„Der Prozeß“ geht in Barmen über die Bühne. Das WZ-Urteil lautet: sehr sehenswert.

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Die Geste spricht für sich: Wächter Willem (Thomas Braus) zerdrückt einen Apfel. Josef K. (Gregor Henze) könnte der nächste sein, der Macht und Gewalt zu spüren bekommt.

Die Geste spricht für sich: Wächter Willem (Thomas Braus) zerdrückt einen Apfel. Josef K. (Gregor Henze) könnte der nächste sein, der Macht und Gewalt zu spüren bekommt.

Joachim Dette

Die Geste spricht für sich: Wächter Willem (Thomas Braus) zerdrückt einen Apfel. Josef K. (Gregor Henze) könnte der nächste sein, der Macht und Gewalt zu spüren bekommt.

Wuppertal. "Ich lebe doch in einem Rechtsstaat!" Das denkt Josef K. (Gregor Henze) allerdings nur so lange, bis er auf eine ganze Reihe skurriler Gestalten trifft. Die ersten beiden verhaften ihn in seinen eigenen vier Wänden. Dort, wo man sich besonders sicher fühlt, aber auch besonders ungeschützt ist: im Schlafzimmer. Hilflos und in heller Unterwäsche steht der Bankangestellte da - die Angst, öffentlich befleckt zu werden, ist im ins kalkweiß bemalte Gesicht geschrieben.

Kafka-Leser kennen die nackte Wahrheit zu diesem Zeitpunkt bereits: Josef K. wird "Der Prozeß" gemacht. Den Grund erfährt er nicht. Weshalb er erst ab- und dann nach allen Regeln der Machthaber vorgeführt wird, ist unwichtig. Es geht nicht um einen Menschen und seine individuellen Gefühle, es geht um den Prozess an sich. Und der wird an den Wuppertaler Bühnen so eindringlich skizziert, dass man sich der Wirkung der Willkür nicht entziehen kann: Eine Woche nach der Remscheider Premiere fesselte "Der Prozeß" auch die Gäste im Barmer Opernhaus.

Wenn der Richter ein Vampir ist:
Graf Dracula lässt grüßen

Sybille Fabian setzt Franz Kafkas visionäres Werk auf einer schrägen Bühne in Szene: Die Welt, in der dunkle Gestalten mit schwarzen Lippen animalisch balzen, sehr oft frontal in Richtung Publikum sprechen und dabei orgiastisch über den Willen des anderen hinwegsehen, ist längst in Schieflage geraten.

Was sich im abstrakten schwarz-weißen Raum abspielt, ist bedrückend, bewegend, bezeichnend. Dabei ist die Schwarz-Weiß-Malerei angenehm irreführend: Obwohl es zunächst so aussieht, gibt es kein Gut und kein Böse - jeder zeigt Züge, die schaudern lassen. So entlarvt das kontrastreiche Spiel diabolische Mechanismen. Selbst die 13 weißen Stühle und hellen Säulen, die herauf- oder heruntergefahren werden und wie Gitterstäbe über den Köpfen der Akteure schweben, passen am Ende bestens zu den düsteren Absichten, die die Figuren schlichtweg nicht vertuschen können.

An der Schnittstelle von Macht, Sex und Gewalt kommt kein Mitgefühl auf. Selbst Josef K. ist weit davon entfernt, eine Identifikationsfigur mit großem Sympathiewert zu sein. Kaum hat er ein weibliches Wesen auf dem Schoß, züngelt er anrüchig. Die Gerichtsdienerin (Anne-Catherine Studer) gibt er gar dem Missbrauch und damit anderen Männern preis. Steif wie ein Brett lässt sie alles über sich ergehen - dass sie künstlich verlängerte Arme hat, offenbart, wie schwer sie an der Last des Gesetzes (und des Lebens) zu tragen hat.

Die zweistündige Produktion (keine Pause) ist wieder am 23. April um 19.30 Uhr und am 3. Juni um 18 Uhr zu sehen.

Karten gibt es unter Telefon 569 4444.

Josef K. hingegen sieht seinem Schicksal in einer Mischung aus Angst, Trotz und Selbstbewusstsein entgegen. Gregor Henze spielt ihn sehr eindrucksvoll mit pausenlos verklemmter Haltung. Überhaupt sind alle Figuren deformiert. Sie sehen teilweise aus, als seien sie gerade einer Comic-Geschichte entsprungen, als spielten sie bereits in "Nosferatu" eine beängstigende Rolle, als sei "Der Glöckner von Notre Dame" ihr Vorbild oder die Gestapo ihr ideelles Zuhause.

Die expressive Bildersprache scheint dem Ensemble zu liegen: Thomas Braus gibt den Wächter genauso abgründig wie den Geistlichen. Für eine dicke Gänsehaut sorgt auch Daniel Breitfelder, der als Student keine Sex-Geste scheut und als Maler Titorelli einfach nur teuflisch gut ist. Auch dieses Bild bohrt sich ins Gedächtnis: Dass sich der Untersuchungsrichter (Andreas Möckel) wie Graf Dracula aufführt, ist symptomatisch. Was er mit verzerrter Stimme sagt, ist nicht zu verstehen, also schlichtweg unbedeutend.

Entscheidend ist allerdings die Körperbeherrschung, mit der das Ensemble eine beachtliche Gratwanderung schafft. Die Schauspieler überzeichnen ihre Gesten, ziehen ihre Rollen aber nicht ins Lächerliche. Wie in Zeitlupe bewegen sie sich, hämmernde Musik tut ihr Übriges. So wirkt vieles unheimlich - unheimlich effektvoll. Das Urteil des Premierenpublikums lässt darauf schließen, dass die Reaktionen wie schon bei "König Lear" gemischt sein dürften: Einige verließen noch vor Ende den Saal, der große Rest quittierte den Prozess mit Bravo-Rufen und viel Applaus.

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