Jugendgefängnisleiter Rupert Koch (59) über Erfolge, Kritik und die Zukunft.

WZ-Interview
Hofft auf die Unternehmer im Bergischen Land: Rupert Koch ist seit 2011 Leiter der Jugendjustizvollzugsanstalt Ronsdorf.

Hofft auf die Unternehmer im Bergischen Land: Rupert Koch ist seit 2011 Leiter der Jugendjustizvollzugsanstalt Ronsdorf.

Blick aus der Vogelperspektive: So sah die JVA Ronsdorf im Juli 2011 von oben aus. Rechts (weiße Dächer) die Werkhallen unten der Kunstrasenplatz.

Uwe Schinkel, Bild 1 von 2

Hofft auf die Unternehmer im Bergischen Land: Rupert Koch ist seit 2011 Leiter der Jugendjustizvollzugsanstalt Ronsdorf.

Wuppertal. Die Jugendjustizvollzugsanstalt Ronsdorf nördlich der Parkstraße gilt als millionenschweres Vorzeigegefängnis und steht deshalb besonders unter Beobachtung. JVA-Leiter Rupert Koch sprach mit der WZ über Erfolge, Kritik und die Zukunft der JVA.

Herr Koch, macht Ihnen die Arbeit noch Spaß?

Rupert Koch: Ich bin 58 Jahre alt und fast 25 Jahre im Dienst – da ist man einiges gewöhnt.

Mit „einiges“ meinen Sie den Vergleich, den die Landes-CDU zwischen „ihrer“ JVA und dem Skandalgefängnis in Siegburg gezogen hat?

Koch: Ja. Da fragt man sich schon, was das soll. Aus meiner Sicht ist das im Rechtsausschuss geklärt (siehe Kasten, Anm. der Red.) Zur Erklärung nur ein Beispiel von vielen: In Siegburg gab es damals nahezu unkontrollierbare Gewalt, weil Zellen überbelegt waren. Das gibt es bei uns in Ronsdorf nicht. Zweierbelegungen sind die Ausnahme.

„Ich freue mich aufs Business Breakfast mit Wuppertal Aktiv.“

Rupert Koch über die Kontaktpflege zu Wuppertaler Unternehmen

Rupert Koch – Jurist und Sozialarbeiter – trat im Juli 1989 in den höheren Vollzugs- und Verwaltungsdienst des Landes Nordrhein-Westfalens ein. Der gebürtige Essener wohnt mittlerweile in Wuppertal.
 

Die Jugendjustizvollzugsanstalt Ronsdorf verfügt auf einer Fläche von circa zehn Hektar unter anderem über vier Hafthäuser, 13 Freistundenhöfe, drei Werkgebäude mit 18 Werkhallen, eine Sporthalle mit drei Spielfeldern und einen Fußballplatz mit Kunstrasen samt Flutlichtanlage und Laufbahn.
 

Von den 510 Haftplätzen des geschlossenen Vollzuges sind 428 Einzelhafträume. Unter anderem gibt es fünf besonders gesicherte Hafträume. Der Bau der JVA Ronsdorf war von der Landesregierung beschlossen worden, nachdem es in der JVA Siegburg 2006 einen Foltermord gegeben hat.
 

 Die Anlage hat eine 1,2  Kilometer lange Außenmauer, parallel dazu einen Sicherheitszaun mit Doppel-Stachel-Draht-Rollen und 131 Außenkameras.
 

Die Baukosten betrugen 179  Millionen Euro. Die Bauzeit betrug zwei Jahre. Die Übergabe an die Justiz erfolgte im Juni 2011.
 

In der JVA Ronsdorf sind 309  Personen beschäftigt, davon 232 im allgemeinen Vollzugsdienst, drei Viertel davon sind Männer. Durchschnittsalter: 33 Jahre.
 

Gerade in einer Zweimannzelle soll es ein Kartenspiel zwischen den beiden Insassen gegeben haben, wobei sich der Verlierer auspeitschen lassen musste. Ist das akzeptabel?

Koch: Natürlich nicht. Deswegen wurden die beiden auch sofort auf Einzelzellen verlegt. Der Fall ist geklärt. Wir haben nichts zu verbergen. Sie dürfen nicht vergessen: Die jungen Männer, die zu uns kommen, sind im Regelfall Gewalttäter mit einer langen Kriminalvita. Salopp gesagt: Unsere Insassen stehen voll im Saft und sind dabei eingesperrt. Da kann das passieren. Ein Skandalgefängnis sind wir deshalb nicht.

„Es fehlt die Erfahrung.“

Rupert Koch über das Durchschnittsalter seiner Mitarbeiter

Wo sehen Sie Probleme?

Koch: Der Altersdurchschnitt unserer Mitarbeiter beträgt etwas über 33 Jahre. Damit sind wir locker zehn Jahre jünger als die Belegschaft in anderen Gefängnissen. Es fehlt die Erfahrung und so manches mehr.

Was noch?

Koch: Bei den Jüngeren stelle ich fest, dass die tägliche Arbeit eher als Unterbrechung von Freizeit angesehen wird. Das ist nicht gut. Strafvollzug ist anstrengend, sieht Schichtdienste vor – das muss man wissen, damit muss man leben, wenn man diesen Beruf wählt.

Reicht das allein, um die Kritik, die aus der Belegschaft kommt, zu erklären?

Koch: Mir ist bewusst, dass wir einen Berg Überstunden vor uns herschieben. Da müssen wir ran.

Hat das Konsequenzen?

Koch: Überstunden-Abbau heißt natürlich auch, dass wir Angebote für die Insassen – beispielsweise beim Sport – zurückfahren müssen.

WZ: Seit zweieinhalb Jahren ist die JVA Ronsdorf belegt. Funktioniert das Motto „Ausbilden statt Wegsperren“?

Koch: Wir bieten den Insassen acht verschiedene Lehrberufe an. In verkürzter Zeit können die jungen Leute eine Berufsausbildung samt Abschluss absolvieren. Für viele sind das große Chancen, die sie draußen nicht bekommen.

Und draußen?

Koch: Die größte Gefahr besteht darin, dass die jungen Männer nach ihrer Entlassung in ihren alten Kiez zurückkehren und rückfällig werden. Unsere Möglichkeiten, dass zu verhindern, sind begrenzt.

„Kontakte in die Wirtschaft sind sehr wichtig.“

Rupert Koch

Was tun Sie?

Koch: Anfang Februar veranstaltet Wuppertal Aktiv bei uns sein Business Breakfast. An die 150 Unternehmer werden die Anstalt besuchen, sich die Werkstätten anschauen und sich über Ausbildungsmöglichkeiten informieren. Darauf freue ich mich sehr. Kontakte in die Wirtschaft sind wichtig. Wir bieten Unternehmern an, unsere Insassen mit Ausbildung oder fast abgeschlossener Ausbildung zu übernehmen.

Klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Ihre Bilanz?

Koch: Unsere Anstalt ist fest in Ronsdorf verankert. Wir sind im Stadtteil präsent. Bänke am Bandwirkerplatz haben wir in unserer Werkstatt aufgearbeitet. Wir sind mit Ständen auf dem Weihnachtsmarkt und beim Liefersack vertreten. Ressentiments gibt es aus meiner Sicht nicht. Trotzdem muss ich vor Euphorie warnen: Wir bieten unseren Insassen große Chancen. Dass aus ihnen bessere Menschen werden, liegt nicht in unserer Hand.

Bekommen sie von draußen eigentlich Rückmeldungen nach dem Motto: „Ich hab’s geschafft“?

Koch: Drinnen hört man schon von dem einen oder dem anderen, dass ihm die Inhaftierung den Anstoß gegeben hat, sein Leben zu ändern. Wer dann auch draußen den Absprung schafft, will in der Regel nicht an seine Zeit hinter Gittern erinnert werden. Ein „Danke“ dürfen sie da nicht erwarten.

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