Jürgen Scheugenpflug ist Wuppertaler Kabarettist und Leiter der Kabarett-Academy. In seinem satirischen Wochen-Rückblick kommentiert er Ereignisse aus dem Stadtleben.

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät? Am übernächsten Sonntag ist es endlich soweit, die Kommunalwahl steht vor der Rathaustür und der Wähler vor der Kabine. Damit wir uns richtig entscheiden können, helfen uns die politischen Parteien entweder mit populistischen Forderungen oder utopischen, allzu optimistischen Versprechungen, die auf Plakaten und Broschüren oder persönlich in der Innenstadt unters Wahlvolk gebracht werden. Fragt man die Kandidaten oder deren Helfer jedoch konkret, warum sie im Rahmen des "Wahlkampfes" unter ihren Baumarkt-Beduinenzelten die Fußgängerzone bevölkern, eilen sie von einer geistigen Notdurft zur nächsten.

"Hauptsache keine Extreme", lautete die geistreiche Antwort eines akkurat frisierten Demokraten auf die Frage eines rüstigen Rentners, wer das Rennen denn machen würde. Da werden Sie geholfen. Fast schon beängstigend das Bildmaterial, das uns an jeder Ecke angrinst. Es überrascht, wie viele politisch Interessierte es im Tal gibt, die künftig ihre Freizeit im Rat der Stadt Wuppertal verbringen wollen.

Echte Kuriositäten sind auch darunter. Warum Eckhard Arens, CDU-Kandidat für den Hombüchel, einen antiquierten Telefonhörer in der Hand, aber nicht wirklich am Ohr hat, bleibt für den geneigten Betrachter wohl ein süßes Geheimnis.

Die SPD dagegen versuchte es zunächst mit dem subtilen Bilderrätsel "Wir sind Bell". Nicht Alexander Graham ist gemeint, sondern Dietmar Bell, der zunächst nicht etwa mit seinem Konterfei warb, sondern mit potentiellem Wählervolk. Bescheidene Zurückhaltung tut gut in diesen Zeiten der massiven Profilneurosen. Doch jetzt erscheint er persönlich auf der Bildfläche und springt lebensfroh ins Auge des Betrachters. Und im Trailer auf seiner Webseite geht das rote SPD-Logo in die Luft und vereinigt sich mit einer quietschgrünen Schwebebahn - Koalitionswunsch inklusive?

Da bedankt sich der grüne Lorenz Bahr herzlich. Als Krönung kann man noch ein Urlaubsvideo Bells mit Prominenten bestaunen: Tiefensee ohne Haarteil, Müntefering ohne Freundin, Hannelore Kraft ohne Ahnung und, leider etwas im Hintergrund, Manfred Zöllmer mit roter Krawatte.

Die FDP-Plakate kommen leider ein wenig farblos daher. Zehn Prozent plus X als Zustimmung zum Ausverkauf städtischer Töchter ist ein Ziel des jugendlichen Anführers Marcel Hafke. Das erinnert doch sehr an einen Autoverkäufer.

Souverän dagegen das Statement des amtierenden OB, dessen gestochen scharfes Konterfei anmutig mit dem Slogan korrespondiert: "Gemeinsam das Konjunkturpaket umsetzen". Wie das aussieht, erfahren wir aber erst nach den Wahlen, damit wir vorher nicht sorgengebeutelt um den Schlaf gebracht werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt, am Döppersberg, auf der Trasse oder sonst wo. Ehrenwort.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer