspieler zwischen König Lear, seinen Töchtern und dem Bösewicht Edmund hin und her.

Wuppertal. "Leer" steht in riesigen blutroten Lettern auf der kahlen Wand, und das ist nicht die falsche Schreibweise von "König Lear". Fatalerweise entspricht die Produktion der großen Shakespeare-Tragödie, die jetzt im Wuppertaler Opernhaus Premiere hatte, genau dem: Sie bleibt ohne Aussage und tönend hohl.

Dass die sechs Schauspieler (Sophie Basse, Thomas Braus, Gregor Henze, Maresa Lühle, Andreas Möckel, Juliane Pempelfort) ihren Shakespeare lieben, steht außer Frage: Man merkt es ihrem engagierten Spiel an. Sie können ja nichts für die in die Eindimensionalität verbannte Definition ihrer Rollen durch Vervielfachung der Charaktere.

Heiterer Kronentausch und undefinierbare Projektionen

Jeder ist jeder. Jeder spielt jede Rolle. Mit diesem Verwirrspiel gibt Regisseur Marcus Lobbes keineswegs die Fragestellungen, die in jeder Figur stecken, an das Publikum (darunter erfreulich viele Jugendliche und junge Erwachsene) weiter, wie er es im Vorgespräch mit der WZ ankündigte. Die Zuschauer stellen sich erst gar keine Fragen, weil sie vollauf damit beschäftigt sind, die Handlung im Chaos einigermaßen zu sondieren.

Die Facetten der faszinierenden Lear-Figur, der abdankt und doch nicht abgibt, der die Töchterliebe käuflich wähnt, der stark und doch schwach ist, dem sich erst im Wahn die Wahrheit erschließt, können sich nicht formen und im Spiel entwickeln, wenn in jeder Szene ein anderer die Rolle spielt. Ebenso wenig gelingt es so, eine der düstersten Schurkenfiguren bei Shakespeare aussagekräftig zu konturieren: Edmund, der uneheliche Sohn des Grafen von Gloster, der über Leichen geht und nur die eigenen Vorteile im Blick hat.

Da helfen auch die leere Bühne mit Namensschildern, die undefinierbaren Projektionen und die historisierenden Kostüme (Pia Maria Mackert) mit ständigem Kronen-Tauschspiel wenig. Die Inszenierung hat etwas von den Experimenten auf den Probenbühnen der Schauspielschulen - diesem Stadium sollte ein etabliertes und an Traditionen reiches Haus wie in Wuppertal längst entwachsen sein.

Der König Lear dauert eine Stunde und 45 Minuten ohne Pause. Die nächsten Vorstellungen sind am 27. Februar, 06., 12. und 19. und 25. März um 19.30 Uhr sowie am 21. März um 18 Uhr.

Karten gibt es unter Telefon 569-4444.

Dass die restlichen (wichtigen) Rollen dem Sparzwang zum Opfer fielen, kann wohl nicht sein. Fakt ist, dass das Schauspiel immerhin über 14 feste Mitglieder verfügt. Da wären die Herzoge von Albany und von Cornwall (die Gatten der fiesen Schwestern Goneril und Regan) durchaus noch "drin" gewesen, zumal gerade Albany sich später gar gegen die eigene Frau wendet, weil er ihre Intrigen nicht länger erträgt.

Oder zumindest die Rolle des Narren, der - wie oft bei Shakespeare - der einzige ist, der dem Herrscher unangenehme Wahrheiten zu sagen wagt: "Du hättest nicht alt werden sollen, ehe du klug geworden bist." Große Shakespeare-Dramen bedürfen großer Regiekunst: Multum, non multa (Viel, nicht vielerlei) - sonst sollte man die Finger davon lassen.

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