Anwohner üben massive Kritik an der geplanten Klinik und an der Ministerin.

Beim WZ-Mobil machten die Anwohner gestern ihrem Ärger Luft. Viele kündigten Widerstand an. Fotos (4): Mathias Kehren
Beim WZ-Mobil machten die Anwohner gestern ihrem Ärger Luft. Viele kündigten Widerstand an. Fotos (4): Mathias Kehren

Beim WZ-Mobil machten die Anwohner gestern ihrem Ärger Luft. Viele kündigten Widerstand an. Fotos (4): Mathias Kehren

Mathias Kehren

Beim WZ-Mobil machten die Anwohner gestern ihrem Ärger Luft. Viele kündigten Widerstand an. Fotos (4): Mathias Kehren

Wuppertal. „Wir halten es für eine bodenlose Unverschämtheit, uns eine forensische Klinik vor die Nase zu setzen.“ Günter Prangel machte gestern Nachmittag aus seinem Ärger keinen Hehl – und damit war er nicht allein. Etwa 60 Anwohner waren in die Müngstener Straße auf Lichtscheid zum WZ-Mobil gekommen. Exakt dorthin, wo die Grüne Gesundheitsministerin Barbara Steffens eine forensische Klinik für 150 psychisch kranke Straftäter errichten möchte.

Mütter mit Kindern machen sich Sorgen

Die Emotionen schlugen hoch. Viele Mütter mit Kinderwagen waren erschienen. „Das ist ein Schlag ins Gesicht der Bürger“, formulierte Wolfgang Trappe, Vorsitzender des Bürgervereins Hochbarmen, seine Wut über die Entscheidung – und damit war er nicht allein. Er kündigt massiven Protest an. „Warum wird die JVA nicht erweitert?“

Es gab aber auch Nachbarn, die sich Gedanken um den vorhandenen Standort machen. „Uns liegt daran, dass die Bereitschaftspolizei bleibt. Die betreiben den einzigen Sportverein hier oben“, sagte Sabine Kocherscheidt, Mutter von drei Kindern.

Gefasst aber traurig stand Michaela Vassilikos am WZ-Mobil. Am Montag hatte die Mutter eines Kindes zusammen mit ihrem Mann den Kaufvertrag für ein kleines Haus in der Siedlung Buschland unterschrieben. Als die Nachricht über den Forensik-Bau kam, flossen die Tränen. Ein Rücktritt vom Kaufvertrag lehnte der Verkäufer ab.

Immer wieder beteuerten Eltern, dass sie wegziehen werden, wenn die Forensik kommt, auch wenn sie ihre Häuser nur mit hohem Verlust verkaufen könnten.

Und genauso oft äußerten die Anwohner ihre Hoffnung, dass es OB Peter Jung doch noch gelingen werde, einen alternativen Standort zu finden. „Für mich war das wie ein Schlag in die Magengrube“, sagte Anwohnerin Ingrid Müller über die Entscheidung der Ministerin und fügte an: „Ich hätte nie gedacht, dass die eine solche Einrichtung in einem Wohngebiet errichten.“

Für Beatrix Brechtken und Gert Spindler war die Nachricht über die geplante Ansiedlung ein Schock. „Da wird mit familienfreundlichem Wohnen geworben – und dann setzen sie uns so etwas hier rein.“

Groß war die Angst vor den Freigängern der Forensik. Tanja Beck lebt mit ihrer Familie seit zwei Jahren im Wohngebiet nahe des geplanten Standorts. „Die psychisch Kranken sind ja unberechenbar.“

„Der Jugendknast war schon ein Schock, aber das ist eine geschlossene Anstalt“, sagte die zweifache Mutter Silke Riggio. Ihre Töchter müssten dann an dem Forensik-Zaun vorbei und die Freigänger säßen mit im Schulbus. „Diese Leute halten sich dann bei uns auf, das macht mir Angst.“

„Die haben dann freie Sicht auf einen Schulweg, das kann doch nicht therapiefördernd sein“, sagte Kirsten Beiersmann, die fragte, warum die Stadt bisher keinen Alternativvorschlag gemacht habe. „Die Grundschule ist so nah dran. Ich habe ein Problem mit den Freigängern aus der Forensik“, sagte die zweifache Mutter Nicole Tödter. Auch sie hatte einen Alternativvorschlag – am meisten wurde gestern eine Ansiedlung an der JVA Ronsdorf favorisiert – für die Einrichtung: „Wenn wir in Lennep kein Outlet kriegen, wäre da Platz frei.“

Jenni Germunds Kinder spielen gern auf den Spielplätzen nahe des Kothener Buschs: „Man will den kranken Menschen ja auch nichts unterstellen. Aber ein Wald oder ein Park ist doch der ideale Ort dafür. Ich werde meine Kinder dort dann nicht mehr allein spielen lassen“, sagt sie.

Die Kinder und Jugendlichen im Viertel machen sich ebenfalls Gedanken. „Ich will nicht, dass die hier rumlaufen. Wenn ich noch in der Grundschule wäre, hätte ich richtig Angst“, sagte Carolin Tödter. Regina Maura sah nicht nur Gefahren für Minderjährige: „Nicht nur unsere Kinder sind betroffen, auch wir Frauen.“ 

In der Nachbarschaft formiert sich der Widerstand

Für Birgit Pienisch gibt es nur eine Lösung: „Wir müssen uns geballt wehren.“ Petra Schug begann schon mit dem öffentlichen Protest. Sie war zum WZ-Mobil mit einem großen Pappschild um den Hals gekommen. Die Aufschrift: „Wir wollen keine Forensik, wir wollen einen Discounter.“ Sie sagte: „Ich habe eine stinkende Wut. Unsere Immobilie verliert an Wert. Hier oben haben wir noch nicht mal ein Geschäft, aber eine Forensik wird hier gebaut.“ Auch Ingeborg und Harald Hannig beschwerten sich über das Angebot auf Lichtscheid. „Hier wird alles zugebaut, aber ein Sportplatz für unsere Enkelkinder gibt es nicht. Früher sind wir am Toelleturm spazieren gegangen und jetzt. . . ?“, sagten sie.

Stinksauer über die geplante Ansiedlung war auch Hans-Hermann Lücke (CDU), der Barmer Bezirksbürgermeister. „Das ist eine selbstherrliche Entscheidung.“ Auch die Bezirksvertretung werde sicher noch über das Thema diskutieren, wenngleich die Einflussmöglichkeiten begrenzt seien. „Warum hier?“, fragte er. Bei der Suche nach einem geeigneteren Standort „würde ich mich beteiligen“, sagte Lücke.

„Ich bin realistisch. Ein Verbot werden wir nicht erreichen“, sagte Claudia Otte, Initiatorin der Facebook-Seite gegen die Forensik. Aber es gebe eben bessere Standorte. „Und was uns interessiert, ist die Frage: Wieviele von den 150 Plätzen sind für Sexualstraftäter?“

Auch Georg Weber kritisierte die Ministerin. „So ein Vorschlag kommt ausgerechnet von einer Grünen.“ Es habe gar keine Bürgerbeteiligung gegeben. „Das ist doch eine Bankrotterklärung der Grünen an die eigenen Ideale.“