Nachdenken über die Zukunft der Sinfoniker: Gutachten zum Bergischen Land sorgt für Wirbel.

Matthias Nocke muss Wunsch und Machbares abwägen.
Matthias Nocke muss Wunsch und Machbares abwägen.

Matthias Nocke muss Wunsch und Machbares abwägen.

Andreas Fischer

Matthias Nocke muss Wunsch und Machbares abwägen.

Wuppertal. Herr Nocke, das Kulturgutachten schlägt hohe Wellen. Wie viel Wind spüren Sie im Gesicht? Matthias Nocke: Hohe Wellen bedeuten, dass der Wind aus einer Richtung bläst. An der Küste sind Ebbe und Flut berechenbar. Solche planbaren Szenarien sind für mich der pure Luxus. Wenn Sie in meinem Verantwortungsbereich einen Deich errichtet haben, um etwas sturm- und wetterfest zu machen, droht Ihnen im nächsten Moment die Überflutung an anderer Stelle. Theater, Orchester, freie Szene, Museen, Schulpolitik, oder der Sport: Die Vielzahl der „Baustellen“ macht die Belastung aus – zu einem Zeitpunkt, wo jede Institution von der Stadthalle über die Bibliothek bis zu bergischen Gemeinschaftsprojekten wie der VHS oder Schloss Burg ihre ganze Aufmerksamkeit erfordert.

„Es ist schwer, nach den Sternen zu greifen, wenn gerade die Erde wackelt.“ Gibt es auch Rückenwind? Nocke: Leider machen sich zu wenige bewusst, wie viel Kraft es Verwaltung und Politik kostet, bei Personaleinsparungen von drei Millionen Euro jährlich den Betrieb in vertretbarer Qualität aufrecht zu erhalten. Bereits die Ersatzbeschaffung einer Schubkarre im Zoo unterliegt der Genehmigung durch die Bezirksregierung. Aber es gibt auch viel Unterstützung: ehrenamtliches Engagement und den Einsatz von privatem Geld. Wuppertal ist jede Stunde wert. Inwieweit waren Sie in den Prozess des Gutachtens involviert?

Matthias Nocke (CDU) ist Dezernent für Kultur, Schule und Sport.
 

Die WZ hat in den vergangenen Tagen ausführlich über das Gutachten berichtet, das von der Beraterfirma Actori erstellt wurde. Am Mittwoch, 9. Februar, wird es um 16 Uhr im Kulturausschuss öffentlich vorgestellt. Da nach der Berichterstattung und den Reaktionen auf die im Gutachten durchgespielten Szenarien mit einem großen Andrang interessierter Zuhörer gerechnet wird, ändert sich der Ort. Statt, wie geplant, im Engelshaus tagt der Ausschuss nun im Ratssaal im Rathaus Barmen.

Nocke: Nach der Entscheidung der drei Oberbürgermeister, ein Gutachten zur Prüfung der Chancen und Risiken der Zusammenarbeit im Bereich Theater und Konzerte mit 90 Prozent Landesförderung in Auftrag zu geben, habe ich gemeinsam mit unserem Bühnengeschäftsführer, Enno Schaarwächter, an Vorbereitungen in der Düsseldorfer Staatskanzlei teilgenommen. Der Startschuss fiel am 6. Juli, es folgten drei Lenkungsausschüsse. Nachdem in den vergangenen Jahren in zyklischen Intervallen Kooperationen oder Fusionen unserer philharmonischen Orchester öffentlich diskutiert worden sind, wäre es unsinnig und unglaubwürdig gewesen, die Vor- und Nachteile einer Orchester-Fusion nicht prüfen zu lassen. Unabhängig vom Ausgang müssen wir uns dieser Diskussion stellen und sie führen. Bei allem Respekt gegenüber den Bergischen Symphonikern: Das Wuppertaler Sinfonieorchester spielt in einer deutlich höheren Musikliga. Kann man aus künstlerischer Sicht überhaupt für eine Fusion sein? Nocke: Auch die bergischen Kollegen machen ihrem Publikum Freude. Unsere „romeriken Berge“ können sich glücklich schätzen, über zwei Sinfonieorchester zu verfügen. Die Frage ist: Hat das Zukunft? Gefährden wir beide Orchester in ihrer Existenz, wenn wir nicht handeln? Aufgrund des drohenden Eintritts der Überschuldung können wir freiwerdende Stellen zurzeit nur auf ein Jahr befristet besetzen. Unser Orchester verfügt bislang über zehn unbesetzte Stellen, von denen nur zwei, die Konzertmeisterstelle und die Solobratsche, unbefristet besetzt werden dürfen. Es ist keine Frage, dass ein guter Musiker sich lieber auf eine unbefristete Stelle in einem Orchester bewirbt, dessen Zukunft geklärt ist. Ich bleibe hartnäckig: Kann man aus künstlerischer Sicht für eine Fusion sein? Nocke: Im siebten Jahr der Zusammenarbeit mit Toshiyuki Kamioka hat sich unser Sinfonieorchester in die Spitzengruppe des Mittelbaus der deutschen Kulturorchester gespielt. Ich weiß sehr wohl, dass uns der Durchbruch in die Spitzengruppe der deutschen Sinfonieorchester gelingen könnte, wenn wir denn in der Lage wären, unserem Orchester eine ausreichende finanzielle Grundlage zu gewähren. Aber es ist schwer, nach den Sternen zu greifen, wenn gerade die Erde wackelt.

„Herr Kamioka genießt die volle Unterstützung und das uneingeschränkte Vertrauen der Stadt Wuppertal.“ Welche Auswirkungen fürchten Sie ganz konkret? Nocke: Im Gutachten wird die qualitative Gefährdung unseres Klangkörpers nicht schön geredet. Beschrieben sind auch die Auswirkungen auf das Publikum und die Stadthalle. So werden die Sinfoniekonzerte zum Beispiel nicht mehr zwei Mal, sondern nur noch ein Mal gespielt werden können. Derzeit haben wir an einem Konzert-Wochenende bis zu 2500 Zuhörer. Künftig könnten es maximal 1400 sein. Für die veränderte Qualität zwei sich zusammenfindender Orchester wird der derzeitige Eintrittspreis nicht mehr klaglos gezahlt werden. Dabei hat Wuppertal eigentliche Pfunde, mit denen es wuchern müsste. Nocke: Wuppertal ist eine Musikstadt und das Orchester der internationale Träger dieser Botschaft: Wuppertal hat eines der besten Konzerthäuser des Kontinents, Musik- und Tanztheater, ist ein aufstrebender Standort der Musikhochschule Köln, hat eine sehr gute, große Musikschule und eine lebendige freie Szene mit vielen Impulsen im Bereich der modernen Musik oder des Jazz. Das einzigartige Musikleben dieser Stadt ist mit seinem Orchester vielfältig verwoben. Das Education-Team des Orchesters erreicht pro Jahr 7000 Wuppertaler Schüler und Jugendliche. Aber: Wenn es uns nicht gelingt, unsere musikalische Qualität und Vielfalt und die dafür zur Verfügung stehenden Finanzen zur Deckung zu bringen, haben wir ein massives Problem. In Remscheid und Solingen beißt man sich offensichtlich daran fest, dass Wuppertal kein A-Orchester habe und ein gemeinsamer bergischer Klangkörper ein Top-Ensemble mit neuer Klangfülle werden könnte. Halten Sie das für realistisch? Nocke: Nun, ich habe nichts gegen Phantasie und ambitionierte Ziele. Im Gutachten spricht man von geglückten Fusionen, wenn Orchester noch fortbestehen. Die bloße Existenz eines Orchesters unter dem Zwang der Verhältnisse vermag nicht wirklich zu befriedigen. Es gibt dafür in der Orchesterlandschaft Beispiele. Wuppertal hat ein A-Orchester. Orchester in dieser Größenordnung werden auch von 15 anderen Städten als A-Orchester unterhalten. Auch Hamburg und München setzen auf Klasse statt Masse. Es ist die Aufgabe und das Recht der künstlerischen Leitung unseres Orchesters, auf Qualität zu setzen. Herr Kamioka genießt die volle Unterstützung und das uneingeschränkte Vertrauen der Stadt Wuppertal.

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