Torsten Krug fordert mehr Zeit für Klima, Kultur und sich selbst.

Torsten Krug fordert mehr Zeit für Klima, Kultur und sich selbst.
Torsten Krug. Archiv

Torsten Krug. Archiv

A. Fischer

Torsten Krug. Archiv

Diesen Sommer fahren wir nicht weg. Zum einen gibt es – wie immer – ganz viel zu tun. Zum anderen ist Wuppertal im Sommer so schön. Unser Balkon ist viel ruhiger, weil weniger Autos vorbeifahren. Unentdeckte Seen locken, Freibäder, viele Stapel Bücher, das Ölbergfest, die „Critical Mass“ – oder einfach das Bett. Diesen Sommer erlebe ich wie sonst nur die Zeit zwischen den Jahren. In meinem Browser habe ich verschiedene Lesezeichen-Ordner. Einer davon trägt den Titel „Später“. In den packe ich alles, was ich hochinteressant finde, für das mir aber im Moment die Zeit fehlt. Er ist mit Abstand der größte Ordner. Von Zeit zu Zeit scrolle ich durch die darin versammelten Links. Klicke ich einmal einen an, ist dieser meist „nicht mehr verfügbar“. Mein Ordner der verpassten Möglichkeiten wächst und wächst. Ich stelle mir vor, er enthält Antworten auf alle wichtigen, sagen wir ruhig: die wichtigsten Fragen: Wo geht es hin? Wie schaffen wir das? Was kann ich tun? Oder auch: Aussteigen aus allem? Wohin? Geht das überhaupt? -, doch ich komme halt nicht dazu.

Freie Kultur

Wuppertal

Nun zwingt die Hitze ein wenig zur Ruhe, ich möchte mir selbst hitzefrei geben. Da begegnet mir ein kurzer Ausschnitt aus einer Talk-Sendung: Harald Lesch heißt der Gast, ein prominenter Fernseh-Philosoph und Wissenschaftler, von rechten Trolls zuweilen mit Shitstorms bedacht. Sein neues Buch „Die Menschheit schafft sich ab“ (interessante Anlehnung) ist eine Bestandsaufnahme all dessen, was der Mensch aktuell – zum Teil unwiederbringlich – mit der Welt anstellt. „Anthropozän“ heißt das Zeitalter, in dem wir zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde geworden sind. Lesch plädiert dafür, „Klima-Feiertage“ einzuführen. Tage, an denen Deutschland zu Hause bleibt. An denen keine Mobilität stattfindet, und wir dadurch wesentlich weniger CO2 emittieren. Einen Feiertag für die Atmosphäre, einen für die Flüsse, für den Wald, für die Meere, einen für die anderen und einen für mich, oder so ähnlich. Als Vorbild nennt er die autofreien Sonntage zu Zeiten der Ölkrise.

Diese Idee möchte ich aufgreifen und fordere (nicht nur bei hitzefrei) „Kultur-Feiertage“! Wir brauchen Zeit! Zeit, um aus dem Hamsterrad auszusteigen. Um nachzudenken, zu fühlen, womöglich zu handeln! Um zusammenzukommen, zu Hause, da, wo wir leben. Ansätze dazu gibt es gerade in Wuppertal vorbildlich viele. Um nur einen herauszugreifen: die „Landpartien“, welche „die Börse“ in diesem Sommer veranstaltet. Mit dem Fahrrad geht es gemeinsam eine thematische Route entlang. „Urbane Gärten Wuppertals“, „Anders Wohnen“ oder „Strategien für biologische Vielfalt“ heißen die Ausflüge, an deren Ende jeweils Live-Musik und Verköstigung stehen. Ideen zu einem solidarischen Grundeinkommen weisen in dieselbe Richtung. Die kapitalistische Mär vom ständigen Wachstum, das wachsenden Wohlstand für alle erzeuge, ist zu Ende erzählt. Es tut Not, auszusteigen, sich Zeitfenster zu schaffen und diese weit zu öffnen! Immer wieder. Wer dazu nicht um die halbe Welt fliegen muss, sondern es zu Hause mit seinen Nachbarn (aus aller Herren Ländern) schafft, tut nicht nur Gutes für die Weltenergie, sondern erlebt mitunter seine Stadt neu. Ich glaube übrigens, unser Hund Felix hat mich auf diesen Pfad der Erkenntnis gebracht.

fnwk.de

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