Das Müllheizkraftwerk verbrennt 400 000 Tonnen Abfälle im Jahr und nutzt den Wasserdampf für Strom.

Conrad Tschersich.
Conrad Tschersich.

Conrad Tschersich.

Stefan Fries

Conrad Tschersich.

Küllenhahn. Die schwere Metalltür hat nur eine kleine Öffnung. Die dicke Scheibe gewährt einen direkten Einblick in den Schlund der Hölle. Aus einer Feuerwand tief unten züngeln und lecken die Flammen gierig nach oben. Ihr warmer Widerschein spiegelt sich in der Scheibe, die Hitze ist auch auf der anderen Seite noch als schwacher Hauch der Glut im Zentrum des Ofens spürbar.

Blick in

verborgene Welten

„Dort unten verbrennt der Müll bei einer Flammentemperatur von 1300 Grad Celsius“, sagt Conrad Tschersich. Der 54-Jährige ist Technischer Geschäftsführer des Müllheizkraftwerks auf Küllenhahn. Er kennt die riesige Anlage wie sein eigenes Wohnzimmer und aus jedem seiner Worte spricht die Begeisterung für die Technik. „Jeder Ofen setzt soviel Energie frei wie 22 500 Herdplatten bei voller Leistung. Das nutzen wir, um daraus Wasser zu verdampfen und daraus Strom zu gewinnen. Bis zu 70 000 Megawattstunden speisen wir im Jahr ein. Das entspricht bis zu sieben Millionen Liter Heizöl.“

„Wir mischen hier den Müll. Das ist wie bei einem Schichtsalat, wir wollen von allem etwas haben.“

Conrad Tschersich

Die Schritte hallen hohl von den Betonwänden im Treppenhaus wider. Eine weitere schwere Metalltür führt zu einem Gang, an dessen Ende Christof Wolke und Andreas Kostenpfennig auf Drehstühlen vor einer großen Scheibe sitzen. Jenseits davon graben sich zwei große Greifer in einen Berg aus bunten Fetzen. Mit einem geübten Zug am Hebel in seiner Rechten lässt Christof Wolke den Kran aufsteigen. Lange Stoffbahnen schweben mit nach oben. Mit Links lässt der Kranfahrer die so genannte Katze näher an sich heranfahren und öffnet dann den Greifer. Wie Riesen-Konfetti rieselt der Müll auf einen kleinen Hügel herab.

„Wir mischen hier den Müll. Das ist wie bei einem Schichtsalat, wir wollen von allem etwas haben“, erklärt Conrad Tschersich mit einem Blick in den Betonbunker. Denn nicht alles brennt gleich gut. Während die alte Matratze sogleich in Flammen aufgeht, ist das Stück Bauschutt nur schwer entflammbar. „Metalle filtern wir vorher heraus. Das hat nicht nur ökologische Vorteile. Die Erlöse aus dem Verkauf schreiben wir dem Gebührenzahler gut“, erläutert Conrad Tschersich das System.

Ein Glockensignal ertönt. „Der Kessel meldet sich, dass der Nachschub braucht“, sagt der Technische Leiter. Mit einem Hebelzug lässt Andreas Kistenpfennig seinen Greifer in den Müllberg tauchen. Vollbepackt schnellt er an der Seilwinde nach oben, ein weiterer Hebelzug lässt den Kran nach rechts fahren, bis der Greifer über dem Trichter baumelt. Auf Knopfdruck öffnen sich die Arme und die bunte Ladung verschwindet in der Tiefe.

Den Blick konzentriert nach vorne gerichtet, fährt Andreas Kistenpfennig die Anlage zurück. Er erinnert sich noch lebhaft an seinen Schrecken, als eines Tages ein Arm aus einer Ladung ragte. „Im ersten Moment habe ich Herzrasen bekommen. Doch bei näherem Hinsehen war es nur eine Schaufensterpuppe. Ich war unglaublich erleichtert.“ Eine Würgeschlange hat er auch schon einmal aufgegabelt. „Wir haben sofort den Zoo angerufen und das Tier ganz vorsichtig herausgeholt. Doch es war schon zu stark verletzt.“

Zwei Treppen weiter öffnet sich die nächste Tür zum Gehirn der Anlage. Auf einer Wand aus Bildschirmen züngeln Flammen und blinken Schaltbilder. Verschiedene Diagramme zeigen Zackenlinien, die an ein EKG erinnern. Aziz Bounou sitzt auf einem Bürostuhl davor und behält gemeinsam mit seinen Kollegen den Überblick. „Anfangs war ich von der Informationsflut auch erschlagen“, gibt der Kraftwerker offen zu. „Doch ich habe die Anlage schnell kennen gelernt. Inzwischen sehe ich vieles aus dem Augenwinkel.“

Die Tür schließt sich, eine nächste öffnet sich wieder zum Treppenhaus. Höher und immer höher führen die Stufen empor. Auf dem Dach der Anlage weht ein frischer Wind. „Der höchste Punkt liegt bei 50 Metern“, sagt Tschersich. Er deutet auf einen großen grauen Hügel, der von hier oben wie ein kleiner Kegel wirkt. Bagger und LKW umkreisen ihn wie Spielzeugfahrzeuge. „Das ist die fertige Schlacke. Dort unter der Traglufthalle sieben wir die Metalle heraus.“

Weißer Rauch steigt von unten herauf und vernebelt kurz den Blick auf die grünen Hügel ringsum „Das ist Wasserdampf“, sagt Conrad Tschersich. Er muss sich oft gegen den Vorwurf wehren, die Anlage sei eine Schmutzschleuder. „Unsere moderne Rauchgasreinigung macht uns aber zu seiner Schadstoffsenke.“ Er zeigt auf den Schornstein des Kraftwerks Elberfeld in der Ferne. „Mit der neuen Fernwärmetrasse können wir das künftig ersetzen.“ Dann atmet er tief die frische Luft ein und lauscht einen Moment dem Vogelgezwitscher.

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