Lothar Leuschen
Lothar Leuschen

Lothar Leuschen

Schwartz, Anna (as)

Lothar Leuschen

Für ein paar Dutzend Wuppertaler war der vergangene Mittwoch kein Tag wie jeder andere. Sie sahen sich plötzlich von etwas bedroht, das in Deutschland so lange her und heute so weit weg ist. In Hahnenfurth schlummerte eine Fliegerbombe im Boden, sicher eingepackt von Lehm und Erde, gesichert zwar, aber womöglich immer noch in der Lage, Tod und Tränen über Wuppertal zu bringen. Für den einen oder anderen mag das der Moment gewesen sein, in dem er noch besser versteht, warum heutzutage Millionen von Menschen weltweit unterwegs sind, um irgendwo, auch in Deutschland Schutz, Sicherheit und Frieden zu finden. Vielleicht ist manchen in diesen Stunden aufgegangen, dass Grenzen im Notfall Probleme schaffen und keine Probleme lösen. Vermutlich werden die meisten aber auf die gewohnte Expertise des Kampfmittelräumdienstes vertraut haben. Die Leute sind geübt im Umgang mit den Hinterlassenschaften der dunkelsten Jahre Europas. Sie wissen, was sie tun, sie tun es perfekt. Und sie sind nicht die Einzigen.

Der Mittwoch in Hahnenfurth hat gezeigt, in welch einer hervorragend organisierten Welt fast 360 000 Wuppertaler das Glück haben, leben zu dürfen. In kurzer Zeit war alles unter Kontrolle, war die Fundstelle abgesperrt, schafften Polizei und Ordnungsdienst klare Regeln für alle Beteiligten und waren Rettungskräfte an Ort und Stelle. Selbstverständlich gab es schnell eine Sammelunterkunft für jene, die ihre Häuser verlassen mussten. Wie von Geisterhand standen Getränke für diejenigen bereit, denen der Bombenfund so viel Unannehmlichkeiten machte. Johanniter, Feuerwehr und wie sie alle heißen waren da, um ihren Dienst an den Menschen zu verrichten.

Es mag witzig klingen, dass ein Johanniter beklagte, der Einsatz sei so schnell vorübergegangen, dass der Kuchen für die Anwohner nicht rechtzeitig auftauen konnte. Aber die leicht enttäuscht wirkende Aussage des Helfers zeigt, auf welchem Niveau Hilfsdienste auch in Wuppertal organisiert sind. Wasser, Kaffee, Tee und dazu ein Stückchen Kuchen, während ein paar Hundert Meter weiter Menschen ihr Leben riskieren, um einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg zu entschärfen. Das ist der Standard.

Ja, es gibt immer noch viel zu meckern in Wuppertal. Marode Gebäude, marode Straßen, zu wenig Beschäftigung für zu viele Suchende, die Stadt hat wie viele andere kein Geld für Luxus, was sie sich zum Wohle ihrer Bürger leistet, muss sie an anderer Stelle zulasten ihrer Bürger einsparen. Das ist oft ärgerlich und unangenehm. Und vieles davon wäre mit ein bisschen mehr gutem Willen im Rathaus vielleicht sogar zu verbessern.

Aber der Mittwoch in Hahnenfurth, der letztlich fast harmlos wirkende Zwischenfall, der nicht rechtzeitig aufgetaute Kuchen der Johanniter haben daran erinnert, dass in Wuppertal sehr viel sehr gut funktioniert. Das Glas ist halbvoll, mindestens.

Bei aller Sorge über die Dinge, die auch auf Wuppertal zukommen werden, zeigt so ein Mittwoch, dass genügend Kraft vorhanden ist, Veränderungen beispielsweise durch Digitalisierung, durch Zuwanderung, durch den demografischen Wandel zu bewältigen. Von selbst ging nichts, geht nichts und wird nichts gehen. Und es gibt auch nichts umsonst.

Aber der wegen perfekter Arbeit von Kampfmittelräumern, Polizei, Feuerwehr, Ordnungs- und Rettungsdiensten nicht rechtzeitig aufgetaute Kuchen ist der sichere Beweis dafür, dass alles gehen kann, was gehen muss. Auch und erst recht in Wuppertal.

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