Interview: Generalintendant Gerd Leo Kuck verabschiedet sich von den WUppertaler Bühnen.

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Der Kopf der Wuppertaler Bühnen: Gerd Leo Kuck ist seit 2001 Generalintendant.

Der Kopf der Wuppertaler Bühnen: Gerd Leo Kuck ist seit 2001 Generalintendant.

Wolfgang Westerholz

Der Kopf der Wuppertaler Bühnen: Gerd Leo Kuck ist seit 2001 Generalintendant.

Herr Kuck, Sie waren acht Jahre lang Generalintendant der Wuppertaler Bühnen und verantwortlich für Oper und Schauspiel. Ihre letzte Inszenierung heißt "Endlich Schluss". Sagen Sie das auch persönlich?

Gerd Leo Kuck: Nein, überhaupt nicht. In Zürich habe ich vor zehn Jahren mit dem selben Stück aufgehört. Es ist ein amüsanter Titel und ein amüsantes Stück. Und mit Thomas Braus gab es den perfekten Schauspieler.

Mit welchen Gefühlen verlassen Sie die Wuppertaler Bühnen?

Kuck: Mit gemischten. Viele Baustellen sind begonnen, aber nicht fertig. Das ist auch im übertragenen Sinne gemeint, also nicht nur auf die Baumaßnahmen im Opernhaus und die Renovierung des Schauspielhauses bezogen. Vor allem die wirtschaftliche Frage, ob Wuppertal mehr Gastspiele machen könnte, ist nicht geklärt. Unsere Aufführungen sind sehr gefragt. Wir könnten mit den vorhandenen künstlerischen Mitteln mehr machen, solange es nur eine große Spielstätte in Wuppertal gibt.

Woran scheitert es dann?

Kuck: An organisatorischen und arbeitsrechtlichen Fragen.

"Die überregionale Bedeutung des Theaters wird nicht richtig anerkannt."

Wie wichtig ist es für die Zukunft der Wuppertaler Bühnen, dass die Zahl der Gastspiele erhöht wird?

Kuck: Sehr. Vor allem ist es wichtig, dass die Zahl der Vorstellungen in Remscheid und Solingen ausgebaut wird. Wie es damit weitergeht, hängt sicherlich von der Kommunalwahl ab. Der 30.August ist ein wichtiger Termin.

Die bergische Kooperation besteht bereits seit Jahren. Die Kontakte sind ja da. Woran liegt es also?

Gerd Leo Kuck wurde am 16. April 1943 in Wuppertal geboren. Aufgewachsen ist er in Düsseldorf. 2001 wurde er Generalintendant in Wuppertal.

Kuck: An der Politik. Am Kirchturmdenken. An der Unbeweglichkeit. Kooperationen im Bergischen Land sind - warum auch immer - an sich nicht einfach. Selbst wenn die Vorteile auf der Hand liegen. Das hat auch die Diskussion über den Zusammenschluss die Volkshochschulen gezeigt. Im Prinzip ist es eine politische Entscheidung. Da ist auch das Land aufgerufen, Angebote zu machen.

Die kleine Spielstätte war eines Ihrer großen Themen. Spüren Sie nun eine Genugtuung?

Kuck: Nein, überhaupt nicht. Es ist höchstens eine Genugtuung in dem Sinne, dass man das Problem jetzt überhaupt als Problem akzeptiert. Das wurde ja lange bestritten und belächelt.

Was versprechen Sie sich konkret von einer kleinen Bühne?

Kuck: Wenn es tatsächlich zu einer kleinen Spielstätte kommt, könnte die Zahl der Vorstellungen für das Schauspiel-Ensemble erheblich wachsen. Quantitativ gesehen sind es ja nur bis zu 120 Zuschauer pro Aufführung. Aber bei 100 Vorstellungen gibt es etwa 11000 bis 12000 Zuschauer mehr. Für die wirtschaftliche Seite bringt eine kleine Spielstätte zwar nicht viel - aber für die künstlerische. Man kann dann endlich auch Autoren spielen, die sonst keine Chance hätten.

Konnten Sie alle Ziele, mit denen Sie angetreten sind, in die Tat umsetzen?

Kuck: Ein wichtiges Ziel war, mehr zu spielen. Das ist nur partiell gelungen. Dabei sind die Möglichkeiten unserer Ensembles da. Wie viel man mit 13 Schauspielern machen kann, haben wir im vergangenen Jahr beim Festival in der Börse gezeigt - mit sechs Premieren in 14Tagen und mehr als 3000 Zuschauern in vier Wochen. Man kann einfach ein größeres Angebot anbieten, ausprobieren und für Überraschungen sorgen. Man kann sich auch Flops leisten! Wenn ein Experiment nicht funktioniert, kann man bei einer kleinen Spielstätte ein Stück nach kurzer Zeit wieder vom Spielplan nehmen. Im Opernaus ist das mit enormen Kosten verbunden. Da ist das Risiko größer.

Wie haben Sie die Sanierungszeit der Oper erlebt?

Kuck: Das Prinzip "3 in 1" war sehr wichtig zur Rettung des Theaters, besonders der Oper. Auch psychologisch hat es positiv gewirkt: Dass beide Ensembles im Schauspielhaus zusammengeführt waren, hat sie auch im Spiel zusammengebracht. Das Engagement der Künstler fand ich bemerkenswert. Vorher hatte ich in "reinen Luxusbetrieben" gearbeitet. Dort fingen Schauspieler nach der dritten Rolle an, wegen Überlastung zu klagen. Hier ist das nicht der Fall. Im Gegenteil. Wenn Schauspieler sechs Rollen spielen, fragen sie uns, ob sie nicht auch noch eine Lesung machen können. Diesen Einsatz und diese Spielfreude zeigt auch das Opernensemble. Das war eine tolle Erfahrung.

Wo stehen die Bühnen heute?

Kuck: Pina Bausch geht sicherlich als große Schöpferin in die Theatergeschichte ein. Abgesehen davon werden die Bühnen unter Wert gesehen - nicht in Wuppertal, aber außerhalb. Ein Problem ist, dass das Bergische Land am Rand liegt. Die überregionale Bedeutung unseres Theaters wird nicht richtig anerkannt.

Wie kann man das ändern?

Kuck: Entweder sorgt man für einen Skandal oder es gelingt, mehr Uraufführungen zu spielen. Ein Theater muss präsent sein. Wenn man derzeit ins Internet schaut, lesen Zuschauer zu oft: keine Vorstellung. Ich denke, dass man mit unserem Theater 150000 Zuschauer pro Jahr erreichen kann - das Tanztheater eingerechnet. Momentan sind es 1200000.

Ist die Hochkultur eine der letzten Leuchttürme der Stadt?

Kuck: Ja, ganz sicher. Wenn Wuppertal da weiter abbaut, was bleibt dann für ein urbanes Stadtgefühl?

Wenn Sie künstlerisch zurückschauen: Was waren Ihre ganz persönlichen Tops und Flops?

Kuck: Über Flops möchte man nicht reden. Zu den Tops gehört sicherlich die Entdeckung des Opern-Komponisten Salvatore Sciarrino, die vor zwei Monaten in der Uraufführung einer Auftragskomposition gipfelte. Im Schauspiel war "Romeo und Julia" ein wunderbarer Start - gemeinsam mit dem Schauspieler-Nachwuchs aus Bochum. Und nicht zu vergessen "Die Wupper" in gleicher Konstellation. Wir haben die Theaterpädagogik ausgebaut und mit dem Festival in der Börse bewiesen, dass man zeitgenössisches Theater ohne viel Wirbel machen kann. Auch der Container, in dem der Jugend-Theaterclub eine Heimat gefunden hat, ist eine tolle Sache.

Was schauen Sie sich selbst am liebsten an?

Kuck: Komödien. Ich bin ein großer Fan von Molières "Der Menschenfeind". Andererseits bin ich als Opern-Intendant noch nie soviel in die Oper gegangen wie in Wuppertal. Der Neustart in der Oper war zwar nicht einfach, weil ich mich von einigen Publikumslieblingen trennen musste. Dafür gab es die Möglichkeit, neue, junge, frische Ensembles aufzubauen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem neuen alten Opernhaus?

Kuck: Das Arbeiten dort macht Spaß. Man wird zwar nie die Bequemlichkeit eines Neubaus erreichen. Es gibt Schwachpunkte, die man verbessern muss. Aber als Spielstätte ist die Oper toll. "Tristan" hat gezeigt: Mit den entsprechenden Mitteln ist großes Theater möglich.

Was ist Ihr Lieblingsplatz im Opernhaus?

Kuck: Ich habe einen direkten Zugang vom Büro zu einer Seitenloge. Dort fühle ich mich am wohlsten.

Fühlen Sie sich angenommen?

Kuck: So etwas frage ich nicht. Wenn man total im Theater lebt, spielt sich der ganze Alltag dort ab und ist zwangsläufig auch familiär - mit allem Für und Wider. Auch mit der Gefahr, dass das wirkliche Leben an einem vorbeizieht.

Wo spielt sich Ihr neues Leben ab?

Kuck: In Zürich, Düsseldorf und Wien. Ich bin weiterhin Lehrbeauftragter in Wien und Mitglied des Burgtheaters. Geplant sind Buchprojekte in Zürich, und ich werde natürlich weiter inszenieren. Einladungen liegen auf dem Tisch. Noch habe ich nichts entschieden. Außerdem segle ich gerne - eine Transatlantiküberquerung ist schon ein alter Traum.

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