Jürgen Scheugenpflug ist Wuppertaler Kabarettist und Leiter der Kabarett-Academy. In seinem satirischen Wochen-Rückblick kommentiert er Ereignisse aus dem Stadtleben.

Als ich neulich mit angemessener Geschwindigkeit durch die nächtlichen Straßen Wuppertals rollte, wurde meine bis dahin heitere Stimmung in einem Schlag unterbrochen. Ein Schlagloch von der Größe eines Ententeiches hatte mein Gefährt verschluckt während gleichzeitig Schuberts "Forellenquintett", ein Klavierkonzert A-Dur Opus 114, mitten im dritten Satz beim Scherzo, abrupt verstummte.

Vom Schock der plötzlichen Fahrtunterbrechung erholt, versuchte ich mühsam mein Fahrzeug zu verlassen, das sich im Winkel von etwa 55 Grad in den Asphalt gebohrt hatte. Sorge machte mir direkt, dass meine Umweltplakette kaum mehr zu erkennen war, die ja neuerdings gut sichtbar an der Frontscheibe anzubringen ist, damit hellwache Politessen keinen Grund zur Beanstandung haben.

Aber das war nichts gegen das, was da noch kam: Denn die unweigerliche in Augenscheinnahme des linken Vorderrades versetzte meiner mittlerweile düsteren Stimmung einen weiteren Hieb.

Schlagartig wurde mir die prekäre Situation bewusst, in der ich mich befand: allein auf einer dunklen Straße mit einem unbrauchbaren Vorderreifen - unfähig zu flüchten, schutzlos den Bergischen Naturgewalten ausgeliefert.

Und nicht nur ihnen. Mitten in der Nacht, wo die Polizei höchstens noch in gemütlicher Runde Doppelkopf spielt und der kommunale Ordnungsdienst schon längst in den Federn liegt, wären da noch marodierende Rentnerbanden, trunksüchtige Jugendlichen und freilaufende Kampfhunde zu nennen.

Spätestens, als ich feststellte, dass in heutigen Kleinwagen aus Kostengründen kein Reserverad mehr im Kofferraum deponiert ist, sondern ersatzweise eine undefinierbare Sprühflasche, deren Verschluss sich nicht öffnen ließ, hatte ich Angst, den Morgen nicht mehr zu erleben. Meine Ratlosigkeit war einer mittleren Panik gewichen, die dadurch noch gesteigert wurde, dass mir einfiel, weder zu essen noch zu trinken eingepackt zu haben. Ein Alptraum.

Eingehüllt in eine Überlebensdecke stand ich leise weinend am Straßenrand, verurteilte zunächst den strengen Winter und kurz darauf die leeren Kassen meiner Heimatstadt.

Doch dann fiel mir ein, dass Heinrich Harrer es immerhin sieben Jahre in Tibet ausgehalten hatte und Reinhold Messner die Freiheit liebte, aufzubrechen, wohin er wollte. Es beruhigte mich umso mehr, als mir dann auch noch der Buchtitel des Survival-Experten Rüdiger Nehberg in den Sinn kam: "Die Kunst zu überleben". Darin beschrieb er, wie er einen überrollten Igel von der Straße gekratzt hatte, um selbigen genüsslich zu verspeisen.

Leider überwintern Igel in dieser Jahreszeit entweder in einem Gebüsch oder bei Tierschutzaktivisten im Schuhkarton. Aber ich hatte mich beruhigt.

Na ja, die Straßen in Wuppertal sind zwar schlimmer als in jedem Traum. Aber sie werden schließlich bald geflickt, so heißt es. Diese Nacht wird also ein einmaliges Erlebnis bleiben, hoffen wir das Beste.

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