Kolumnist Uwe Becker tauscht Fußball gegen Kunst.

Kolumnist Uwe Becker tauscht Fußball gegen Kunst.
Uwe Becker, 1954 in Wuppertal geboren, ist Chefredakteur des Wuppertaler Satiremagazins Italien und Mitarbeiter des Frankfurter Satiremagazins Titanic. Jeden Mittwoch schreibt er in der WZ über sein Wuppertal.

Uwe Becker, 1954 in Wuppertal geboren, ist Chefredakteur des Wuppertaler Satiremagazins Italien und Mitarbeiter des Frankfurter Satiremagazins Titanic. Jeden Mittwoch schreibt er in der WZ über sein Wuppertal.

Joachim Schmitz

Uwe Becker, 1954 in Wuppertal geboren, ist Chefredakteur des Wuppertaler Satiremagazins Italien und Mitarbeiter des Frankfurter Satiremagazins Titanic. Jeden Mittwoch schreibt er in der WZ über sein Wuppertal.

Der Abstieg meines Lieblingsvereins aus der 1. Bundesliga fällt in eine Zeit, in der mein Interesse für den Profifußball schon stark nachgelassen hat, und sich daher meine Trauer in Grenzen hält. Aber nicht nur die Machenschaften eines Franz Beckenbauer, des DFB und des Weltverbandes FIFA haben mich dazu bewogen, zum einst so geliebten Fußballsport ab sofort eine gewisse Distanz zu wahren.

Kürzlich musste ich nämlich feststellen, dass viele Männer, mit denen ich regelmäßig Fußball-Spiele anschaue, nicht wissen, wer Woody Allen ist. Ich war darüber sehr entsetzt, und fragte mich, ob ich in den letzen 15 Jahren meine Freizeit wohl in falscher Gesellschaft verbracht hatte. Ich möchte mich daher in der zweiten Lebenshälfte nur noch den schönen Künsten widmen.

Begrabt mein

Herz in Wuppertal

Die ersten Weichen habe ich hierfür bereits gestellt. Gestern habe ich alle WM-Bildbände von 1930 bis 2014 an den kleinen Sohn meiner Nachbarin verschenkt, der sich so irre und überschwänglich darüber gefreut hat, dass ich fast unsicher wurde, ob ich mich wirklich von den tollen Büchern trennen sollte.

Morgen werde ich dann die Ausstellung „Jogi Löw und die Viererkette – Kimmich/Boateng/Hummels/Hector“ im Von der Heydt-Museum besichtigen. Nein, die Ausstellung heißt natürlich: „Jankel Adler und die Avantgarde – Chagall/Dix/Klee/Picasso“. Der Abschied vom Fußball, gerade vor einer Weltmeisterschaft, ich muss es gestehen, fällt mir natürlich nicht leicht.

Aber im Ernst, ich brauche dringend mal ein bisschen Niveau. Die leidenschaftliche Hingabe zum Volkssport Fußball hat meine Birne ausgehöhlt. Zukünftig muss ich einfach mehr italienische Opern in Barmen konsumieren statt Zweitliga-Fußball bei Sky go. Auch zum Ballett fühle ich mich hingezogen, mich fasziniert Bewegung, Dynamik und Rhythmus. Wenn ich ehrlich bin, ist der Expressionismus auch genau mein Ding, nicht nur, weil ich im Sommer gerne in Straßencafés sitze und den kleinen, italienischen schwarzen Kaffee genieße.

Aber kommen wir zurück zur Jankel Adler-Ausstellung in unserem wunderschönen Museum: Die Führung mit der hochqualifizierten Museumspädagogin dauert exakt 90 Minuten, was mich schon jetzt ein wenig irritiert. Nach 45 Minuten ist dann wahrscheinlich Halbzeit, und ich werde im Museums-Café einen Pausentee trinken, um danach frisch gestärkt die zweite Hälfte zu absolvieren.

Wenn die Führung dann pünktlich nach 90 Minuten abgepfiffen wird, werde ich mit einigen anderen Teilnehmern noch in die fußläufige Eckkneipe einkehren, um ihnen laut und bierselig zu erläutern, wie ich die Ausstellung gesehen und „gelesen“ habe: „Wer war besser, Dix, Chagall oder Klee? Jeder für sich nur nationale Klasse, im Team aber schon Weltklasse und hammerstark“ – „Jankel Adler ist mir zu teuer, und ich finde, er hat zu selten seine Leistung abgerufen.“ – „Und Pablo Picasso, hatte er überhaupt die Kondition für großformatige, flächendeckende Bilder?“ – „Otto Dix konnte ja links wie rechts malen!“ – „Bei Paul Klees Bildern fehlt mir am Ende immer der letzte tödliche Strich - meine Meinung.“ – „Chagall, ja Chagall, aber er ist mir mit seinem Pinsel einfach zu verspielt, einfach nicht konsequent genug.“

Sie merken, ich war einfach viel zu lange Fußball-Fan – hoffentlich wäscht sich das noch raus.

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