WZ-Interview: Der Vorstandschef der Wuppertaler Stadtwerke kündigt höhere Gaspreise an und erklärt, warum ein sofortiger Ausstieg der Stadtwerke aus dem Atomstrom teuer für die Kunden würde.

Interview
Andreas Feicht, Vorstandschef der WSW, prognostiziert etwa 30 Prozent höhere Energiepreise.

Andreas Feicht, Vorstandschef der WSW, prognostiziert etwa 30 Prozent höhere Energiepreise.

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Andreas Feicht, Vorstandschef der WSW, prognostiziert etwa 30 Prozent höhere Energiepreise.

Herr Feicht, die Grünen fordern, dass die Wuppertaler Stadtwerke sofort den Bezug von Atomstrom beenden sollen. Was halten Sie davon?

Andreas Feicht: Wir arbeiten seit Jahren in Wuppertal daran, den Anteil des Atomstroms am Gesamtstrom zu verringern. Wir haben derzeit nur sieben Prozent Atomstrom in unserem Energiemix. Der Durchschnitt in Deutschland liegt bei etwa 20 Prozent. Wir werden durch die Inbetriebnahme unseres neuen Kraftwerks in Wilhelmshaven im Jahr 2013 den Anteil noch weiter reduzieren, etwa auf drei Prozent. Eine weitere Reduzierung wird uns dann noch durch den Ausbau der regenerativen Energien gelingen. Daher fühlen wir uns nicht kritisiert, sondern das ist eine Bestätigung unserer Strategie, die wir schon seit Jahren verfolgen.

Ist es für die Stadtwerke überhaupt möglich, den Atomstrom-Anteil sofort auf Null zu senken?

Feicht: Nein, das ist für niemanden in Deutschland möglich, auch nicht für die Ökostromanbieter. Das liegt daran, dass jeder Stromanbieter sogenannte Ausgleichsenergie benötigt. Denn jeder Strom wird quasi im Vorgriff beschafft. Wie viel Strom aber tatsächlich von den Kunden benötigt wird, hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab, wie etwa dem Wetter. Man braucht eventuell Ausgleichs- und Regelenergie, die man aus dem allgemeinen Strommarkt bezieht, um die zu dem Zeitpunkt geforderte Strommenge auch tatsächlich zur Verfügung stellen zu können. Da ist dann immer ein gewisser Anteil an Atomenergie dabei. Das lässt sich nicht verhindern.

Ist es aber nicht möglich, den Anteil des Atomstroms am planbaren Stromkauf an der Börse auf Null zu verringern?

Feicht: Das wäre theoretisch möglich, aber mit sehr hohen Kosten und Risiken verbunden.

Was würde das ihre Wuppertaler Stromkunden kosten?

Feicht: Insgesamt etwa zwei Millionen Euro pro Jahr, das haben wir in den vergangenen Tagen durchgerechnet. Das können wir nicht auf alle Kunden gleichmäßig verteilen, da wir bei den großen Industriekunden in einem sehr scharfen Wettbewerb stehen. Wir müssten die Steigerungen auf die Privat- und die Gewerbekunden umlegen. Das wären sicherlich 20 Prozent höhere Stromkosten. Das wäre unverhältnismäßig.

Die Wuppertaler haben schon die Möglichkeit, bei den WSW atomfreien Strom zu beziehen, oder?

Feicht: Genau, das ist unser Ökostrom-Angebot, WSW Strom Grün. Da haben wir aber immer noch relativ wenig Kunden.

Wie viele genau?

Feicht: Etwa 1000 Kunden von insgesamt 152 000 Haushalten in Wuppertal, wobei wir in den vergangenen Wochen mehr als 100 neue Kunden gewinnen konnten. Es ist nach wie vor ein Nischen-Produkt.

Wie viel teuerer ist der Ökostrom?

Feicht: Für eine vierköpfige Familie etwa 2,30 Euro im Monat.

Das ist ja nicht so viel?

Feicht: Nein, in der Tat nicht.

Was halten Sie von der Bergischen Energiewende?

Feicht: Es ist absolut notwendig, an dem regionalen Umbau der Energieerzeugung mitzuwirken und mitzuarbeiten. Es ist ganz klar, dass die Energiewende kommen muss. Sie wird aber einen langen Zeitraum in Anspruch nehmen.

Ist es möglich, den Energiebedarf des Bergischen Landes zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien zu decken?

Feicht: Das kann ich nicht beurteilen. In den nächsten 20 bis 30 Jahren werden wir erhebliche technologische Fortschritte haben. Sowohl bei der Erzeugung als auch bei der Energieeffizienz. Zum heutigen Zeitpunkt wäre es nicht möglich, das steht fest.

Wie teuer wird die Energiewende Ihrer Einschätzung nach?

Feicht: Da gehen die Meinungen sehr stark auseinander, aber die Energiekosten werden auf jeden Fall steigen. Das könnten 20 bis 30 Prozent der derzeitigen Kosten sein. Deswegen ist es notwendig, in den nächsten 20 bis 30 Jahren noch über einen ausgewogenen Energiemix zu verfügen. Dazu gehören auch Kohle und Gas, damit wir die Strompreise im Griff behalten können. Genauso wichtig ist aber auch die Energieeffizienz. Ohne technologische Fortschritte in dieser Richtung werden wir die Energiewende in Deutschland nicht schaffen.

Wie lange bleiben die Strompreise der WSW stabil?

Feicht: Auf jeden Fall in diesem Jahr. Für 2012 hängt das stark von der EEG-Umlage ab, die für die erneuerbaren Energien gezahlt werden muss. Derzeit haben wir zwar Preissteigerungen an den Großhandelsmärkten für Strom durch das Moratorium bei der Kernkraft. Das wirkt sich auf die Privatkunden in Wuppertal jedoch nicht aus, da wir Strom langfristig eingekauft haben.

Wie sieht es bei den Gaspreisen aus?

Feicht: Aufgrund der Ereignisse im Nahen Osten, aber auch wegen Fukushima sind die Gaspreise unter Druck, der Gasmarkt wird immer globaler. Ich gehe davon aus, dass die Preise nächstes Jahr aber vielleicht schon in den nächsten Monaten steigen werden.

Können Sie das genauer sagen?

Feicht: Es ist möglich, dass wir im Sommer erhöhen oder auch erst zu Beginn des nächsten Jahres. Das wissen wir derzeit noch nicht genau.

Aber es wird teurer?

Feicht: Darauf kann man sich einstellen.

Es gibt in der Stadt Menschen, die fordern, die Stadtwerke sollen ihre Verbindung mit dem französischen Konzern GDF Suez lösen, weil dieser Atomstrom produziert. Was halten Sie davon?

Feicht: Diese Forderung ist völlig unrealistisch und abstrus. Wir wussten, mit welchem Konzern wir uns verbinden, und wir haben uns aus guten Gründen für GDF Suez entschieden. Alle Hoffnungen und Ziele der Verbindung sind eingetreten, weswegen es für uns keinen Anlass gibt, darüber auch nur nachzudenken.

Was halten Sie persönlich von der Atomenergie?

Feicht: Ich bin der Meinung, man sollte dann auf Atomstrom verzichten, wenn man ihn nicht unbedingt braucht. Aus diesem Grund unterstütze ich auch die Bemühungen, aus der Atomenergie auszusteigen, das kann nach meiner Auffassung bis zum Jahr 2020/2022 gelingen. Wir werden aber die fossilen Kraftwerke als Brückentechnologie bis etwa zum Jahr 2050 weiterhin brauchen.