Elisabeth Leonskaja begeisterte das Publikum beim Sinfoniekonzert in der Stadthalle.

Elisabeth Leonskaja begeisterte das Publikum beim Sinfoniekonzert in der Stadthalle.
Elisabeth Leonskaja überzeugte mit perlenden Läufen und lupenreiner Rhythmik.

Elisabeth Leonskaja überzeugte mit perlenden Läufen und lupenreiner Rhythmik.

Andreas Fischer

Elisabeth Leonskaja überzeugte mit perlenden Läufen und lupenreiner Rhythmik.

Wuppertal. Wie Komponistenkollegen mit ihrer Meinung manchmal falsch liegen können: Hugo Wolf äußerte sich einmal über das Klavierkonzert von Edvard Hagerup Grieg: „Brillenschlangen in Träume zu lullen oder rhythmische Gefühle in abge-richteten Bären zu erwecken – in den Konzertsaal taugt es nicht.“ Nun, der Große Saal der Stadthalle war am Sonntag unglaublich gut besucht wie lange nicht mehr für eine Matineeveranstaltung, bei der dieses Werk des Norwegers im Rahmen des sechsten städtischen Sinfoniekonzerts auf dem Programm stand.

Die 71-Jährige ist keine Tastenlöwin mit Showeinlagen

Einverstanden, das lag wohl nicht nur an dem Stück. Sicherlich war auch Elisabeth Leonskaja der Grund dafür, die es mit dem Sinfonieorchester Wuppertal aufführte. Die Russin hat weltweit den Ruf als die große Dame in der Pianistenszene. Und das nicht zu Unrecht. Die 71-Jährige ist nämlich keine Tastenlöwin mit Showeinlagen. Ruhig und konzentriert saß sie an dem Konzertflügel. Nur die Arme, Hände und Finger bewegten sich.

Sofort ging Leonskaja energisch zur Sache. Markant drückte sie die einleitenden Akkordkaskaden in die Tasten. Im weiteren Verlauf ließ sie Läufe und Arpeggien (aufgelöste Akkorde) perlen, spielte gedrängte Passagen mit großem Nachdruck. Die großangelegte Solokadenz des ersten Satzes sprühte vor hoher Virtuosität. Mächtig steigerte sie die ruhig beginnende Melodie im Mittelteil. Lupenreine Rhythmik und eine stürmische Steigerung im Finale begeisterten genauso.

Doch neben dieser deutlichen pianistischen Brillanz, bei der unwesentlich wenige Töne daneben gingen, faszinierte sie mit einem großartigen Nachzeichnen von musikalischen Linien. Die ruhigen, lyrischen Abschnitte gestaltete sie bemerkenswert bedachtsam, beschaulich, dabei Spannungsbögen nie außer Acht lassend. Mit dem gleichen vielschichtigen Gestaltungsvermögen kam auch die Zugabe aus dem Instrument. Stehende Ovationen des gesamten Auditoriums inklusive Beifallsbekundungen des Orchesters waren die logische Konsequenz. Es war nur ein wenig schade, dass sich Leonskaja gegenüber dem Orchester nicht immer durchsetzen konnte. Unter der regsamen Leitung des finnischen Gastdirigenten Okko Kamu wurde nämlich nicht immer auf ein ordentliches Lautstärkeverhältnis zum Soloinstrument geachtet. Unüberhörbar war dieses Manko gerade bei Tuttistellen.

Eröffnet wurde der Vormittag ebenfalls mit Grieg, und zwar seiner Konzertouvertüre „Im Herbst“. Herbststimmung kam zwar nicht auf angesichts des herrlichen Sonnenscheins draußen. Trotzdem wurden die der Jahreszeit entsprechenden Gemütsverfassungen wie Melancholie, Ernst, Freude an der Jagd und Erntefest recht ordentlich vermittelt. Außerdem gab es die vierte Sinfonie des dänischen Komponisten Carl Nielsen. Sie entstand während des Ersten Weltkriegs, als er mit Abscheu konstatierte, „dass Europas Männer des Geistes ihren Verstand verloren haben“ und „das Nationalgefühl zu einer Syphilis geworden“ ist, „welche die Gehiren aufgefressen hat und in blödsinnigem Hass aus den leeren Augenhöhlen grinst“.

Dieses auch „Das Unauslöschliche“ genannte Werk ist zu verstehen als streitbare, zukunftsgläubige Reaktion darauf. Nur kamen die dem Stück immanente explosive Konfliktspannung, die rücksichtslos dissonante Verarbeitung der Themen und Motive und die dazu gehörende Chromatik nicht immer deutlich genug von der Bühne. Denn dafür klang das Orchester zu inhomogen und nicht nuanciert genug, wenn alle zusammen musizierten. Ein positives Fazit kann allemal gezogen werden: Gerade wegen des Auftritts von Elisabeth Leonskaja hat sich der Besuch gelohnt.

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