Für Bariton Olaf Haye ist Silvester schon von Berufs wegen etwas ganz Besonderes: Er tritt gleich zweimal auf.

Olaf Haye hat den Kostümständer und seine Rolle im Griff: Der Bariton bereitet sich im Opernhaus auf die „Glückliche Reise“ vor.
Olaf Haye hat den Kostümständer und seine Rolle im Griff: Der Bariton bereitet sich im Opernhaus auf die „Glückliche Reise“ vor.

Olaf Haye hat den Kostümständer und seine Rolle im Griff: Der Bariton bereitet sich im Opernhaus auf die „Glückliche Reise“ vor.

Uwe Schinkel

Olaf Haye hat den Kostümständer und seine Rolle im Griff: Der Bariton bereitet sich im Opernhaus auf die „Glückliche Reise“ vor.

Wuppertal. Wer kann schon von sich behaupten, dass er eine Matratze zur Arbeit mitnehmen darf? Olaf Haye kann es. Denn wer seit Jahrzehnten im Rampenlicht steht, dürfte aufgeweckt genug sein, um zu wissen, wann man Vollgas geben sollte – und wann man den Energietank wieder aufladen muss.

„Auf der Bühne bin ich immer aufgedreht – egal, welche Rolle ich spiele“, erklärt der 45-Jährige. „Ein Auftritt ist immer spannungsvoll.“ Dem Opernsänger sei also eine Verschnaufpause gestattet, zumal er heute das doppelte Pensum zu bewältigen hat: Die „Glückliche Reise“ findet ihren Ausgangspunkt gleich zweimal im Opernhaus.

„Es ist etwas Besonderes, nach einer Vorstellung noch einmal von vorne zu beginnen.“

Olaf Haye, Opernsänger, über die Doppelvorstellung an Silvester.

In beiden Fällen gilt: Zur Feier des Tages wollen die Wuppertaler Bühnen den Abschied vom alten Jahr leicht machen und vor vollem Haus schwungvoll ins neue Jahr starten. Insgesamt 1500 Zuschauer werden dabei sein, wenn Olaf Haye Schicksalhaftes widerfährt und er als Stefan die große Liebe entdeckt.

Kein Auftritt wie jeder andere: Haye genießt es, „noch freier“ zu sein

Dass er die Achterbahn der Gefühle gleich zweimal hintereinander erlebt, mag eine doppelte Freude, aber auch eine doppelte Herausforderung sein.

„An Silvester zu spielen, ist etwas Besonderes“, bestätigt der zweifache Vater. Denn eine Doppelvorstellung ist auch für einen gestandenen Opernsänger immer noch eine ganz spezielle Mission. „Man ist darauf gepolt, seine Energie auf eine Vorstellung zu konzentrieren. Da ist es schon komisch, wenn es danach heißt ,Alles auf Anfang’ und man noch einmal geschminkt wird.“

Fernweh zog die ehemaligen Offiziere Robert und Stefan in den brasilianischen Urwald, doch statt des erhofften Glücks stellt sich Heimweh ein. Einziger Kontakt zur Heimat ist die Brieffreundschaft mit zwei Berliner Mädchen. Kapitän Brangersen nimmt die Männer als Stewards auf seinem Schiff mit nach Deutschland, wo sie die Brieffreundinnen kennenlernen. Schließlich brechen beide Paare gemeinsam nach Südamerika auf. Mit Tango, Rumba und Foxtrott erlebte die „Glückliche Reise“ ihre Uraufführung 1932 in Berlin. Eduard Künneke bringt in der Operette das Leben einfacher Alltagsfiguren und ihre Sehnsüchte humorvoll auf die Bühne.
 

Im neuen Jahr ist der Dreiakter am Samstag, 12. Januar, 19.30 Uhr, und am Sonntag, 10. Februar, 18 Uhr, zu erleben. Karten gibt es im Netz unter
 

Olaf Haye spielt Stefan Schwarzenberg. Der Bariton mag seine Rolle: „Stefan ist ein junger Spund, ein Sympathieträger. Klar, dass man das gerne macht.“ Zumal die Inszenierung schon bei der Premiere bestens ankam und die Stimmung bei jeder Aufführung sehr gut sei. „Es wird immer reichlich mitgeklatscht“, freut sich der 45-Jährige, für den vor allem die Choreografie eine echte Herausforderung ist: „Stefan wirbelt viel über die Bühne. Schau’n mer mal, wie das ist, wenn ich zwei Vorstellungen hintereinander habe . . .“
 

„Ich fühle mich wohl hier“, betont Olaf Haye, der am 13. Mai 1967 in Kiel geboren wurde und in der Saison 2001/2001 erstmals in Wuppertal aufgetreten ist. Inzwischen ist er festes Ensemblemitglied – und pendelt zwischen Kiel, wo seine Familie lebt, und Wuppertal, wo er in den vergangenen Jahren zahlreiche Hauptrollen spielte. Die Bühnenwelt fand er „schon als Kind toll“. Kein Wunder: „Meine Eltern gingen gern ins Theater.“ Ob er sich an sein erstes Zuschauer-Erlebnis erinnert? Haye schmunzelt. „Das muss ,Hänsel und Gretel’ gewesen sein. Danach soll ich gesagt haben: Es war sehr schön, aber ein bisschen viel Musik.“
 

Rund 460 Kilometer legt Olaf Haye zurück, wenn er von Wuppertal nach Kiel fährt – oder umgekehrt. Ob ihn die ewige Pendelei nicht stört? „Ich kenne das nicht anders“, sagt der Sänger. „Und meine Familie kennt es auch nicht anders. Meine Kinder kennen mich nur als Papa, der entweder komplett da oder weg ist.“ Dass ihm die Arbeit in Wuppertal viel bedeutet, ist nicht zu überhören. „Man wächst mit den Leuten, mit dem Haus, mit der Stadt zusammen. Ich fühle mich in Wuppertal absolut zu Hause.“
 

Wobei das Ganze auch einen klaren Vorteil habe, wie der gebürtige Kieler findet: „Ich glaube, dass die zweite Vorstellung vielleicht noch schöner wird – weil ich dann noch freier bin.“ Eingespielter eben – und womöglich noch mehr in der Rolle, wie er meint.

Kleine Ruhepause in der Garderobe: Große Vorfreude auf die Matratze

Haye muss es wissen – hat er doch in früheren Jahren bereits reichlich Silvester-Erfahrung gesammelt. „Die Fledermaus“, „Viktor“ oder „Cabaret“: Immer war das Ensemblemitglied der Wuppertaler Bühnen mit von der Partie, wenn Theater-Fans in heller Vorfreude das neue Jahr begrüßten.

Diesmal soll ein entscheidendes Detail allerdings anders sein: „Zwischen den Vorstellungen brauche ich immer eine kleine Ruhepause. Ich ziehe mich dann gerne in die Ballett-Garderobe zurück“, verrät der Bariton augenzwinkernd. „Diesmal bringe ich mir eine Matratze mit – und lege mich hin.“ Schließlich will er pünktlich zum zweiten Reisestart wieder fit sein.

Rund eineinhalb Stunden bleiben ihm, um den Schweiß der ersten Aufführung abtropfen zu lassen und sich für neue Taten zu stärken. Sollte er tatsächlich die Matratze vorziehen, hieße das andererseits jedoch, dass er auf kulinarische Köstlichkeiten verzichten muss. Denn: „Der Chor baut immer ein Buffet auf. Jeder bringt etwas mit, das ist Usus“, sagt der Sänger. „Die Atmosphäre an Silvester ist wirklich sehr schön.“

Zumal die Operette von Eduard Künneke die ideale Basis ist, um die Sorgen des Alltags zu vergessen und sich auf Kommendes zu freuen. „Es ist in bestem Sinne ein nettes Stück“, betont Haye. „Es ist kein Schenkelklopfer-Stück, es hat leisen Humor und animiert zum Schmunzeln.“

Zwischen Lampenfieber und Vaterstolz

Doch ganz im Ernst: Ob er Lampenfieber kennt? „Ich habe es erfunden“, antwortet Haye – wohl wissend, dass es eine Stärke ist, wenn man über eigene Schwächen lachen kann. „Ich brauche deshalb feste Rituale. Ich singe mich vormittags im Theater ein. Dann weiß ich: Die Stimme ist in Ordnung, ich brauche mich nicht aufzuregen.“ Das bräuchte er ohnehin nicht, denn im Publikum sitzen ganz besondere Daumendrücker: Auch Hayes Familie feiert Silvester im Opernhaus. „Mein Sohn war schon bei einer Probe zur ,Glücklichen Reise’ dabei.“ Nun ist der stolze Vater gespannt darauf, was der Nachwuchs zu seinem Auftritt sagt. So richtig glücklich dürfte er nämlich erst dann sein, wenn nicht nur 1500 Zuschauer applaudieren, sondern vor allem seine beiden Kinder überzeugt sind.

Und erst wenn die Elf- und 13-Jährigen die Daumen am Ende nach oben halten, wird Olaf Haye seine Matratze getrost wieder mit nach Hause nehmen. Dann wäre die Doppel-Mission in der Tat geglückt.

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