Anna-Lena Kühner inszeniert Mark Ravenhills Medienkritik als Monolog. Hendrik Vogt ist an der Kluse der Mann für alle Rollen.

Premiere
Hendrik Vogt spricht und spielt in der bitterbösen Medien-Satire „Das Produkt“ alle Charaktere im atemberaubenden Monolog.

Hendrik Vogt spricht und spielt in der bitterbösen Medien-Satire „Das Produkt“ alle Charaktere im atemberaubenden Monolog.

Uwe Schinkel

Hendrik Vogt spricht und spielt in der bitterbösen Medien-Satire „Das Produkt“ alle Charaktere im atemberaubenden Monolog.

Wuppertal. Nur kurz, aber heftig geht dem Produzenten James ein Licht auf: „Das ist doch Sch. . .“, flüstert er. Trotz allem muss er ein Drehbuch für einen Film vermarkten.

„Das Produkt“, Mark Ravenhills bitterböse Medien-Satire, ist der Monolog eines Schauspielers, der in alle Rollen schlüpft: Da ist Amy, die ein Call-Center nach dem anderen eröffnet und in einem coolen Loft wohnt. Ausgerechnet in den Al Qaida-Kämpfer Mohammed verliebt sie sich, verrät aber dessen Plan, Disneyland Paris in die Luft zu sprengen. Sie wechselt jedoch die Seiten, als sie sieht, wie Mohammed misshandelt wird und mutiert zur wilden Amazone, die ihn befreit.

Anna-Lena Kühner arbeitet in ihrer Regie mit schlichten, aber deutlichen Bildern, bleibt eng am Text und lässt Hendrik Vogt alle Freiheiten, seine Rolle(n) zu interpretieren, die im Slapstick-Format auch für großen Spaß sorgen. Sparsame Video- und Musikbeiträge unterstreichen das Geschehen. Folgerichtig schließt das Stück mit dem Casting-Video für die Rollenbesetzung.

Natürlich geht es um Sex & Crime, um Angst, Terror, Tod und Misshandlungen, um – wie so häufig in der Medienwelt – den Verkauf zu sichern, Zahlen in die Höhe zu treiben, Einschaltquoten zu forcieren oder Auflagestärken zu steigern. Fakt ist, dass schmerzliche Ereignisse und politische Zustände nur allzu rasch in der Unterhaltungsindustrie vermarktet werden. Kritik daran wird nicht nur in Ravenhills Satire von 2005 laut.

„Die Hitze ist größer als das Hirn, wie wir im Showgeschäft sagen“

Hendrik Vogt spricht und spielt einen atemberaubenden, 60-minütigen Monolog, der das „Kino im Kopf“ so aktiviert, dass man die Filmhandlung gesehen zu haben glaubt: Er schluchzt wie Amy oder tobt als wilde Furie. Als Mohammed spricht er besänftigend auf Amy ein, ist Beschützer und Gotteskrieger zugleich. Oder er ist die Dreijährige, die beim Disneyland-Massaker die Mama verliert und getötet wird. Das ist große Schauspielkunst. Und immer blitzen die satirischen Momente auf: „Der Sex ist animalisch, das muss man noch aufpeppen“, und „Die Hitze ist größer als das Hirn, wie wir im Showgeschäft sagen“ – was durchaus auch an Formaten wie Big Brother, DSDS oder Dschungelcamp abzulesen ist.

Das nächste Mal ist „Das Produkt“ an der Kluse am Sonntag, 29. Januar, um 18 Uhr zu sehen. Karten: Telefon 569 44 44.
www.wuppertaler-buehnen.de

Und wer weiß, ob nicht bald das Costa-Concordia-Unglück oder die Debatten um den Bundespräsidenten ihre Vermarktung im Film finden?

 

Stück: 5 von 5

Inszenierung: 4 von 5 

Ensemble: 5 von 5

Bühne: 3 von 5

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer