Spannung pur: Häftlinge lernen Shakespeare kennen – ein etwas anderer Theaterbesuch.

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Statt Blut floss viel Wasser: „Macbeth – Schlaflos in Ronsdorf“ war am Samstag und Sonntag in der JVA Ronsdorf zu sehen. Acht Häftlinge spielten mit – im fliegenden Figurenwechsel. Es ging um Gier, Macht und Wahnsinn.

Statt Blut floss viel Wasser: „Macbeth – Schlaflos in Ronsdorf“ war am Samstag und Sonntag in der JVA Ronsdorf zu sehen. Acht Häftlinge spielten mit – im fliegenden Figurenwechsel. Es ging um Gier, Macht und Wahnsinn.

Uwe Stratmann

Statt Blut floss viel Wasser: „Macbeth – Schlaflos in Ronsdorf“ war am Samstag und Sonntag in der JVA Ronsdorf zu sehen. Acht Häftlinge spielten mit – im fliegenden Figurenwechsel. Es ging um Gier, Macht und Wahnsinn.

Wuppertal. Es ist kurz vor 16 Uhr. Der WSW-Bus ist noch gar nicht losgefahren – doch schon gibt es die ersten Bedenken. „Entschuldigung“, sagt eine Zuschauerin und meint einen Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) Ronsdorf, der den Shuttle-Bus begleitet, der rund 120 Zuschauer vom Schauspielhaus an der Kluse ohne Umweg ins Gefängnis befördern soll. „Gibt es da eigentlich Toiletten?“ Der starke Mann ist leicht irritiert. „Sie können ja mitkommen . . .“, ergänzt die Dame, die befürchtet, in der JVA kein stilles Örtchen zu finden. Die Antwort klingt mehr als beruhigend: „Das kriegen wir schon hin!“ Wie auch alle anderen Fragen an diesem Samstag geklärt werden – postwendend, diskret und höflich.

Denn alles ist genau geplant. „Macbeth – Schlaflos in Ronsdorf“ führt die Premierengäste an einen Ort, den sie nicht so schnell vergessen werden. Aufgeregt sind sie deshalb alle – die, die hinter den Kulissen auf ein gutes Gelingen hoffen, die, die am Ende im Rampenlicht stehen werden, und die, die das ganze Theater neugierig beobachten.

„Auf Wiedersehen!“

Höflicher Ruf eines Häftlings, der – wie viele andere auch – von seinem Zellenfester aus beobachtete, wie die Gäste nach der Premiere über den Innenhof nach Hause gingen.

Der organisatorische Aufwand ist groß, die Spannung ebenso: Darf ein Insulin-Besteck mit in den Zuschauerraum? Es darf. Müssen Handys abgegeben werden? Sie müssen – und das bereits, bevor der Bus abfährt. Was direkt zum nächsten Problem führt: „Mein Mann denkt dass ich nach eineinhalb Stunden wieder zu Hause bin“, erzählt eine aufgeregte Zuschauerin, als der Bus Ronsdorf erreicht hat. „Wenn ich jetzt so lange im Gefängnis bleibe, macht er sich Sorgen.“ Doch ein Mitarbeiter der JVA verhindert Schlimmeres. Er zückt sein eigenes Mobiltelefon und bringt Mann und Frau telefonisch zueinander. Die Zuschauerin ist erleichtert. Dabei hat das eigentliche Theater noch nicht einmal angefangen.

„Ich dachte, ich säße unter lauter Sozialpädagogen“, gibt eine andere Zuschauerin zu, als nach der Sicherheitskontrolle endlich alle Gäste im „Theatersaal“, dem Kulturzentrum der JVA, sitzen. Es sind beileibe nicht nur Pädagogen, es ist eine ungewöhnliche Theatermischung: Kulturinteressierte und Shakespeare-Kenner sitzen neben Verwandten und Freunden der Häftlinge. Egal, ob fachliche Neugier oder auch eine Spur Voyeurismus dahintersteckt: Berührungsängste hat hier niemand (mehr).

„Niemand ist einzig nur ein Dieb, weil er gestohlen hat“, betont Jönk Schnitzius, evangelischer Gefängsnisseelsorger und „Vater“ des Projekts. „Niemand ist einzig nur ein Schläger, weil er geschlagen hat. Niemand ist 24 Stunden am Tag ein Totschläger, weil er getötet hat.“ Genau das habe das Theaterstück, bei dem acht Häftlinge buchstäblich die Rollen wechselten, lehren sollen – eine Erfahrung für die Aktiven genauso wie für das Publikum. Die Kooperation der evangelischen Gefängnisseelsorge Wuppertal, der Wuppertaler Bühnen und der JVA Ronsdorf war ein großes Wagnis, wie nicht zuletzt der Projektleiter betont: „Tolles Projekt – aber das machen die nie. Das haben nicht wenige gesagt.“ Doch die 17- bis 21-Jährigen hätten alle Skeptiker eines Besseren belehrt. „Sie sind mutige junge Männer, die wagen, was sonst kaum geschieht: Rollen zu wechseln und Zuschreibungen abzustreifen.“
 

Was die Arbeit hinter Gittern von anderen Theaterproduktionen unterscheidet? „Die wichtigste Aufgabe war, die Arbeitskonzentration herzustellen. Die Aufmerksamkeitsspanne ist geringer als bei Profis, die das natürlich über Jahre gelernt haben“, erklärt Regisseur Peter Wallgram, der zum ersten Mal mit Häftlingen Theater machte. „Doch wenn man erst einmal in der Szene drin ist, ist es eigentlich egal, ob es ein Profi oder ein Inhaftierter ist.“ Wobei es dann doch einen grundsätzlichen Unterschied gibt, wie er im WZ-Gespräch nach der Premiere erklärt: „Man muss direktiver vorgehen. Ich habe viel von zu Hause aus vorbereitet. Normalerweise bietet man auf der Probe etwas an, die Schauspieler greifen es auf. Diesmal habe ich viel gestellt.“ Zwischen der Projektidee und der Premiere lagen eineinhalb Jahre. „Eigentlich wäre jetzt der Punkt, um mit den Jugendlichen weiterzuarbeiten“, sagt Wallgram. „Sie haben gerade erst die wichtigste Erfahrung gemacht: nämlich das Ergebnis präsentiert.“ Einen ungeplanten Adrenalin-Kick gab es fünf Tage vor der Premiere: Ein Protagonist sprang ab. „Wir mussten seinen Text kurzfristig auf die acht Verbliebenen verteilen.“ Eine große Herausforderung, schließlich war es für die Jugendlichen ohnehin die erste Begegnung mit Shakespeare. „Wir haben den Text Stück für Stück verteilt. Man denkt jetzt vielleicht: Die haben so viel Zeit, um auf der Zelle Text zu lernen. Aber dem ist nicht so. Bis wir von 16 bis 20 Uhr geprobt haben, hatten sie schon einen streng durchstrukturierten Tagesablauf hinter sich.“ Einen Großteil des Textes lernten die Darsteller daher direkt auf der Probe.
 

 „Respekt!“, sagt Rupert Koch, Chef der JVA Ronsdorf. „In organisatorischer Hinsicht hatte ich keine Bedenken. Aber was das Einüben des schwierigen Textes betrifft, war ich mir nicht so sicher. Ich hätte nie gedacht, dass das in dieser Form so reibungslos klappt.“
 

„Es war großartig“, erklärt Lisa Leitlein. Sichtlich bewegt war auch Hannes Leitlein: „Die jungen Männer sind sonst festgelegt auf das, was sie getan haben. Jetzt waren sie mal König, mal Macbeth.“ Das Erlebnis habe auch seine eigene Perspektive verändert: „Es war spannend, hinter die Mauern schauen zu können. Ich bin allerdings froh, dass ich selbst entscheiden kann, wieder hinauszugehen.“
 

Auch wenn der Text selten gut zu verstehen ist und die acht Laien immer wieder grinsen müssen, wenn sie vertraute Gesichter im Saal erkennen: Ihr „Macbeth“ wirkt authentisch, kraftvoll und unmittelbar. Dabei spielt Shakespeare an diesem Tag nicht die zentralste Rolle. Viel wichtiger als der Mord und Totschlag, den er beschreibt, ist das, was das Projekt auslöst: Die Gäste fühlen sich in der JVA willkommen, die Laienschauspieler ernst genommen.

Der Beweis spielt sich bei Kaffee und Kuchen ab: Nur 60 Minuten dauert die Aufführung, deutlich länger sind die anschließenden Gespräche in der Turnhalle, die zum Café wird – bis kurz vor 20 Uhr. Als die Häftlinge in die Zelle müssen, ernten sie einen Abschiedsapplaus, als seien sie Hollywood-Stars. Das mag übertrieben sein, zeigt aber, dass Vorurteile abgelegt wurden und sich die Begegnung gelohnt hat – auf beiden Seiten der Mauer.

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