Der Körper und die Bilder: Thomas Braus und Johann Kresnik machen Dantes „Inferno“ zu einem außerordentlich intensiven Theatererlebnis.

Der Körper und die Bilder: Thomas Braus und Johann Kresnik machen Dantes „Inferno“ zu einem außerordentlich intensiven Theatererlebnis.
„Du siehst gut aus“: Thomas Braus feiert sein Spiegelbild.

„Du siehst gut aus“: Thomas Braus feiert sein Spiegelbild.

Klaus Lefebvre

„Du siehst gut aus“: Thomas Braus feiert sein Spiegelbild.

Wuppertal. Der Höllentrip fängt mit einem Schunkelschlager an. „Ohne dich bin ich verloren“ schmalzt es aus dem weiß verpackten Bündel, das ein Bärtiger im weißen Kittel auf einem Rollbrett ins Kronleuchterfoyer des Opernhauses schiebt. Mit einem explosiven Schlag befreit sich der Schauspieler Thomas Braus aus den Verpackungsbahnen: „In der Mitte meines Lebens verirre ich mich in einem Wald, der kein Wald ist, sondern mein Leben.“

So steht es im Anfangskapitel von Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“. Ihren ersten Teil „Inferno/Die Hölle“ nutzt Braus in stark gekürzter Form als Basis für seinen Soloabend, interpretiert ihn als Reise ins Innere, bei der er an die Grenzen seines durchtrainierten Körpers geht.

Johann Kresnik weiß eben, wie man spektakuläre Bilder erzeugt

„Ich muss weg!“: Braus zieht sich waagerecht am Treppengeländer entlang. „Mich erkennen? Ich weiß doch, wer ich bin?“, wendet er als Dante ein und pappt sich Fotokopien seines Porträts an den Kopf und Körper. Diese Zettel weisen den Weg, als er durch den Gang verschwindet.

Erst zögerlich, dann immer neugieriger folgen ihm die gut 30 Zuschauer – mehr sind aus Platz und Sicherheitsgründen nicht zugelassen. Auf dem Gang ist von Braus nichts mehr zu sehen. Unsicherheit vor einer geöffneten Tür in der Spiegelwand. Da bricht Braus hinter einem Vorhang der Garderobe hervor, reißt ein Fenster auf und drängt sich durch die Menschen und die Tür.

Johann Kresnik, der legendäre Choreograph und Theaterregisseur, weiß eben, wie man spektakuläre Bilder erzeugt, die aufschrecken und sich in den Kopf brennen. Braus steht in einem schwarzen Raum in Kopfhöhe und heult hohl gegen die Wand: „Ich lebe noch, warum soll ich in die Hölle?“

Treppe für Treppe führt er die kleine Schar unter die dunkle Kuppel des Opernhauses – praktiziert artistisches Körpertheater, brilliert in Stimmungswechseln. Unterm Dach robbt er rückwärts über den Gittersteg, klettert leichtfüßig über Metallstreben, steigt zur Eingangsmusik des Wim Wenders-Films über das Tanztheater mit lüstern rollenden Augen in ein langes rotes Kleid, deutet den typischen Armschwung der Bausch-Kompagnie an.

Schlag auf Schlag durchmisst er die neun Kreise der Hölle, in denen die Verdammten je nach ihrem Vergehen schmachten. Bei den Gierigen schleudert er ein rohes Huhn auf den Boden, bei den Zornigen arbeitet er sich an einer Tür ab.

Er schleppt einen Spiegel, den er geschwind gegen einen Sargdeckel tauscht. Er tobt und keucht, wälzt und windet sich zwischen den Zuschauern hindurch, hält ihnen sein rotverschmiertes Hemd hin.

Der Schauspieler nutzt den Raum in alle Richtungen. Er verschwindet um die Ecke im Dunkel, taucht an einer anderen Ecke wieder auf. Im nächsten Technikraum erscheint er mit schwarzem Schleier über dem Kopf in der Notausgangs-Luke: „Na, ihr kleinen Betrüger“ – und vermittelt anschließend eine Ahnung vom tiefen Abgrund, der in der Mitte des Lebens lauert.

Braus’ Soloabend bietet intensives Theater, wie man es selten erlebt. Dennoch bleibt eine Leerstelle. Denn diese Reise ins Innere verläuft so furios und atemlos, dass der Zuschauer ihr kaum zu folgen vermag. Woraus sich die innere Verzweiflung speist, wie sich das Wechselspiel zwischen den Verdammten und dem Höllentouristen Dante entwickelt, lässt sich nur erahnen. Hoffnung immerhin erlaubt der finale Blick nach oben: „Ich sehe Sterne.“

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