„Nathan der Weise“: Der Spagat über Jahrhunderte Religionsgeschichte gelingt meist gut, aber nicht immer schmerzfrei.

Der besonnene Nathan (Stefan Walz) zwischen seiner Adoptivtochter Recha (Lena Vogt, l.) und ihrer christlichen Erzieherin Daja (Julia Reznik).
Der besonnene Nathan (Stefan Walz) zwischen seiner Adoptivtochter Recha (Lena Vogt, l.) und ihrer christlichen Erzieherin Daja (Julia Reznik).

Der besonnene Nathan (Stefan Walz) zwischen seiner Adoptivtochter Recha (Lena Vogt, l.) und ihrer christlichen Erzieherin Daja (Julia Reznik).

Klaus Lefebvre

Der besonnene Nathan (Stefan Walz) zwischen seiner Adoptivtochter Recha (Lena Vogt, l.) und ihrer christlichen Erzieherin Daja (Julia Reznik).

Wuppertal. Applaus ist ein guter Gradmesser für die Qualität eines Theaterstücks. Am Samstag war er nach drei Stunden „Nathan der Weise“ im Theater am Engelsgarten weniger als enthusiastisch, aber mehr als höflich. Er spiegelte so die Ambivalenz dessen wieder, was das Publikum im ausverkauften kleinen Haus unter der Regie von Shirin Khodadadian zu sehen und zu hören bekommen hatte.

Es ist grundsätzlich ein schwieriges Unterfangen, ein 237 Jahre altes Schauspiel in die Gegenwart zu transferieren. Sprachlich gelang das weitgehend, weil Stephan Walz (Nathan) und Thomas Braus (Sultan Saladin) den Spagat zwischen leicht angestaubter Sprache und moderner Attitüde großartig bewältigten.

Nicht mehr ganz moderne Pop- und Rocksongs wirken deplatziert

Die Inszenierung hielt in ihrer Qualität mit den beiden Hauptakteuren jedoch nicht durchgängig mit. Die Einspieler nicht mehr ganz moderner Rock- und Popsongs wirkten ebenso deplatziert wie die Gitarrensoli, die Nathan dem Publikum bisweilen zu Gehör brachte. Es war der sehr angestrengte Versuch der Regisseurin, dem alten Stück einen neuen, modernen Anstrich zu geben.

Dabei ist das erstens gar nicht nötig und wird zweitens auch bei dem wohl angepeilten jüngeren Publikum kaum verfangen. Heute 15- bis 18-Jährige wissen mit Bands wie Depeche Mode und Franky goes to Hollywood ebenso wenig anzufangen wie mit „Madeleine“, an der es liegt, dass ein junger Mann im uralten Schlager seine Verliebtheit gestehen muss.

Lessings Werk braucht keine Frischzellenkur. Wenn es einen Superlativ für „aktuell“ gäbe, dann wäre es Nathan der Weise. Der Kampf der Religionen ist in vollem Gange. In aller Welt werden Christen verfolgt, müssen Juden um ihr Leben bangen, werden Moslems von Moslems unterdrückt. Wann wenn nicht heute, liegt die Frage auf dem Tisch, welche Religion die richtige ist? Lessing beantwortet sie im „Nathan“ damit, dass alle gleich wichtig sind oder gleich unwichtig, weil der Mensch zunächst ein Mensch ist und dann erst Jude, Moslem oder Christ.

Shirin Khodadadian interpretiert Lessing allerdings so, dass alle Religionen abgeschafft gehören, damit Vernunft an die Stelle tritt, die heute von Glaubensfragen und Versinterpretationen besetzt wird. Dass bei Lessing damit keine Gottlosigkeit einhergeht, belegen die verzweifelten Dialoge des zutiefst vernünftigen Nathan mit Gott, der ihm Frau und sieben Söhne genommen hat. Doch die Sicht der Regisseurin findet im gegenwärtigen weltgesellschaftlichen Diskurs keinen Widerhall, werden doch im Gegenteil die Ansprüche von Religionen gerade wieder neu zementiert. Umgesetzt hat sie ihre Ansicht indes gut. In der Schlussszene liegen sich alle Religionen in den Armen, ohne emotionale Nähe zueinander aufbauen zu können.

Dass der Theaterabend trotz aller Störelemente, also trotz der Musik und des oft zu aufgeregten Tempelritters (Lukas Mundas), trotz der plakativ homophilen Anwandlungen des Patriarchen (Alexander Peiler) und der in einigen Szenen zu görenhaften Recha (Lena Vogt) gelungen ist, liegt auch am Bühnenbild von Carolin Mittler. Das Stück auf einer sich drehenden schiefen Ebene zu präsentieren, auf der Halt und Haltung ins Rutschen geraten, ist ein fast genialer Einfall.

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