Schülerin Nadine überzeugt durch kernige Arbeit in der Elberfelder Tischlerei Koch. Im Café der VHS in Barmen leisten Oliver und Sebastian Dienst an Tischen und Tresen.

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Sebastian Wauschkuhn und Oliver Rosenthal (re.) servierten im VHS-Café.

Sebastian Wauschkuhn und Oliver Rosenthal (re.) servierten im VHS-Café.

Sebastian Wauschkuhn und Oliver Rosenthal (re.) servierten im VHS-Café.

Girl's Day: Hobbys? Tanzen, sich mit Freunden treffen und - aber sicher - nach Herzenslust shoppen. Woher eines Tages das Geld dafür kommen soll, darüber macht sich Hauptschülerin Nadine Jotzo derzeit noch wenig Gedanken. Schließlich brennt so etwas im Alter von 15 Jahren nicht auf den Nägeln.

Trotzdem nutzt Nadine schon mal den Girls’ Day, um zu testen, ob ein echter Männerberuf vielleicht die richtige Geldquelle sein könnte. Genau darum geht es schließlich beim 2001 ins Leben gerufenen Mädchen-Zukunftstag: Wie bewähren sich Schülerinnen in Sparten, die sie traditionell bei ihrer Berufsorientierung selten in Betracht ziehen?

Viel Holz für ein zartes Mädchen ist jedenfalls der Beruf des Tischlers. Peter Koch, seit 1982 Inhaber der Tischlerei, die einst sein Großvater an der Trooststraße in Elberfeld gegründet hat, weiß das zu genau. Dem vierschrötigen Mann, gefühlt mindestens dreimal so groß wie Nadine, würde man zutrauen, dass er einen Schrank alleine ins Dachgeschoss tragen könnte. Wenn alles nicht hilft, packen Geselle Björn Maass und Lehrling Thomas Knabe eben mit an.

Nadine wirkt ein wenig verloren in der kantigen Männergruppe, aber es gibt ja auch Feinarbeit. "Ich habe hier die ganze Zeit an dem, eh, wie heißt das noch, gearbeitet." Koch hilft auf die Sprünge: "Ein Zinken, klassische Holzverbindung. In Zugrichtung unkaputtbar."

Ein paar Stündchen hat Nadine schon an dem hölzernen Klassiker gewerkelt. Als sie aber um 7 Uhr pünktlich auf der Matte der Tischlerei stand, ging es erst mal ans Zeichnen. Gerader Strich und dann in Richtung der Maserung sägen. "Damit fängt jeder Lehrling an", sagt Koch und ergänzt: "Das hat sie prima gemacht, wie ein Profi."

Überall im Land waren gestern Schülerinnen und Schüler in Betrieben ihrer Stadt und Region unterwegs, um in für ihr Geschlecht eher untypische Berufe zu schnuppern. Ursprünglich war der Berufsorientierungstag eine reine Frauenangelegenheit - deshalb auch der Titel Girls’ Day. Inzwischen haben sich die Jungs emanzipiert und sehen sich an, was beispielsweise Erzieherinnen machen. In Wuppertal machten rund 500 Mädchen und Jungen mit. Die WZ begleitete Nadine Jotzo sowie Oliver Rosenthal und Sebastian Wauschkuhn.

"Irgendwie mit Holz arbeiten", das kann sich Nadine nach dieser Erfahrung durchaus vorstellen. Wahres Glück steht ihr allerdings nicht ins Gesicht geschrieben, als sie zum Schleifpapier greift, um einen Massivholzstuhl der 60er Jahre von seinem braunen Anstrich zu befreien. Reine Handarbeit, lohn- und zeitintensiv. Zu rationalisieren gebe es da nichts, sagt Koch, der deshalb auch weiß, dass er immer fähige Arbeitskräfte benötigen wird.

Deshalb hält er es auch für wichtig, sich für die Nachwuchsförderung im Handwerk einzusetzen. Dass der Girls’ Day nicht mal eben mit links zu bewältigen ist, hatte er zwar nicht erwartet, würde sich aber jederzeit wieder beteiligen.

Boy's Day: Einen Frauenhelden nennt man Schürzenjäger, weil genau dieses Kleidungsstück als urweiblich gilt. So sei es auch gestattet, die Realschüler Oliver Rosenthal (14) und Sebastian Wauschkuhn (13) als richtig süß in ihren weißen Schürzen zu beschreiben.

Während Nadine in der Tischlerei noch an ihrem Stuhl schleift, stehen die beiden Jungs Spalier im Café der VHS an der Bachstraße in Barmen. Ausnehmend ruhig sei es an diesem Tag, sagt VHS-Projektleiterin Tanja an Haack. Fast scheint es so, als hätten die Kunden Rücksicht genommen, dass die beiden Schüler am Boys’ Day ihre ganz eigenen Erfahrungen als Schürzenjäger sammeln wollen.

Dass zu einem ordentlichen Mädchen-Zukunftstag das Konterprogramm für Jungs gehört, war schon 2007 überdeutlich geworden. Im vergangenen Jahr fand dann erstmals parallel ein Boys’ Day statt, der die Schüler auf ihre Tauglichkeit in traditionellen Frauenberufen hin testen sollte.

Die Klassenkameraden hätten es cool gefunden, dass Oliver und Sebastian den Schneid zu einer solchen Feuerprobe hatten. Was freilich nicht bedeutet, dass die Mitschüler sich auch in so eine Höhle des Löwen respektive der Löwin gestürzt hätten. Lohn des Einsatzes ist die Freistellung vom Schulalltag. Nur Hauptfächer hätten auf dem Stundenplan gestanden, da macht man sich gerne mal aus dem Staub.

Aber die beiden Realschüler haben aufrichtige Beweggründe für den Schnuppertag in der Gastronomie. Kaffee und Milchkaffee könnten sie jetzt schon zubereiten, aber auch servieren und kassieren. Ein Trinkgeld sei jedoch noch nicht angefallen, resümieren sie zur Mittagszeit.

Ihn interessiere alles, was mit Gastronomie zu tun habe, sagt Oliver und klingt überzeugend. Zum Jobben sei das gar nicht verkehrt. Beruflich wolle er sich aber eher in Richtung Informatik orientieren.

Sehr pragmatisch denkt Sebastian über die Erfahrung am Boys’ Day. "Kann doch nicht schaden, wenn man sich ein bisschen mit Küchenarbeit auskennt. Dann sitze ich nicht eines Tages zu Hause und esse nur das Zeug aus der Dose." Für Oliver ist das zu kurz gedacht, er mag es kreativer und kocht jetzt schon gerne: "Spaghetti Bolognese."

"Die beiden machen sich hier ganz prima", urteilt Tanja an Haack, während Oliver und Sebastian Salate servieren. Anfragen habe es genügend gegeben, da sei es keine Frage, dass die VHS 2010 wieder teilnehmen werde.

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