Das Von der Heydt-Museum rückt Selbstbildnisse in den Fokus. Was hinter ihnen steckt, erklärt Kunsthistorikerin Beate Eickhoff.

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Selbstdarsteller im besten Sinne: Max Liebermann (links) porträtierte sich 1912, Lovis Corinth setzte sich 1913 mit Strohhut in Szene. Beide Arbeiten sind bis zum 3. April im Von der Heydt-Museum zu sehen.

Selbstdarsteller im besten Sinne: Max Liebermann (links) porträtierte sich 1912, Lovis Corinth setzte sich 1913 mit Strohhut in Szene. Beide Arbeiten sind bis zum 3. April im Von der Heydt-Museum zu sehen.

Selbstdarsteller im besten Sinne: Max Liebermann (links) porträtierte sich 1912, Lovis Corinth setzte sich 1913 mit Strohhut in Szene. Beide Arbeiten sind bis zum 3. April im Von der Heydt-Museum zu sehen.

Von der Heydt-Museum, Bild 1 von 2

Selbstdarsteller im besten Sinne: Max Liebermann (links) porträtierte sich 1912, Lovis Corinth setzte sich 1913 mit Strohhut in Szene. Beide Arbeiten sind bis zum 3. April im Von der Heydt-Museum zu sehen.

Wuppertal. Frau Eickhoff, das Von der Heydt-Museum widmet Künstlerporträts derzeit eine eigene Ausstellung. Selbstdarstellungen ziehen sich durch alle Epochen. Weshalb malen Künstler sich selbst?

Beate Eickhoff: Kein Modell hält so lange still wie der Künstler selbst. An sich selbst kann der Maler jedes Detail, jede Miene, auch jede Unebenheit studieren. Und kein Modell gibt so wenig Widerworte, wenn es um ein künstlerisches Experiment geht. Der Maler selbst bestimmt, wann die Sitzung zu Ende und das Bild fertig ist. Außerdem: Der Künstler hat in der Gesellschaft schon immer eine Sonderstellung gehabt. Er unterscheidet sich vom Politiker, vom Kaufmann, vom Adeligen.

„Es geht nicht um das schöne oder gute Abbild, sondern um ein Statement.“

Woran zeigt sich dies in den ausgestellten Werken?

Eickhoff: Der Maler betrachtet sich von außen und versucht, dieses Anderssein anhand eines Bildes zu ergründen. Was heute jeder mit einer Digitalkamera kann, konnten früher nur die Künstler. Der Künstler stellt sich aber auch selbst kritisch in Frage. Er nimmt Beobachtungen mit in sein Bild, die in ein repräsentatives Porträt – zum Beispiel ins Porträt eines Auftraggebers – nicht hineingehören.

Nach welchen Kriterien wurden die Porträts zusammengestellt?

Nimmt der Künstler sich selbst zum Modell, hat er alle Freiheiten. Wobei es kein Geheimnis ist: Das intensive Studium der eigenen Gesichtszüge führt im Einzelfall zu Selbstanalyse, Selbstkritik und letztendlich auch Selbstbestätigung als Mensch und Künstler. Oft stellt das Selbstporträt einen Höhepunkt im Oeuvre eines Malers dar.

„Ich!“ heißt die Sonder-Schau am Turmhof. Das Von der Heydt-Museum zeigt bis zum 3. April Selbstbildnisse bekannter Künstler, die zur städtischen Sammlung gehören – etwa das „Bildnis als junger Mann“ von Hans von Marées (1855), das „Selbstbildnis mit Strohhut“ von Lovis Corinth (1913), Otto Müllers „Selbstbildnis mit Pentagramm“ (1922), Max Beckmanns „Selbstbildnis als Sanitäter“ (1915) und Francis Bacons „Studie für ein Selbstbildnis“ (1981).

Am Freitag, 24. Februar, gibt es um 16 Uhr eine literarische Führung mit Christine Hummel. Kosten: zwölf Euro. Anmeldung unter Telefon 563 2223.

Eickhoff: Es wurden Zeichnungen, Skulpturen wie auch Malerei ausgesucht. Jede Kunstgattung ist also vertreten. Bilder wurden gewählt, aus denen starke Persönlichkeiten hervortreten. Es geht ja nicht um das schöne oder gute Abbild, sondern sozusagen um ein Statement, das der Künstler mit seinem Bild macht: So zeige ich mich, so stelle ich mich dar, so inszeniere ich mich. Es geht nicht um die üblichen Porträts, wie sie zur Illustration von Biografien auftauchen, sondern um den Ausdruck zwischen Stil und Psychologie – um eine Aussage über das bloß Äußerliche hinaus.

Was zeichnet die Künstler der Sonderausstellung aus?

Eickhoff: Die Künstler, die wir hier zeigen, treten aus ihrem privaten Studio heraus und stellen sich den prüfenden Blicken des Betrachters, unterziehen sich aber auch einer Selbstprüfung. „Bin ich das wirklich?“ Die Versammlung von individuellen Persönlichkeiten, die einen da mit ihren Selbstzweifeln und ihrem Selbstbehauptungswillen von den Wänden anschauen, ist äußerst intensiv und spannend.

Welches Bild der „Ich“-Ausstellung fasziniert Sie besonders?

Eickhoff: Die Serie der gezeichneten Selbstporträts von Max Liebermann. Man begegnet in diesen Bildern einem nachdenklichen, intellektuellen Menschen mit forschendem Blick. Liebermann ist einem sehr nahe, schnörkellos und unaufgesetzt. Man weiß ja: Er betrachtet sich selbst im Spiegel. Aber man hat doch den Eindruck, er blickt uns an, unterhält sich mit uns und zieht uns in seine Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts. Was für ein Mensch mag er tatsächlich gewesen sein? Automatisch zieht man die Verbindung zu den Gemälden, die wir von Liebermann in unserer Sammlung haben – die Holländische Nähschule oder den Strand von Noordwijk – , und vergleicht das Temperament, das sich in den Selbstporträts ausdrückt mit der künstlerischen Kraft, die in den Gemälden liegt.

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