Sinfoniker Dietmar Wehr kennt alle Vor- und Nachteile des tiefsten und größten Streichinstruments.

interview
Fototermin in der Schwebebahn: Wenn Dietmar Wehr mit seinem Instrument unterwegs ist, braucht er Platz.

Fototermin in der Schwebebahn: Wenn Dietmar Wehr mit seinem Instrument unterwegs ist, braucht er Platz.

Andreas Fischer

Fototermin in der Schwebebahn: Wenn Dietmar Wehr mit seinem Instrument unterwegs ist, braucht er Platz.

Herr Wehr, als Kontrabassist verstehen Sie sicherlich Spaß. Welchen Witz über Kontrabassisten finden Sie wirklich gelungen?

Dietmar Wehr: Ein Konzertmeister, ein schneller Bratscher, ein langsamer Bratscher und ein Kontrabassist sitzen um einen Tisch, in dessen Mitte ein Hundert-Euro-Schein liegt. Frage: Wer holt sich den Schein, sobald das Licht aus geht? Antwort: Der langsame Bratscher bekommt das Geld! Denn einen schnellen Bratscher gibt es in der Wirklichkeit überhaupt nicht, der Konzertmeister ist sich zu fein für solchen Unfug, und der Kontrabassist wusste gar nicht, worum es ging.

Sie müssen es wissen: Woher kommt der Name Kontrabass?

Wehr: Der Kontrabass ist im Orchester als einziges Streichinstrument imstande, die Töne der Kontra-Oktave zu spielen. Diese Töne werden mit bis zu sechs Hilfslinien unter dem Bass-Schlüssel-Notensystem notiert. Die Bezeichnung Kontra-Bass bezieht sich also auf den charakteristischen Tonbereich des Instrumentes.

Der Kontrabass ist das tiefste und größte Streichinstrument. Weshalb haben Sie sich für das Instrument mit dem Superlativ entschieden?

Dietmar Wehr, 1955 in Wuppertal geboren, studierte an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und ist seit 1988 Kontrabassist im Sinfonieorchester.
 

Zum Abschluss der zweijährigen Partnerschaft zwischen dem Wuppertaler Sinfonieorchester und dem Gymnasium Bayreuther Straße findet morgen um 19.30 Uhr ein Konzert in der Schulaula statt. Karten können per Mail bestellt werden (c.kruegermann@gmx.de).

Für wen hängt im Sinfonieorchester der Himmel sprichwörtlich voller Geigen? Wer haut regelmäßig auf die Pauke? Und was genau braucht man eigentlich, um Spezialist für Harfe, Fagott oder Posaune zu werden? Fragen über Fragen, die Wuppertaler Sinfoniker in loser Folge für die WZ beantworten. Die Serie beleuchtet die Aufteilung des Orchesters und soll zugleich eine Entscheidungshilfe für alle sein, die mit dem Gedanken spielen, selbst ein Instrument zu lernen.

Wehr: Mir ging es bei meiner Instrumentenwahl um den Klang: Der Kontrabass hat gezupft einen vollen, runden, sehr angenehm weichen und trotzdem durchschlagenden Klang, vielleicht vergleichbar mit einem Gong. Aber im tiefen Register – mit dem Bogen gestrichen – klingt der Kontrabass wie ein Alien, wie ein außerirdisches Wesen.

Da der Kontrabass sowohl bauliche Eigenschaften der Violinen als auch der Gamben aufweist, herrscht Uneinigkeit über seine Familienzugehörigkeit. Wie sehen Sie den Fall?

Wehr: Der Kontrabass ist tatsächlich ein Abkömmling der Eltern Gambe und Violine. In der Form wie im Klang hat er von beiden das Beste mitbekommen: von der Violine die Bundlosigkeit, ohne die keine saubere Intonation möglich ist, sowie den wendigen Bogen in Tourte-Form, und von den Gamben die abfallenden Schultern, was das Greifen der Töne im oberen Register erleichtert, sowie den etwas heiseren und sehr obertonreichen Klang.

„Natürlich gibt es mit dem Kontrabass eine lästige Schlepperei. Aber man kommt mit allen Leuten ins Gespräch, wenn man mit dem Bass unterwegs ist.“

Ein Instrument mag wie ein „Familienmitglied“ sein. Von der Probe bis zum Auftritt, vom Konzert bis zur Oper: Wie viel Zeit verbringen Sie mit dem Kontrabass?

Wehr: In Produktionswochen für eine Opern- oder Konzert-Premiere sind es täglich um die sechs Stunden reine Probenzeit. Hinzu kommen Übe-Zeiten hierfür, die Aufführung parallel laufender Produktionen und eigene Musik-Aktivitäten wie Konzertieren und Unterrichten. Dabei ist nicht zu vergessen, dass dies auch für die Wochenenden gilt.

Weshalb ist der Kontrabass im Orchester unverzichtbar?

Wehr: Vergleicht man den Klang eines Orchesters mit dem Aufbau eines Hauses, so gibt der Kontrabass als Kellerfundament dem Gebäude die Stützpfeiler und die sichere Stabilität.

Was antworten Sie jungen Wuppertalern, die in Erwägung ziehen, das größte Streichinstrument näher kennenzulernen: Ist es leicht oder schwer, Kontrabass zu spielen?

Wehr: Mit qualifiziertem Unterricht können sehr schnell Anfangsfortschritte erzielt werden und die Mitwirkung in einem Jugendorchester rückt in greifbare Nähe. Dies liegt auch an der Fundament-Funktion des Kontrabasses. Denn schnelle und komplizierte Tonfolgen geben die Komponisten fast immer in die höher klingenden Instrumente. Andererseits ist die professionelle Beherrschung eine Frage von mehrjährigem Studium. Für ganz junge Kontrabass-Begeisterte ab sechs Jahren gibt es Mini-Bässe oder Bassettos mit Mensuren für kleine Hände.

Welches Stück können Sie immer und immer wieder spielen? Und welches zählt so gar nicht zu Ihrer Lieblingsmusik?

Wehr: Wegen ganz bestimmter Stücke wollte ich ins Orchester und höre und spiele sie bis heute sehr gern. Das sind Mussorgsky-Ravels „Bilder einer Ausstellung“, Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ und Bachs Matthäus-Passion. Dazu gehören auch Schuberts Forellen-Quintett und alle Opern von Puccini und Verdi wie zum Beispiel „La Bohme“ oder „Rigoletto“.

Gab es Momente, in denen Sie Ihre Instrumentenwahl bitter bereut haben – zum Beispiel, weil eine Geige deutlich leichter zu transportieren wäre?

Wehr: Ich beneide die ersten Geigen und die Solo-Blasinstrumente um ihre schönen Melodien, aber der Bass-Sound und die Wucht einer gut platzierten ersten Zählzeit im Stück gleichen das wieder aus. Und natürlich gibt es mit dem Kontrabass eine lästige Schlepperei, aber das gehört von Anfang an dazu und man kommt mit allen Leuten ins Gespräch, wenn man mit dem Bass unterwegs ist.

www.sinfonieorchester-wuppertal.de

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer