Christel Schilling hätte gern eine Parkerleichterung. Doch die Regeln sind unübersichtlich.

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Christel Schilling kann nur mit Krücken laufen. Sie bleibt daher oft zuhause.

Christel Schilling kann nur mit Krücken laufen. Sie bleibt daher oft zuhause.

Andreas Fischer

Christel Schilling kann nur mit Krücken laufen. Sie bleibt daher oft zuhause.

Wuppertal. Christel Schilling ist eine für ihr Alter junggebliebene 83-Jährige. Auf den ersten Blick. Denn die rüstig wirkende Dame ist schwerbehindert, hat einen Behinderungsgrad von 100 Prozent. Mehrere Bandscheibenoperationen, ein Herzschrittmacher, Arthrose in fast allen Gelenken, zwei OPs an beiden Daumengelenken, eine neue Hüfte, ein Trümmerbruch im Fußgelenk und eine Knieoperation haben dazu geführt, dass sie nur noch unter Schmerzen an Krücken gehen kann.

In der eigenen Wohnung nutzt sie einen Gehstock. Jeder Schritt fällt ihr schwer. Aber sie reißt sich zusammen, fährt sogar noch Auto. Automatik - denn kuppeln könnte sie mit dem linken Bein nicht mehr. "Und ich fahre nur kurze Strecken, die ich kenne. Also höchstens mal in die Stadt. Wenigstens ab und zu muss man doch auch mal etwas anderes sehen, als die eigenen vier Wände."

Nur - parken muss sie in der Stadt wie jeder andere auch, auf normalen Parkplätzen. Denn in ihrem Behindertenausweis hat sie die Merkzeichen "G" und "B". Das "aG", das für den blauen Parkausweis nötig ist, hat sie einige Male beantragt, es wurde aber immer abgelehnt. "Ich finde das paradox", sagt sie. "Ich bin zu 100 Prozent schwerbehindert. Mehr geht doch nicht." Es klingt fast resigniert.

Der orange Parkausweis könnte die Lösung für Christel Schilling sein

Aber "mehr" geht eben doch. Behindert ist nicht gleich behindert. Das "aG" bekommt nur, wer sich "wegen der Schwere seines Leidens dauernd nur mit fremder Hilfe oder nur mit großer Anstrengung" bewegen kann. Als Vergleichsmaßstab muss nach der Versorgungsmedizin-Verordnung am ehesten das Gehvermögen eines Doppeloberschenkelamputierten gelten.

Christel Schilling hilft diese Erkenntnis nicht weiter. Bei ihren Besuchen in der Stadt geht sie oft nur von einem Café ins andere. "Längere Strecken schaffe ich längst nicht mehr ohne Pause", sagt sie. Die Operationen an den Daumengelenken haben ihr Problem noch vergrößert. "Ich kann mich nicht mehr mit voller Kraft auf die Krücken stützen."

Der blaue Parkausweis für Schwerbehinderte ist europaweit gültig. Er steht Blinden und außergewöhnlich Gehbehinderten zu. Neben beispielsweise dem Parken im eingeschränkten Halteverbot oder im Zonenhalteverbot erlaubt er - ganz wichtig - das Parken auf Parkplätzen, die mit dem Rollstuhlfahrersymbol gekennzeichnet sind.

Der orange Parkausweis gilt nur deutschlandweit. Er gewährt im Großen und Ganzen dieselben Vergünstigungen wie der blaue Ausweis. Die wichtigste Einschränkung: Er gilt nicht auf Behindertenparkplätzen. Dafür darf beispielsweise an Parkuhren und bei Plätzen mit Parkscheinautomaten ohne Gebühr und Zeitbegrenzung geparkt werden.

Jeder Behindertenausweis kann neben dem prozentualen Grad der Behinderung (GdB) verschiedene Merkzeichen als Nachweis für besondere Beeinträchtigungen enthalten.

"G": Das Merkzeichen G bedeutet, dass die Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt ist. Vorraussetzung ist ein GdB von wenigstens 50. "B": Mit dem Merkzeichen B wird die Berechtigung zur Mitnahme einer Begleitperson nachgewiesen. "aG": Das Merkzeichen aG bedeutet, dass eine außergewöhnliche Gehbehinderung vorliegt. Dies betrifft Personen, die sich wegen der Schwere ihres Leidens dauernd nur mit fremder Hilfe oder nur mit großer Anstrengung bewegen können.

"h": Hilflose Personen erhalten das Merkzeichen H. "gl"/"bl": Bei Blindheit wird das Merkzeichen Bl zuerkannt. Gehörlose erhalten das Merkzeichen Gl. "RF": Das Merkzeichen RF weist die gesundheitlichen Voraussetzungen für die Befreiung von der Rundfunkgebührenpflicht nach.

Ihr Beispiel zeigt nicht nur, dass es zwischen den Merkzeichen "G" und "aG" Sonderfälle gibt, sondern auch, wie schwierig es für die Betroffenen ist, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Zwar gibt es alle Verordnungen, Paragraphen und Voraussetzungen im Internet, "aber damit kenne ich mich in meinem Alter nicht aus", sagt die 83-Jährige.

Spielregeln für die Parkerleichterungen

Hans-Bernd Engels, Vorsitzender des Behindertenbeirats, kann die Problematik nachvollziehen. "Aber die Gesetze sind nun einmal da. Irgendwo wird die Grenze gezogen. Für ein ,aG’ beispielsweise muss der Betroffene weniger als 30 Meter am Stück gehen können." Also gibt es für Fälle wie Christel Schilling keine Chance? "Doch", sagt Engels. "Es gibt noch einen orangen Parkausweis. Der nennt sich aG-light. Ob der im Falle von Frau Schilling ausgestellt werden kann, muss aber die zuständige Stelle entscheiden."

"Davon habe ich bisher noch nie gehört. Ich kannte nur den blauen Parkausweis und die Ausnahmegenehmigung für Handwerker", sagt die Betroffene. "Auf diese Möglichkeit bin ich auch nie hingewiesen worden." Reinhard Behr vom Ressort Straßen und Verkehr erklärt: "Es gibt Spielregeln, sprich Erlasse, wer welche Parkerleichterung bekommt. Die ärztliche Begutachtung dafür erfolgt gegebenenfalls durch den medizinischen Dienst."

Auch für ihn und seine Mitarbeiter sei das nicht immer leicht. "Auch uns trifft die Enttäuschung der Menschen, denen wir sagen müssen, dass sie keinen Ausweis bekommen."

Christel Schilling schöpft dennoch neue Hoffnung. Denn es geht ihr ja nicht darum, mit aller Gewalt als außergewöhnlich gehbehindert eingestuft zu werden, sondern um eine Erleichterung ihres Alltags.

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