Ihr Abend ist eine Herausforderung: Anne Hirth und Christian Kesten machen sich „Gedanken über weite Entfernungen“.

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Sie experimentieren mit Klängen, Instrumenten und den eigenen Stimmen: Ariel Garcia, Gregory Stauffer, Irena Tomazin und Ivan Fatjo Chaves (von links) sitzen frontal zum Publikum. Gregor Henze (hinten rechts) verhaart in einer Glas-Box. Die Inszenierung beginnt symbolträchtig – mit Stille und Stillstand.

Sie experimentieren mit Klängen, Instrumenten und den eigenen Stimmen: Ariel Garcia, Gregory Stauffer, Irena Tomazin und Ivan Fatjo Chaves (von links) sitzen frontal zum Publikum. Gregor Henze (hinten rechts) verhaart in einer Glas-Box. Die Inszenierung beginnt symbolträchtig – mit Stille und Stillstand.

Tom Buber

Sie experimentieren mit Klängen, Instrumenten und den eigenen Stimmen: Ariel Garcia, Gregory Stauffer, Irena Tomazin und Ivan Fatjo Chaves (von links) sitzen frontal zum Publikum. Gregor Henze (hinten rechts) verhaart in einer Glas-Box. Die Inszenierung beginnt symbolträchtig – mit Stille und Stillstand.

Wuppertal. Stille, Stille und nochmals Stille. Es regt sich nichts – minutenlang. „Gedanken über weite Entfernungen“ heißt das Projekt, das Anne Hirth und Christian Kesten im Kleinen Schauspielhaus in Szene setzen. Und Gedanken muss sich der geneigte Zuschauer in der Tat machen.

Der Beginn hat etwas von einem Mikado-Spiel: Wer bewegt sich zuerst? Wer löst eine Kettenreaktion aus? Wer bringt Bewegung ins Spiel? Die fünf Darsteller sind es jedenfalls nicht, die die Stille durchbrechen. Ariel Garcia, Gregory Stauffer, Irene Tomazin und Ivan Fatjo Chaves sitzen nebeneinander – in trauter Schweigsamkeit – auf vier Stühlen, Gregor Henze wartet stumm in einem abgetrennten Glaskasten. Nur im Publikum tut sich etwas: Ein gedämpftes Rascheln lässt auf eine Tasche schließen, Bonbonpapier wird enthüllt, ein leises Hüsteln ist zu vernehmen.

Die Szenen faszinieren – ob sie lange nachhallen, ist eine andere Frage

Doch dann kommt Bewegung auf die Bühne: Was folgt, sind Szenen, die faszinieren und an denen man sich kaum sattsehen kann, aber auch Momente, in denen man lieber die Augen schließen, ein klares Deutungsangebot wahrnehmen oder Wörterbücher zur Hand nehmen möchte. Denn an der Grenze zwischen Schauspiel, Musik und Tanz fehlt eine eingeblendete Übersetzung genauso wie eine klare Handlung.

Wenn das Quintett redet, spricht es hauptsächlich Englisch. Und ist dabei auch noch offensiv: Henze fragt eine staunende Zuschauerin, ob sie seine Hand halten will. Denn darum geht es: um menschliche Kontaktaufnahme, um Verständnis füreinander und Verständigung untereinander.

Das Quintett spielt mit der Stimme, mit Klängen und Sehgewohnheiten

Mutig und konsequent

Ein Mann bittet einen anderen, seine Schulter abzulecken. Der nächste wünscht sich einen (ebenso männlichen) Kuss. In einer weiteren Szene bittet ein Darsteller einen Kollegen um eine Ohrfeige – und bedankt sich nach der Wunscherfüllung auch noch artig. mehr

Das fasziniert vor allem dann, wenn sich die Akteure buchstäblich fallenlassen und gegenseitig auffangen, Musik mit knisterndem Papier erzeugen oder dirigiertes Sprechen zelebrieren. Dann sitzt das internationale Ensemble in der Glasbox (Bühne und Kostüme: Alexandra Süßmilch) und gibt sich gegenseitig Handzeichen, um Worte wiederholen zu lassen oder die Tonlage des anderen zu verändern.

Das Projekt wurde vom „Doppelpass“-Fonds der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Die Inszenierung (rund 90 Minuten ohne Pause) wird noch einmal heute und morgen im Kleinen Schauspielhaus an der Kluse aufgeführt. Die Vorstellungen beginnen jeweils um 20 Uhr. Um 19.30 Uhr bieten die Wuppertaler Bühnen eine Einführung an.

Die Box, die sich zunehmend mit Nebel füllt und die Fünf zu verschlucken scheint, wäre ein fulminantes Schlussbild gewesen. Aber auch so gilt: So still wie am Samstagabend war es im gebannten Publikum schon lange nicht mehr. Und das ist am Ende genauso als Kompliment wie auch als mahnendes Signal zu deuten: Große Sympathiebekundungen und viel Applaus gab es für die letzte Premiere im Kleinen Schauspielhaus – an einem Ort, an dem am 1. Juli, wenn der Spielbetrieb eingestellt ist, endgültig Stille einziehen wird. 

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