Jahrelang arbeitete ein Wuppertaler als Gehilfe eines Zuhälters und brachte Frauen zur Prostitution. Sein Ex-Boss sitzt nun im Gefängnis. Der Gehilfe packt aus.

Klaus Meier in „Arbeitskleidung“ – so bewegte er sich in den Kreisen von Zuhältern, Prostituierten und Freiern. Eine Welt, die er jetzt hinter sich gelassen hat.
Klaus Meier in „Arbeitskleidung“ – so bewegte er sich in den Kreisen von Zuhältern, Prostituierten und Freiern. Eine Welt, die er jetzt hinter sich gelassen hat.

Klaus Meier in „Arbeitskleidung“ – so bewegte er sich in den Kreisen von Zuhältern, Prostituierten und Freiern. Eine Welt, die er jetzt hinter sich gelassen hat.

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Klaus Meier in „Arbeitskleidung“ – so bewegte er sich in den Kreisen von Zuhältern, Prostituierten und Freiern. Eine Welt, die er jetzt hinter sich gelassen hat.

Wuppertal. Zuhälterei - zwölf Jahre hat Klaus Meier (Name von der Redaktion geändert) sein Geld damit verdient. Jetzt hat der 39-Jährige Schluss mit seinem Job als Gehilfe eines Zuhälters gemacht. Zu viel hat er inzwischen zu verlieren, sagt er und denkt an seine Frau und an seinen Sohn. Lange Zeit hat der Wuppertaler unbekümmert damit gelebt, doch eine Verurteilung hat ihm vor Augen geführt, auf welchem dünnen Eis er sich mit seinem Beruf bewegt. Jetzt erklärt er, sein Leben ändern zu wollen.

Doch vorher packt er aus, will angeblich ein anderes Bild von seiner "Zunft" vermitteln. Seine Worte aber entlarven einen Mann, der sich niemals die Mühe gemacht hat, das Schicksal der Frauen zu sehen, die für ihn und seinen Boss auf den Strich gingen. Ihre Not oder ihre Sorgen wahrzunehmen, vielleicht auch Mitleid zu empfinden. Ob ihm das alte Leben fehlen wird? Klaus Meier denkt einen Moment nach, dann sagt er: "Es ist einfach schade, dass dadurch viele Mädchen nicht mehr die Chance bekommen, hier ein besseres Leben zu führen."

"Wenn eine ,Nein’ sagt, wird sie in Ruhe gelassen."

Klaus Meier über das Anwerben von Au-Pair-Mädchen...

Sätze, wie dieser fallen immer wieder. Kein Zeichen von Reue, kein Bedauern. Für Meier ist der Fall klar. Freiwillig hätten die Mädchen für ihn und seinen Chef gearbeitet, weil sie einfach nur hier bleiben wollten, behauptet er. Hier, das ist in Deutschland und weit weg von dem ärmlichen Leben ihrer Heimat Osteuropa.

Zwischen 20 und 25 Jahre alt sind die jungen Frauen aus Russland, der Ukraine oder Rumänien, die oft in Deutschland als Au-Pair-Mädchen arbeiten und die für die Arbeit als Prostituierte in Frage kommen. Keine von ihnen wolle zurück in ihr altes Leben, sagt Meier. Statt dessen hofften sie, hier in Deutschland Kontakte zu knüpfen. Das gelinge aber nur den wenigsten. Und genau da setzt das perfide System der Zuhälter an.

"Bei Treffen solcher Au-Pair-Mädchen saß dann regelmäßig eine Frau, die für uns arbeitete", erzählt Meier. Als eine Art "Head-Hunterin" beobachtete sie dort die Mädchen und hielt die Ohren auf, welche besonders laut über die nahende Abreise klagten. "Die wurden auf ihre Attraktivität und ihren Marktwert gecheckt und dann zu einem Disco-Abend eingeladen", verrät der Insider ohne jede Scham. Besonders gefragt seien auf dem Strich jung und knabenhaft aussehende Frauen. Die hätten laut Meier etwa 150 Euro pro halbe Stunde verdient.

"Wir richten den Mädchen ein komfortables Leben ein, da muss das Geld wieder reinkommen."

... über klare Absprachen

Die Caritas Wuppertal gründete das Projekt zur freiwilligen Rückkehr von Frauen in ihre Heimatländer im September 2007. EVA richtet sich an Frauen, die Opfer von Menschenhandel, Prostitution und Zwangsheirat wurden. Vorwiegend handelt es sich dabei um Frauen aus den Ländern (Süd-)Osteuropas, aber auch aus Asien und Afrika.

Das Projekt will mit den Frauen Perspektiven für eine würdevolle Rückkehr in die Heimat entwickeln. Dazu geben die Mitarbeiter der Caritas Hilfestellung - sie begleiten die Frauen bei den Behördengängen, besorgen Informationen zur Situation in den Heimatländern, beschaffen die erforderlichen Reisedokumente, sorgen für medizinische Betreuung und vermitteln Arbeitsangebote sowie Qualifizierungsmaßnahmen im Heimatland. Kurz: Sie geben ihnen das Gefühl, mit ihren Sorgen nicht alleine zu sein.

2009 ließen sich knapp 20 Frauen bei EVA beraten. 5,9 Prozent von ihnen waren zwischen 16 und 22 Jahre alt, 23,5 Prozent älter als 24 Jahre.

Seit Anfang dieses Jahres gibt es bei der Caritas auch das Projekt "Magdalena". Im Gegensatz zu "Eva" geht es hier nicht um Flüchtlingsfrauen, sondern um Frauen aus den neuen EU-Ländern in Osteuropa. Für diese sollen Perspektiven geschaffen werden.

Caritasverband Wuppertal, Elisabeth Cleary, Hünefeldstraße 54 a, Telefon 280 52 17 oder per Mail an: elisabeth.cleary@ caritas-wsg.de

Es gibt keine Schamgrenze. "Am besten sind natürlich Jungfrauen, am allerbesten die aus Kasachstan", sagt er. Die seien nämlich meist Muslima und daher sexuell unerfahren. An ihre Religion, an Prinzipien oder Gefühle denkt er nicht. Für ihn sei das "rein geschäftlich". In der Disco, so plaudert Meier weiter unverblümt aus dem Leben eines Zuhälters, gab es neben Alkohol dann auch die passenden "Frauengespräche". Dabei schwärmte die Head-Hunterin dem Mädchen vor, wie toll ein Leben mit viel Sex und vielen Männern sei. "Wenn eine ,Nein’ sagte, dann wurde sie in Ruhe gelassen", beteuert Meier. War sie jedoch offen für den Gedanken, dann kam der Zuhälter ins Spiel.

Der machte der jungen Frau dann ein Angebot: Eine Woche Arbeit auf Probe, bei der sie das komplette Geld behalten durfte. Dann musste sie sich entscheiden. Wählte sie das Leben auf dem Strich, dann musste sie einen Drei-Jahres-Vertrag unterschreiben. Von ihrem Lohn durfte sie dann nur noch die Hälfte behalten, dafür wurde sie mit einem deutschen Mann verheiratet, bekam den deutschen Pass und durfte in Deutschland bleiben. Um diesen Part kümmerte sich Meier persönlich. Er suchte Männer für Scheinehen mit den Prostituierten aus. Für einen einmaligen Obolus von 500 bis 800 Euro sagten sie zu, danach gab’s eine monatliche Zahlung.

Meier sorgte dafür, dass die Männer anständig aussahen, drogenfrei lebten, richtete die Wohnung her, organisierte die Hochzeit und bereitete die plötzlichen Partner auf die Fragen der Ausländerbehörde vor. "Schließlich mussten beide wie ein richtiges Paar wirken", erklärt Meier.

Das Geschäft mit der gekauften Liebe funktioniere mit klaren Absprachen und Verträgen. "Wir haben den Mädels hier ein komfortables Leben eingerichtet", behauptet Meier, "da musste ihnen klar sein, dass das Geld auch wieder reinkommen muss." Welche Leistungen die Mädchen den Freiern anboten, sei ihnen selbst überlassen gewesen. Am Ende habe nur gezählt, dass das Geld stimmt.

Das Prinzip der Freiwilligkeit habe dort geendet, wo das Geld ausblieb oder ein Mädchen aus dem Vertrag aussteigen wollte. "Gewalt haben wir nicht angewendet", versichert Meier, aber: "Wir haben die Mädchen vor die Wahl gestellt, den Vertrag einzuhalten oder in den nächsten Flieger zu steigen. Wenn Leute sich nicht an Verträge halten, hat das eben Konsequenzen - wie überall." In den Flieger sei aber keine der Frauen gestiegen.

"Wenn Leute sich nicht an Verträge halten, dann hat das Konsequenzen."

... und über Frauen, die aussteigen wollen.

Meier ist überzeugt, dass es den jungen Frauen hier gut gegangen sei. Er fuhr sie zur Arbeit - die Mädchen gingen in Dortmund auf den Strich -, er wachte über sie, dass weder Freier noch Ehemänner handgreiflich gegen sie wurden, begleitete sie zum Shoppen und verabreichte ihnen die Pille. Auch hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Ziel war es, dass alle Frauen gleichzeitig ihre Periode bekamen - so waren die Kontrollzeiten am effektivsten. Dennoch behauptet Meier: "Die Mädchen hatten bei uns alle Freiheiten."

Freiheiten, die zweien von ihnen offenbar nicht genug waren. Sie hatten Freier kennengelernt, die sie ganz für sich haben, sie nicht mehr mit anderen Männern teilen wollten. Doch statt dem Zuhälter eine Abfindung zu zahlen, wie diese es gefordert hatten, haben sie Anzeige bei der Polizei erstattet. Meiers Chef wanderte in den Knast, er selbst steht nun unter Bewährung.

Doch dieses Kapitel seines Lebens sei nun abgeschlossen. Gewissensbisse plagen Meier rückblickend nicht. "Rechtlich war es falsch, menschlich jedoch völlig in Ordnung", ist er auch heute noch völlig uneinsichtig.

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